29/10/2026
„Während unserer mehr als 80 Tage [in Netzarim, Gaza] dort hat meine Brigade 160 bis 170 Menschen getötet. Nur bei einem Mann wurde vermutet, dass er eine Waffe trug. Niemand hat die Waffe gesehen.“
Gemeinsam mit dem SPIEGEL haben wir die Aussagen von zehn israelischen Soldaten veröffentlicht, die in Gaza im Einsatz waren. Hier sind einige Auszüge aus ihren Berichten:
NAZA-300: Bis zu 300 zivile Tote als Kollateralschaden einkalkuliert
„Beim Angriff auf einen hochrangigen Hamas-Mann wurden teils mehrere Hundert zivile Opfer in Kauf genommen. Ich erinnere mich an den Fall des Hamas-Kommandeurs von Dschabalia, Ibrahim Biari. [...] Unser Kommandeur versammelte uns wenige Stunden vor dem Angriff am 31. Oktober 2023 und sagte, der Generalstabschef habe den Angriff beschlossen. Dabei würden 300 zivile Opfer einkalkuliert. Der Angriff wurde tatsächlich ausgeführt.“
Schießbefehle:
„Jemand meldete, dass auf dem Dach eines Gebäudes ein Beobachter der Hamas sei. Eine Drohne wurde dorthin geschickt, der Pilot sagte: ‚Diese Person hängt Wäsche auf.‘ Ein Offizier sagte daraufhin: ‚Palästinensische Männer hängen keine Wäsche auf. Er muss ein Beobachter sein.‘ Der Drohnenpilot sagte erneut: ‚Nein, er steht mit dem Rücken zu uns und hängt Wäsche auf.‘ Dann sagte der Offizier des Panzerzuges, der Teil unseres Kampfverbands war: ‚Ich habe freie Bahn. Kann ich schießen?‘
Der Kommandeur fragte: ‚Kannst du den Beobachter sehen?‘ Nun war er schon definitiv ein Beobachter, ein ‚Tatzpitan‘. Er gab das Kommando zu feuern.
Etwa 20 Minuten später rasten Krankenwagen zu dem Gebäude und begannen, Verwundete und Tote abzutransportieren. Wenig später sah ich auf einer israelischen Nachrichtenwebsite eine Meldung: Palästinenser behaupten, zwölf Mitglieder einer Familie seien getötet worden.
So heißt es immer: behaupten. Und ich dachte: Das waren wir.“
Menschliche Schutzschilde:
„Als ich in Rafah Dienst tat, erlebte ich den Einsatz von menschlichen Schutzschilden, sie wurden ‚Moskitos‘ genannt. Ich habe dort zwei oder drei von ihnen gesehen: junge palästinensische Männer, meist nur mit Schuhen und Unterwäsche bekleidet, mit verbundenen Augen und gefesselten Händen. In den Häusern, die uns als L***r dienten, wurden sie ständig mit Radiomusik beschallt, damit sie nichts hören konnten. Sie wurden in Tunnel und Häuser vorgeschickt, bei ihren Einsätzen musste sie israelische Militäruniformen und GoPro-Kameras tragen.“
Nachträgliche Inkriminierung:
„Wenn Menschen getötet oder verletzt werden, versucht die Armee immer als Erstes, sie mit der Hamas in Verbindung zu bringen. Denn wenn man sagen kann, dass die getöteten Personen Hamas-Terroristen sind, sieht das in den Augen der Welt besser aus. Wir nennen diesen Prozess ‚nachträgliche Inkriminierung‘. [...] Auch bei dem Angriff auf Journalisten im Nasser-Krankenhaus hieß es in einer ersten Mitteilung, es seien sechs Hamas-Terroristen getötet worden. Es habe sich um ein militärisches Ziel gehandelt, das eine Bedrohung für die Soldaten dargestellt habe. Die Soldaten sprachen von einer ‚Hamas-Kamera‘, weil die Hamas damit alles sehen konnte, was in der Nähe passierte. Ihr Ziel war, solche Kameras auszuschalten. Doch der Kameramann von Reuters, auf den sie zielten, war kein Terrorist. Sie haben einen legitimen Journalisten getötet.“
Zerstörung von Gebäuden:
„Ein Gebäude ist das höchste in unserem Sektor? Wir zerstören es, denn es könnte eine Bedrohung darstellen. Aber dann ist das nächsthöchste Gebäude das höchste Gebäude, und so geht es weiter, bis alles zerstört ist. Am Anfang wurden uns nur einzelne Gebäude genannt, die wir zerstören sollten. Später bekamen wir einen ganzen Abschnitt zugewiesen.“
„Wenn wir zivile Häuser als Stützpunkt genutzt haben, bekamen wir beim Abzug oft die Anweisung, das Haus in Brand zu setzen. Das zerstörte das Gebäude nicht völlig, sondern machte es unbewohnbar. Wir verstanden, dass es darum ging, eine Rückkehr der Bewohner zu verhindern.“
Den vollständigen Artikel im SPIEGEL lesen:
https://www.spiegel.de/ausland/gazakrieg-zehn-israelische-soldaten-ueber-rachegefuehle-schiessbefehle-und-kollateralschaeden-a-f7e5277e-6f36-4432-9459-23bf7800b233