14/10/2026
BGG-GESCHICHTSWISSEN
Vor 220 Jahren brach das preußische Ancien régime bei Jena und Auerstedt unter den Angriffen Napoleons nahezu zusammen.
Nahezu, da Preußen nicht vollständig annektiert, König Friedrich Wilhelm III. nicht abgesetzt wurde. Wieder einmal war es das nunmehr Ostpreußen genannte nordöstliche Territorium der Hohenzollern, dass die staatliche Existenz bestimmte. 1701 erlaubte es Kurfürst Friedrich III., sich ein eigenes Königreich zu schaffen, 1806 ermöglichte es König Friedrich Wilhelm III. sich auf eigenem Gebiet soweit zurückzuziehen, dass Napoleon Preußen nicht gänzlich den Garaus machen konnte.
Die von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤 eindrucksvoll geschilderte Situation rund um die verhängnisvolle Niederlage vom 14. Oktober 1806 macht deutlich, warum bald darauf die Stein-Hardenbergschen Reformen möglich wurden, welche Preußen, weit vor anderen Staaten des Alten Reiches, den Weg in die Moderne eröffneten, auch wenn die Restauration der 1820er- und 1830er-Jahre noch deren volle Entfaltung hemmte.
Am 14. Oktober 1806 geht in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt in Thüringen das alte Preußen unter den Schlägen Napoleons unter.
Wenige Tage zuvor, am 10. Oktober, hatte der Tod des Prinzen Louis Ferdinand im Gefecht bei Saalfeld bereits wie ein böses Omen gewirkt. Die moralische Wirkung war auf preußischer Seite beträchtlich. In der Nacht vom 10. zum 11. Oktober 1806 brachen Unordnung und Panikerscheinungen aus, vor allem in Jena. Sächsische und preußische Truppen des Korps Hohenlohe hielten sich gegenseitig für Franzosen und beschossen sich untereinander. Auf die (falsche) Nachricht vom Anmarsch der Franzosen warf die preußische Feldbäckerei den Teig für 60.000 Brote bei Jena in die Saale. In dem Durcheinander nach dem Gefecht von Saalfeld ging sogar die Eskorte für den preußischen König Friedrich Wilhelm III. – das Füsilierbataillon Pelet und drei Schwadronen brandenburgische Husaren – verloren. Erst im Laufe des 12./13. Oktober klang die Panik wieder ab.
Was am 14. Oktober schließlich wie eine Urgewalt über Preußen und Sachsen hereinbrach, war nicht einfach eine militärische Niederlage, es war ein buchstäblicher Todesstoß, der das alte, absolutistische Gefüge zertrümmerte und in den folgenden Monaten kollabieren ließ.
Innerhalb weniger Wochen kapitulierten bedeutende preußische Festungen wie Stettin, Küstrin und Magdeburg nahezu kampflos. Das Schicksal Preußens wurde jedoch nicht allein durch die oft ursächlich herangeführte Verknöcherung seiner Truppen besiegelt, vor allem ein gelähmtes Hauptquartier ohne einheitliche Befehlsgewalt, zerrissen zwischen zaudernden Generälen und widerstreitenden Ratgebern, hatte einen großen Anteil. Es traf auf die virtuose Dynamik napoleonischer Kriegführung, dessen Korpskommandeure selbstständig den Willen ihres Kaisers auszuführen wussten. Gegen die Präzision und das Tempo der Grande Armée vermochte die unentschlossene preußische Führung und ihre sächsischen Verbündeten keine wirksame Antwort zu finden.
Das Ausmaß der Niederlage war niederschmetternd und in der brandenburgisch-preußischen Geschichte ohne Beispiel. Der Krieg war nach nicht einmal einer Woche faktisch entschieden. Was nun folgte, war der Einsturz eines ohnmächtigen Staates, der von der Geschwindigkeit der Ereignisse wie gelähmt war.
Der Zusammenbruch hinterließ einen bis ins Mark erschütterten Monarchen, der mit seiner Familie ans äußerste Ende des Königreichs nach Ostpreußen flüchtete, in der Hoffnung auf eine Wende durch russische Waffenhilfe. Als sich im Laufe der ersten Hälfte des Jahres 1807 die Hoffnungen zerschlugen, stand das förmliche Ende Preußens bevor. Angesichts des drohenden vollständigen Verschwindens des Staates anlässlich des Friedens von Tilsit, begann unter dem extremen Druck der französischen Kontributionen das Ringen um die Frage, wie dieser Staat überhaupt noch eine Zukunft haben könnte.