In der strukturschwachen Sahelregion Matam leben Familien in traditionellen Verbünden in der Nähe zum Fluss Senegal, der die Grenze zum Nachbarstaat Mauretanien bildet und dessen Überflutungen den Großfamilien den Anbau von Hirse und Gemüse sichern. Wie bei fast allen Volksgruppen im Senegal glauben auch die Haalpulaar traditionell, dass Menschen mit Behinderungen ein gesellschaftlicher Anzeiger f
ür ein Ungleichgewicht oder eine Störung in der Bevölkerung sind. Sie seien von den Ahnen mit einem Fluch belegt, der die Begründung für fremdes Verhalten liefert und durch gemeinschaftliche Zeremonien und „Behandlung“ des „Kranken (auf Pulaar: „kitaado“, ein stigmatisierender Begriff, der den Menschen als mit einem Fluch belegt/Unglück Bringenden bezeichnet und Ausgrenzung nach sich zieht) rückgängig gemacht und er so befreit werden soll. Gegenwärtig werden Kinder mit geistiger Behinderung im ländlichen Raum von der Familie mitgetragen, aber nicht so gefördert, dass ihnen ein möglichst eigenständiger Lebensentwurf ermöglicht werden könnte. Sie nehmen zwar an dem Alltagsgeschehen je nach Zulassen der jeweiligen körperlichen oder intellektuellen Einschränkung teil und bleiben so auch vielleicht integrierter als so manches Kind mit ähnlichem Förderbedarf in Deutschland, Eltern und Angehörigen fehlen aber wichtige Informationen, wie sie die Kinder fördern und ihre Fähigkeiten stärken können um neben Belastung auch Entlastung zu erfahren und dem Kind eine persönliche Zukunft zu eröffnen. Die hygienischen Bedingungen und andere Risikofaktoren für Entstehen von Behinderung, wie Unfall, Mangelernährung und fehlende medizinischer Betreuung aufgrund von Armut und schlechter Erreichbarkeit im Krankheitsfall und in der Schwangerschaft ergeben einen hohen Bedarf an Präventionsmaßnahmen. Institutionelle Hilfe fehlt ganz, so dass Kinder mit Behinderung solange die Schule besuchen, bis sie nicht mehr folgen können (genauso übrigens wie Schüler ohne Behinderung es im Senegal tun), wenn ein Schulbesuch anfangs überhaupt erfolgt ist. Zusätzliche unterstützende, personelle Kräfte in den Klassen können nicht bereitgestellt werden. Arbeitsmöglichkeiten gibt es anschließend höchstens durch Vermittlung innerhalb des familiären Umfeldes. Die hohen Zahlen von Arbeitslosigkeit betroffener Menschen lassen kaum Hoffung auf Arbeitsplätze für Menschen mit zusätzlichem Betreuungsbedarf aufkommen. Auch zutreffende Diagnosen über Behinderungsformen werden häufig gar nicht gestellt noch medizinische Kenntnisse vermittelt. Die meisten Kinder verlassen ihre Herkunftsfamilie zeitlebens nicht und können kein eigenständiges, ihrem jeweiligen Alter angemessenes Leben führen. Trotzdem sind sie in der Familienstruktur aufgehobener als in isolierten Wohnheimen oder ähnlichen künstlich hergestellten Wohnformen, die man z.B. in Deutschland nun wieder verzweifelt loszuwerden versucht. Insgesamt gesehen besteht durch nicht ausreichende Bildungsmöglichkeiten an den meisten Orten wenig Chance die Lebensqualität für Menschen mit Behinderungen zu verbessern und sie stehen gesellschaftlich gesehen ganz am Ende einer langen Kette von Benachteiligten.
„Lubam pade“ bietet mobile Hilfe in ländlichen Gegenden, denn sie erkennt den Vorteil der Zugehörigkeit stiftenden Familienstruktur. Die teilnehmenden Kinder sollen weiterhin ihren Lebensmittelpunkt innerhalb ihrer vertrauten Umgebung und eingebettet in ihre Familie haben. Lubam pade heißt aus dem Pulaar übersetzt "leih mir deine Schuhe". Bevor wir jemandem Unterstützung zukommen lassen können, gehen wir zuerst -im übertragenen Sinn- eine kleine Strecke in seinen/ihren Schuhen. Wir können so den Alltag wahrnehmen, persönliche An- und Einsichten kennen- und verstehen lernen und Wichtiges über den Hintergrund von Verhaltensweisen, Abneigungen und Vorlieben erfahren... Mit der persönlichen Geschichte, wichtigen Personen aus dem Umfeld und persönlichen Stärken vertrauter gemacht, setzt das heilpädagogische Programm an:
Die Familien, die wir betreuen, werden einmal wöchentlich besucht, nach einem Elterngespräch, einem gemeinsamen Spiel mit Geschwistern und Nachbarkindern schließt sich eine Einheit mit heilpädagogischer Einzelförderung für das Kind mit Behinderung an. Die Betreuung erfolgt nach einem individuellen Förderplan, der nach der Phase des gegenseitigen Kennenlernens und der Diagnostik erstellt worden ist. Die Begleitung der Eltern sichert den Informationsfluss über die Entwicklung des Kindes, stellt Informationen über Behinderung bereit und Hilfen zur Verfügung, wenn die Eltern/Angehörigen diese wünschen, wie auch Beratung bei speziellen Fragen und Ideen für die Kommunikation und den Umgang in schwierigen Situationen. Der heilpädagogische Ansatz soll besonders dazu verhelfen Ausdrucksmöglichkeiten für die Kinder zu schaffen, ihre eigenen Ressourcen zu stärken und innerhalb vertrauter Umgebung Begleitung und Unterstützung zu bieten. Den Kindern soll dazu verholfen werden einen persönlichen Lebensentwurf zu verwirklichen, der gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung ermöglicht. Heilpädagogisches Programm:
Wir arbeiten mit verschiedenen pädagogisch-therapeutischen Konzepten an der Förderung
von Handlungskompetenzen im Alltag mit dem Ziel der Ich-Stützung, dem Ausbau
vorhandener Fähigkeiten und der Schaffung positiver Erlebnisräume in gesellschaftlicher
Zugehörigkeit. Besonders wertvoll erscheinen uns hierfür und finden Elemente Anwendung aus der
- Basalen Kommunikation/-Stimulation
- Rythmik
- Psychomotorik Aucouturiers
- unterstützten Kommunikation
- pädagogischen Kunsttherapie
- Spiel- und Erlebnispädagogik
- Gentle Teaching
Das Angebot richtet sich an so viele Familien, wie innerhalb eines Wochenturnus durch die Mitarbeiter in verschiedenen Dörfern der Region betreut werden können. Die Mitarbeiter arbeiten unentgeltlich. Das heilpädagogische Programm soll für die Familien grundsätzlich kostenlos erfolgen. Netzwerk
Wie der CBR (Community Based Rehabilitation, Programm der WHO) ist uns die Einbindung des familiären Umfelds, die Vernetzung mit kommunalen Einrichtungen, die Teilnahme an lokalen Veranstaltungen und die Zusammenarbeit mit Organisationen (z.B. für Sensibilisierungsprogramme, Berufseinstiegsförderung u.ä.) sehr wichtig – all das verständlicherweise in einem viel bescheideneren Rahmen als dort. Deshalb soll der zweite Schwerpunkt unserer Arbeit vor Ort darin bestehen, ein Netzwerk aufzubauen, das die Entwicklung der Kinder mitträgt und Kräfte und Ideen mobilisieren-/ Beratung und Begleitungsaufgaben für die Familien übernehmen kann. In einem zweiten Schritt ist angestrebt aus diesem kleinen Netzwerk Angehöriger, Freunde und lokaler Einrichtungen langfristig ein Kompetenzzentrum entstehen zu lassen, das die Aufgaben von Aufklärung der Bevölkerung über Gesundheitsrisiken und Präventionsmaßnahmen voranbringt, Ideen für inklusive Aktivitäten entwickelt und Berufseinstieg für Menschen mit Behinderung zu ermöglichen versucht.