28/08/2026
„Die Russen sind arm. Die müssen wahrscheinlich klauen, um über die Runden zu kommen." Diesen Satz habe ich mir jahrelang anhören müssen – und ich habe ihn selbst geglaubt, bevor ich nach Russland kam.
Dann verbrachte ich einen gewöhnlichen Freitagabend im Sommer 2026 in Moskau. Zwölf Minuten Fußweg durch das Zentrum. Volle Restaurantterrassen, Block für Block. Menschen, die sich anziehen, wenn sie abends rausgehen. Eine Ruhe auf der Straße, die im Westen kaum jemand erwartet.
Ich bin nicht als Tourist gekommen. Ich habe hier eine Firma aufgebaut. Im Westen lief mein Geschäft jahrelang gut – nach zwei Jahren in Russland hatte es das alte überholt. Erstes Jahr: 25 Mitarbeiter. Zweites Jahr: 50. Dann eine Übernahme mit 149 Mitarbeitern.
Der Grund ist unbequem, aber einfach: Der Staat nimmt dir hier nicht weg, was du zum Wachsen brauchst. Ich zahlte jahrelang zwei Prozent Unternehmenssteuer vom Umsatz. In der Covid-Zeit wurden für drei Jahre sämtliche Sozialabgaben gestrichen, mein Satz halbierte sich auf ein Prozent. Das ist keine Grauzone: Russlands vereinfachtes Steuersystem sieht sechs Prozent vom Umsatz oder fünfzehn Prozent vom Gewinn vor, und die Regionen dürfen auf bis zu ein Prozent absenken. Die Sozialabgaben für kleine und mittlere Betriebe wurden 2020 dauerhaft von 30 auf 15 Prozent halbiert.
2022 kam die Entscheidung: Russland oder der Westen. Sie fiel nicht schwer. Wir expandieren weiter international, nur nicht mehr im Westen – und dort, wo wir hingehen, sind die Investitionen meist nach sechs Monaten wieder drin.
Zum Klischee selbst: Ich kenne inzwischen mehrere hundert Menschen, die hier für oder mit mir arbeiten. Ich weiß, was sie verdienen. Ihr Lebensstandard liegt deutlich über dem, was vergleichbare Arbeitskräfte im Westen hätten. Zwei nachprüfbare Zahlen: Die Arbeitslosigkeit in Russland liegt bei rund zwei Prozent – der niedrigste Wert der Landesgeschichte. Die Reallöhne stiegen zuletzt um über vier Prozent im Jahr. Das Problem ist nicht,