15/09/2022
Reinhard Jacob, mein Freund und Weggefährte seit über 45 Jahren - Erinnerungen an eine außergewöhnliche Persönlichkeit von Peter Sylvester
Ja, ich traue mich zu trauern um meinen alten Zauselfreund, inmitten einer Umgebung, wo dies nicht angemessen zu sein scheint. Ja, Zauselfreund so nannten wir uns gegenseitig, in dem Wissen, dass wir altern. Wir haben über unsere Wehwehchen und Krankheiten, die Vergesslichkeit und unseren im Alter immer deutlicher hervortretenden Starrsinn mit Humor gesprochen und dies dem Dasein als „alte Zausel“ zugeordnet. Böse konnten wir uns bei unseren Streitereien nie lange sein. Das lag wohl auch an der zunehmenden Fähigkeit, Vergesslichkeit für Belangloses zu entwickeln. Und sehr tiefen und ernsthaften Gesprächen über existenzielle Fragen, denn der Tod war uns oft sehr nah begegnet. Zuletzt eröffnete Reinhard mir vor etwa vier Jahren, dass er vielleicht nur noch zwei Jahre zu leben habe. Er wolle auf keinen Fall noch einmal die Qualen vergangener Operationen ertragen. Er werde, so lange es möglich ist, sein Leben selbstbestimmen. Was er selbst tun kann, um seine letzte Zeit in Würde zu verbringen, wolle er mit sich ausmachen. Aus den zwei Jahren wurden vier.
Als ich im Winter letzten Jahres Reinhard zuletzt besuchte, verbreitete er trotz gesundheitlicher Probleme, Lebensfreude, Humor und Freude an Begegnung. Sein mit Honig, Nelken und Zimt gewürzter, heißer Tsipouroschnaps, der „Rakomelo“, den er uns mit Hingabe als Ritual reichte, rundete unsere Abende ab. Freundschaft, gemeinsames Handeln, verbunden mit Vertrauen, auf der Basis fundierten Wissens, das sind Merkmale eines besonderen Menschen in einem unnachahmlichen und beispiellosen Lebenszusammenhang.
Seine Empathie bezog sich auf fast jedes Lebewesen. Waren es Katzenbabys die er mit der Pipette groß zog, ein verletzter Adler, den er gesund pflegte oder ein wilder Fuchs, der sich am Abend von ihm aus der Hand füttern ließ. Besonders mochte er Hunde. Die Hunde, die er bei sich hatte, waren immer besondere Wesen mit den besten Charaktereigenschaften. Ihm verdanken wir unseren Familienhund „Mani“, der uns stets an Reinhard erinnern wird. Er begegnete den Menschen freundlich, neugierig und offen. Jüngeren Menschen gegenüber schaffte er eine besondere Form von Zugewandtheit auf Augenhöhe.
Wie gerne hätte ich auch in diesem Jahr meinen Wunsch nach Austausch und Erinnerung mit Reinhard geteilt. Aber es kam dann anders. Schon bei meiner Ankunft erhielt ich die Mitteilung, Reinhard habe die Belastung seiner Krankheit nicht mehr ertragen und habe seinen Abschied vom Leben selbstbestimmt, als persönlichste Angelegenheit für sich allein entschieden und gestaltet. Er ging an den Ort den er für seinen Abschied ausgewählt hatte. So wie ich Reinhard kennengelernt habe, entsprach dies durchaus seinem starken Charakter. Und so musste ich anerkennen, dass wohl niemand seinen Willen umkehren konnte. So bleiben sein weiteres Schicksal und sein Verbleib ein kollektives Mysterium.
Ich vermisse ihn sehr und traue mich deshalb, um ihn zu trauern. Es gibt weder hier in Griechenland noch sonst irgendwo einen Ort, wo Angehörige, Freunde und Weggefährten zusammenkommen könnten, um gemeinsam zu trauern, sich zu erinnern und mit diesem Verlust umzugehen.
Dann nehme ich mir eben mein Recht, meine persönlichen Erinnerungen auf diesem Wege auch mit anderen zu teilen. Besonders wende ich mich an die, denen es wie mir geht und die dann vielleicht auch ihre Erinnerungen und Gefühle mitteilen und mit Anderen austauschen möchten.
45 Jahre sind eine lange Zeit und diese in Gedanken der Erinnerung zu komprimieren ist wegen der Fülle von Erinnerungen doch schwerer als ich dachte. Gerne hätte ich meinem Freund einen umfassenden Nachruf gewidmet, aber das steht mir alleine nicht zu. Alle Angehörigen, Freunde, Unterstützer und natürlich alle ehemalige Kinderhauskinder haben ihre persönliche Geschichte, die sie für immer mit Reinhard verbinden wird. Und so werde ich mich ausschließlich auf das beziehen, was ich selbst erlebt habe und was für mich den Menschen Reinhard Jacob ausmachte.
Da ich ja hier mit Reinhard über unseren bisherigen gemeinsamen Weg, unsere Erfahrungen und Ergebnisse sprechen wollte, war ich bezogen auf meine Themen gut vorbereitet. Es mag seltsam klingen, aber unser erster gemeinsamer Bezugspunkt war eine Glocke. Nicht eine wie aus meinem Familienwappen, sondern die große und weithin sichtbare, die an der Eingangstür vom Grundmannshof in Unna-Kessebüren hing. Auf meinem Weg zur Arbeit von Fröndenberg zur Sonderschule der Lebenshilfe in Hamm, meinem damaligen Arbeitgeber, kam ich ständig am Grundmannshof und der Glocke vorbei. Diese Glocke hätte ich gerne einmal geläutet. Zumindest war ich neugierig auf die Bewohner des Hofes. Nach meiner Episode als Lehrer an einer Sonderschule erhielt ich 1977 die Chance im Jugendamt der Stadt Unna einen Fachbereich Adoption und Pflegekinderwesen verantwortlich aufzubauen. In dieser Funktion erhielt ich den Hinweis, dass eine Familie Jacob Pflegekinder aufnehmen wolle. Die Adresse war der Grundmannshof in Kessebüren. Jetzt konnte ich endlich die Glocke läuten und traf Reinhard und seine Frau Monika die ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben hatte, um für Kinder in einer neuen und besseren Familiensituation zu arbeiten. Ich kann mich gut erinnern, wie schnell wir Gemeinsamkeiten im Thema Jugendhilfe ausloten konnten. Wie sehr wir die repressive Wirkung des Jugendwohlfahrtsgesetzes verabscheuten und eine individuelle und empathische Erziehung wünschten. Diese sollte nicht in weit entfernten Erziehungsfabriken, den damals üblichen großen Heimen, sondern in familiären Zusammenhängen hier im Kreis Unna entwickelt werden. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und hatten dann unzählige Treffen in Kessebüren, wo neben Monika und Reinhard auch sein Bruder Michael und andere Angehörige lebten. Alle mit dem Ziel verbunden, sich ebenfalls für das Wohl von jungen Menschen zu engagieren.
Da es vor meiner Einstellung im Jugendamt noch keinen eigenen Pflegekinderdienst gab, war es Praxis, dass ein kirchlicher Sozialdienst die Eignungsbeurteilung angehender Pflegeeltern übernahm. So schrieb mir dann die Sozialarbeiterin des Sozialdienstes Katholischer Frauen diese Nachricht. „Im Dorf wird gemunkelt, dass es sich bei der Familie Jacob um eine Kommune handelt. Aber ich konnte bei meinem Besuch nichts Dergleichen feststellen.“ Na ja, sicher war ich mir da nicht, aber entscheidend war doch, dass es dort eine tragfähige Lebenssituation gab, in der Kinder sicher behütet und umfassend gefördert werden konnten. Oder wie Reinhard meinte, möglichst optimal auf ein Leben unter schwierigen Umständen vorbereitet zu sein. Und dann nahm die Entwicklung der Jugendhilfe und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes im Kreis Unna rasant Fahrt auf. Aus der Pflegefamilie Jacob wurde durch Aufnahme von weiteren Kindern der Verein für Jugendhilfe Kessebüren e.V., das Kinderhaus Grundmannshof. Unter uns sprachen wir auch vom „Kinderheim St. Michael“. Den dort lebten Micky, Mike, Michel und der große Michael Jacob.
Mit weiteren Kinderhäusern im Spektrum des Paritätischen NRW wurde eine Initiative erfolgreich gestartet die es möglich machte, dass die „Kinderhausmutter“ Monika Jacob zugleich auch Vorsitzende des Trägervereins wurde. Also Angestellte und Anstellungsträger in einer Person.
Nun, Reinhards einfache Begründung für diese juristische Unmöglichkeit war die Frage. „Haben denn Eltern in sogenannten „Normalfamilien“ jemanden, der hinter ihnen steht und bestimmt, welche pädagogischen und finanziellen Entscheidungen im Alltag getroffen werden“? Es sollte jedoch klar sein, dass diese Ausnahmeregelung nur für Kinderhäuser und entsprechende familienähnliche Kleingruppen galt. In meiner späteren Berufswirklichkeit habe ich solche Ansätze massiv bekämpft. Arbeitnehmer -und Arbeitgeberrolle sollten in Vereinen streng getrennt bleiben. In dieser Sichtweise hatte ich immer Reinhards volle Unterstützung.
Aus meinem Arbeitsbereich im Jugendamt konnte ich Flankenschutz geben und auch mit Hilfe von Reinhard ein Netzwerk der Pflegefamilien aufbauen. Regelmäßige Treffen, qualifizierte Beratung, Begleitung, attraktive Bildungsveranstaltungen und Freizeiten begründeten den Zuwachs an engagierten Pflegeeltern. Nicht zu vergessen eine unterstützende Sozialverwaltung in der Stadt Unna. Reinhard meinte, zur Absicherung des Erreichten braucht der Paritätische eine eigene hauptamtlich besetzte Geschäftsstelle in Unna. Mit einigen wenigen Gleichgesinnten gründete er deshalb die Kreisgruppe Unna. Leider war die Besetzung der Geschäftsführung durch den Verband im wahrsten Sinne des Wortes ein Fehlgriff. Und schon 1979 war die Stelle wieder vakant. Reinhard übernahm den Vorsitz und ich, aus dem Jugendamt heraus die ehrenamtliche Geschäftsführung und ab 1983 überzeugte mich Reinhard dann die hauptamtliche Geschäftsführung des Verbandes zu übernehmen. Was man so alles leisten kann, wenn man jung und motiviert ist. Ich nahm mein zweites Studium zum Verwaltungsdiplom auf und begann mich in der SPD zu engagieren, wo ich dann für zehn Jahre den Stadtverband Unna leitete. Und alles in breiter Übereinstimmung und getragen durch Reinhard, der hier und in Allem nur Nutzen für unsere gemeinsamen Zukunft und Zusammenarbeit erkannte.
Diese realisierte sich schnell in Form weiterer Jugendhilfevereine. Bergkamen-Rünthe, Bönen-Lenningsen und Unna-Lünern. Ein Bildungshaus in Winterberg, Netzwerke mit Organisationen der Behindertenhilfe und der „Zirkus Travados“, um nur einige zu nennen. Überall war der Paritätische das Dach und meine Mitwirkung in Fragen der Organisation und Mittelbeschaffung gefordert. Die Zahl von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die wir konzipierten und beantragten, betrafen im Laufe der Zeit weit über hundert Menschen. Immer waren folgende Ziele verbindlich: Eine sinnvolle und fördernde Tätigkeit und der sichtbare Nutzen für die Gesellschaft und unsere Projekte. Aus der Vielzahl der neuen Trägervereine wurde eine Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe e.V. gegründet. Hier ging es darum gemeinsam ein Dach zu bilden in dem neue Arbeitsschwerpunkte, wie Maßnahmen gegen die sich abzeichnende Jugendarbeitslosigkeit geschaffen wurden. Das neue gemeinsame Projekt bekam den Namen „Stattwerke“ und verstand sich als alternativer Impuls. Am Anfang stand die Besetzung von ungenutzten Räumen auf dem Gelände der Lindenbrauerei. Dann wurde auch die Stadt Unna tätig, was zur Gründung der Jugendwerkstatt führte. Diese war der Vorläufer der Werkstatt Unna. Gerne erinnere ich mich an jenen blauen 7,5 Tonner LKW, den der Unnaer Künstler Peter Trautner mit seinen Teddybären in Latzhosen bemalt hatte. Dieses Fahrzeug hatten wir mit einiger List aus dem umkämpften Nachlass einer aufgelösten Hilfsorganisation in der Nähe von Köln entführt. Somit konnten vielfältige Arbeitsfelder wie Entrümpelungen, Umzüge, Trödelladen, Reinigung und Kleiderkammer benachteiligten Jugendlichen Arbeit geben.
Die öffentliche Präsentation gegenüber der Presse überließ er gerne mir. Das Reden in der Öffentlichkeit war nicht sein Ding. Er blieb lieber bescheiden im Hintergrund. Als er für seine Verdienste die goldene Ehrennadel des Paritätischen erhielt, gab er diese umgehend an unsere damalige Verwaltungsmitarbeiterin Bärbel ab. Einmal jedoch ging er aus sich heraus. Bei einer Talkshow im Beisein des berühmten Handball-Bundestrainers Vlado Stenzel, nannte er den Geschäftsführer der damals sehr aktiven Bergkamener Bildungsgesellschaft sinngemäß einen Blender und Scharlatan. Was sich bald als üble Realität herausstellte. Am Ende mündete unsere Alternative in die „Werkstatt im Kreis Unna“ bei deren Gründung auch Reinhard Pate stand.
Der neue Paritätische Wohlfahrtsverband im Kreis Unna musste sich gegen die etablierten Verbände, deren Lobby und eingespielte Mittelverteilung durchsetzen. Aber auch der junge Verband war auch auf der Suche nach seinem Verhältnis zu den Mitgliedern. Ich erinnere mich gerne an solche Abende, wenn wir zusammensaßen, mit einer Schreibmaschine der Marke „Triumph“ mit Korrekturband und einer Flasche Weinbrand sowie einer Packung Rothändle ausgerüstet. So schrieben wir Briefe an „Gott und die Welt“. Einmal hatte ein Referent der Landesgeschäftsführung des Paritätischen Vorschläge unterbreitet, wie man die oft ausufernde Diskussionskultur der Mitgliedsorganisationen steuern und in geordnete Bahnen leiten sollte. Wir widersprachen dem heftig und nannten den Vorschlag, einen „Endwurf gegen die Meinungsvielfalt“. Wir erhielten auch Antwort. Der Landesgeschäftsführer schrieb: „Es gibt viele Möglichkeiten auf unseren Vorschlag zu antworten. Sie haben eine davon gewählt. Ich danke ihnen.“ Vom „Endwurf“ wurde nie wieder gesprochen. Durchsetzungsvermögen, visionäre Weitsicht aber auch Empathie und Tatkraft machten Reinhard schnell zum Vorbild und Hoffnungsträger. Er schaffte es auch, viele Gutwillige und Gleichgesinnte für die Mitarbeit zu gewinnen. Er war nicht nur Impulsgeber, sondern er packte selbst mit an. Wenn es um körperliche und qualitative handwerkliche Hilfen ging, war er sich nie zu schade, selber zuzupacken. Erst später wurde mir bewusst, dass dieser Mann alle Fähigkeiten hatte, die man braucht um ein ganzes Haus ganz allein zu bauen. Aber neben einem umfangreichen Wissensschatz in Geschichte und Politik besaß er auch nennenswerte künstlerische Qualitäten, sei es als Bildhauer oder Musiker. Als Musiker lernte ich ihn kennen, als er am Klavier saß und die walisische Nationalhymne spielte. Dabei erzählte er die Episode, als er einmal in Wales in Aberystwyth in einem Pub diese Hymne spielte. Der zufällig dort anwesende Prinzgemahl Phillip, Prince of Wales, schenkte ihm daraufhin einen Pokal, den ich selbst noch in Kessebüren bewundert habe.
An manchen Abenden wurde auch auf dem Grundmannshof, im „Göbel“ bei offenem Feuer, Musik gemacht. In der Geschäftsstelle des Paritätischen am Südwall fanden Spiele- oder Diskussionsabende statt. So fand er immer die Möglichkeit, Menschen im Dialog bei fast jeder Thematik zu folgen oder sie durch besondere Beiträge und Erlebnisse zu interessieren.
Meine berufliche Entwicklung im Paritätischen führte mich in immer neue spannende Bereiche, wie die Unterstützung beim Aufbau einer Bürgergesellschaft in den neuen Bundesländern nach der Wende oder der Aufbau eines Wohlfahrtsverbandes im polnischen Schlesien. In Reinhard hatte ich immer den Gesprächspartner, den ich brauchte, um Positionen und Standpunkte zu überprüfen. Auch in meiner Rolle als Vorsitzender der Werkstatt im Kreis Unna und der kreisweiten anonymen Drogenberatung im Kreis Unna. Mit ihm konnte ich einen ganz persönlichen und sehr vertrauensvollen Austausch pflegen. Dies bezog auch meine Fehler, Ängste und Schwächen mit ein. Es lohnte sich immer mit Reinhard ganz offen über wesentliche Bereiche des Lebens zu sprechen, sei es Liebe und Tod oder Krankheit, Zukunft und Politik. Er hatte zu allem eine oft sehr individuelle aber gut begründete Ansicht. Gemeinsam war uns die Anwendung des guten, alten philosophischen Dreischritts „These-Antithese-Synthese“.
Es wird gern behauptet, Reinhard sei prinzipiell gegen jede staatliche Einflussnahme auf das Leben der Menschen gewesen, zumal wenn diese Freiheitsrechte in der Gesellschaft einschränken wolle. Dies stimmt nur bedingt. Wie auch ich war Reinhard ein bedingungsloser Verfechter der Bürgergesellschaft im Sinne des Nachrangs staatlicher Interventionen vor bürgerschaftlichem Engagement. Selbstverständlich haben wir mit Misstrauen beobachtet, wenn Verwaltungen und/oder Politik Initiativen aus der Bürgerschaft diskreditierten. So im Umwelt- und Naturschutz, in der Friedensbewegung, der Selbsthilfe und vielen anderen Bereichen, in denen selbstbewusste Bürgerbewegungen durch engagiertes Handeln beispielgebend auf Defizite und Mängel in der Gesellschaft aufmerksam machen. Aber dies begründete nicht die Abkehr von allen Möglichkeiten, die ein funktionierender, demokratischer Rechtsstaat seinen Bürgern eröffnet.
Vor über dreißig Jahren gab es dann eine grundlegende Veränderung in der Präsenz von Reinhard in Unna. Was zuerst Suche und Aufbau eines dauerhaften Standortes für Freizeiten der Einrichtungen aus dem Kreis Unna war, wurde eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung. Aus dieser wurde in der Folge für zahlreiche Kinder und Jugendliche aus dem Kreis Unna ein neuer Lebensmittelpunkt in Griechenland. Aus Unna kam auch personelle Unterstützung mit der Bereitschaft, ebenfalls den Lebensmittelpunkt nach Protowa, so heißt der kleine Ort in der Nähe von Gythion, teils dauerhaft zu verlegen. Mit Fleiß, Tatkraft und viel persönlichem, auch materiellen Einsatz, entstand so ein kleines Dorf für Kinder Jugendliche und Erwachsene. Aber auch zu den griechischen Nachbarn hielt er engen, fast familiären Kontakt. Da er dort Freunde aus der Baubranche gefunden hatte bauten sie mit anderen ein Musterhaus in Parasyros. Wir nannten es „das Steinhaus“, da es im Stile der Mani, wie eine kleine Burg errichtet wurde. Gerne erinnern wir uns an die Aufenthalte dort und die vielen Bäume, die ich dort pflanzen durfte. Manchmal fahre ich dort noch vorbei und habe meine Freude. Hier zeigte Reinhard seine Kreativität und Professionalität. Leider blieb es bei diesem Versuch und dem Angebot an die Nachbarn. Letztlich wurde das Haus verkauft.
Eine Spezialität von Reinhard war der Besuch auf wilden Müllkippen. Dort fand er viele Dinge, die noch eine Verwendung haben konnten. Er zeigte große Wertschätzung für die Menschen, die in der Vergangenheit nützliche und werthaltige Dinge geschaffen hatten, die noch heute, hinsichtlich Ausführung und Qualität, Bewunderung verdienen. Diese Haltung teilten einige im Umfeld der kleinen deutschen Gemeinde in Protowa nicht unbedingt. Immer wieder fand Reinhard auf den Kippen Fragmente steinerne Zeugnisse der Vergangenheit. Diese lagen achtlos und ohne irgendeine Zuordnungsmöglichkeit im Schutt. Reinhard nahm sie dann mit und stellte sie auf dem Grundstück aus oder verbaute sie in den Umfassungsmauern.
Das Unglück nahm seinen Lauf, als Reinhard einmal in der sehr konservativen maniatischen Öffentlichkeit über eine mögliche Nutzung von EU- Programmen und Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sprach. Gerade war ein Reiterhof erfolgreich gestartet worden. Mit bis zu zwölf Pferden und professioneller Anleitung schien es ein gutes Beispiel für örtliche Kooperationen zu werden. Dann sahen örtliche Seilschaften in den Aktivitäten der Deutschen eine Bedrohung ihrer Einkünfte. Allen voran der Europa -und generell fremdenfeindliche Bischof von Gythion. Rasch wurde eine Anklage gebastelt, ein devoter Justizapparat und entsprechend instruierte Archäologen beeilten sich, ein breit angelegtes Portfolio von Straftaten zu konstruieren. Dies zog eine Inhaftierung von Margret, Reinhard und seinem Pflegesohn Torsten nach sich. Illegale Ausgrabungen, bandenmäßiger Handel mit Altertümern und Beleidigung der orthodoxen Kirche waren die vorgeschobenen Vorwürfe. Dieses offensichtliche Unrecht zog eine Welle der Solidarität nach sich. Viele Freunde und Partner aus Politik, Verwaltung und sozialen Institutionen organisierten solidarische Unterstützung. Aus dem Bundesstag koordinierte Rolf die politischen Kanäle. Sogar der Bildzeitung konnte ich aus eigener Anschauung über die skandalösen Zustände im Gefängnis von Nafplio berichten. Dies brachte Reinhard eine Audienz beim sichtlich verärgerten Gefängnisdirektor ein. Reinhard und Margret, die ich jeweils in den Haftanstalten in Nafplio und Athen besuchte, zeigten eine bemerkenswerte Disziplin, Gelassenheit und Ruhe. Letztlich schrumpften die aufgeblasenen Anklagepunkte bis zur Unkenntlichkeit. Kaum aus der Haft entlassen, begann Reinhard den eigens für die Arbeit mit jungen Menschen in Griechenland konzipierten Verein Arbeitsgemeinschaft für Internationale Jugendprojekte weiterzuentwickeln.
Um die Brandbekämpfung in der Nachbarschaft zu verbessern, gelang es einen ausgedienten Löschzug aus dem Kreis Unna zu beschaffen, der bis heute das Rückgrat einer nachbarschaftlichen Freiwilligen Feuerwehr ist. Da sich abzeichnete, dass die in Griechenland lebende Gruppe nicht auf Dauer individuelle Jugendarbeit im Sinne intensivpädagogischer Arbeit leisten konnte, wurde ein Zentrum für Begegnung, Bildung, Projektarbeit und Beherbergung aufgebaut. Die Stadtwerke in Unna unterstützte die Jugendarbeit durch die Bereitstellung von Fahrzeugen und den Neubau des Zentrums durch die Bereitstellung von Material. Hier muss unbedingt an unseren leider viel zu früh verstorbenen, gemeinsamen Freund, Michael Hoffmann erinnert werden. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Unna hat Michael vielfältige finanzielle und ideelle Unterstützungen organisiert oder veranlasst.
Bereits vor über dreißig Jahren hatten meine Familie und ich ein Baugrundstück in Parasyros, einem Nachbardorf erworben. Wir starteten also mit unseren bescheidenen Mitteln um das Grundstück zu erschließen und den Hausbau zu beginnen. Leider mussten aus Gründen der griechischen Baugesetzgebung die Dimensionen großer ausfallen als geplant. Reinhard der von Beginn an für uns die Bauleitung verantwortete, überzeugte uns schließlich, das Projekt an den Verein zu übertragen und in den Kontext des Zentrums zu stellen. Ein Haus der Begegnung für Besucher. So übertrugen wir unseren Traum vom Wohnen in Griechenland in die Zuständigkeit und Verantwortung unserer Freunde. Es machte Reinhard dabei sichtlich Freude unser nun gemeinsames Haus gemäß meinen Wünschen und Vorstellungen weiter zu entwickeln. Bei den weiteren Nutzungskonzepten als Gästehaus blieb genügend Raum für den persönlichen Aufenthalt und die Freiheit, den Garten nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Es war anrührend, wenn ich nach einiger Zeit wieder einmal in Parasyros war, wie fürsorglich sich Reinhard, aber auch unsere Freunde dort, um die neuen Pflanzen und das Grundstück gekümmert hatten.
Reinhard war vom Beginn unserer Freundschaft an ein Teil unserer Familie. Dort drehten sich unsere Gespräche oft um das Thema, Kirche und Religion. Er war ein entschiedener Gegner von Religionen und deren Einfluss auf die Werte der Gesellschaft und der einzelnen Individuen von Kindheit an. Die Unterdrückung der Frauen, die Sexualmoral und der Dogmatismus, besonders in der katholischen Kirche waren ihm aus eigenem Erleben ein Greul. Diese Ansicht teilten wir aus voller Überzeugung. Als wir die Kinder dennoch evangelisch taufen ließen, hatten wir einen Disput. Die Synthese war hier, die Kinder sollten selbst Erfahrungen machen und sich dann entscheiden. Sie haben sich, wie auch wir, längst entschieden. Für unsere Kinder Maren und Timo war Reinhard der Patenonkel. Wie viele andere Kinder und Jugendliche, die Reinhard hier im Alltag erlebten, war er der Erwachsene, der mit einem Pickup, beladen voller lachender junger Leute über die enge, alte Römerbrücke in Kamares fuhr oder nach dem traditionellen Essen beim Bakalau eine Ladefläche voller johlender Kinder durch Gythion kutschierte. Seine Fahrten mit dem Bulli durch schwierigstes Gelände, immer nah am Abgrund in der Mani, sind legendär. Bei solchen Fahrten vermittelte er oft phantasievoll und kindgerecht sein großes historisches und lokales Wissen.
Bei zwei Reisen nach Israel waren jeweils auch Maren und Timo Zeugen seiner einmaligen Kenntnisse zu Fragen der Politik und Geschichte. Durch die Bekanntschaft mit Aviva und Alfred und deren Gastfreundschaft war auch das Alltagsleben im heutigen Israel erlebbar. Innerhalb kürzester Zeit zeigte er uns ein Israel in allen nur denkbaren bunten Aspekten. Meine Wünsche zum Besuch bekannter historischer Orte wurden penibel erfüllt und sogar übertroffen. Gerade hatte ich den Wunsch noch einmal mit ihm nach Israel zu reisen. Dies lässt sich nun nicht mehr realisieren. Umso dankbarer bin ich für alles, was er mir schon erschlossen hatte.
In unserem Dorf Lünern gibt es den Wunsch, einen Dorfladen zu errichten. Dieses Vorhaben wollte auch Reinhard durch einen Anteilsschein unterstützen. Er sah auch die Chance, hier Produkte aus der Region Mani anzubieten und für seine Projekte und Ideen zu werben. Vielleicht könnten damit auch kleine finanzielle Beiträge eingeworben werden, die dann der Weiterführung seiner Idee der Jugendhilfe nutzen sollten.
Für die Fortführung seiner Arbeit ist gesorgt. Längst hatte auch er neue Mitstreiter gefunden, die gemeinsam mit den in Griechenland lebenden Freundinnen und Freunden das Geschaffene erhalten und weiterführen. Er bat mich eine zukunftsweisende Rechtskonstruktion zu entwickeln, die sowohl die Jugendhilfe weiterentwickelt als auch Perspektiven für eine Weiterführung der in Griechenland geschaffenen ideellen und materiellen Werte beinhalten. Mit der Gründung der UMB gGmbH („Unter dem Maulbeerbaum“) als alleiniger Tochter der Arbeitsgemeinschaft für Internationale Jugendprojekte (AGIP) Unna e.V. mit Sitz in Kamen als neuem Träger der Jugendhilfe ist die Brücke nach Griechenland errichtet und die Zukunft seiner Visionen machbar. Ich bin mir sicher, nach einer Zeit des Verlustes und der Trauer werden alle heute Verantwortlichen den Wert des gemeinschaftlichen Handelns und des Zusammenhalts in Werten und Zielen erkennen.
Zum Schluss wären da noch zwei Glocken. Sie sollten mal an den Haustüren unserer Jugendherberge in Parasyros hängen. Noch stehen sie hier auf dem Schrank. Auch wenn auf diesen „TITANIC 1912“ steht, hätten sie eine nützliche Funktion als Klingel und Warnung bei Feuer und Unglück. Dazu wäre allerdings die Abkehr von hinderlichem Aberglauben nötig.
So sehe ich Reinhards Vermächtnis:
Eine lebendige Gemeinschaft pflegen, Zusammenhalt bei der Lösung von Problemen, Einhaltung von notwendigen Regeln zum Schutz aller Beteiligten, Erhalt des Geschaffenen, Empathie für alles Lebendige, Offenheit im Miteinander und gegenseitiges Vertrauen.
Mut für neue gemeinsame Ziele und Aufgaben, Vermeidung von Egoismen in der Gemeinschaft, Eintreten für Wahrheit und Kampf gegen Unrecht und Ungerechtigkeit.
Parasyros, im September 2022
Peter Sylvester