15/06/2026
Else Lasker-Schüler hatte Humor. Zum augenblicklichen kalten (Erkältungs-)Wetter hat sie, die sich auch Abigail nannte, das passende Geicht geschrieben:
Der Schnupfen
Ich habe ihn doch wieder! Niesen ist unmodern geworden.
In den Biedermeierjahren,
Als die Leute noch gemütvoll waren,
Wünschten sich: »Gesundheit!« beide Gatten.
Oder auch: »Zum Wohlsein! wenn Sie mir gestatten.«
Haben doch die meisten Leute im Laufe der Jahrzehnte der
Tournüre Artigkeit gewissenlos eingebüßt und opfern keine
Worte weiter zur Verherrlichung des Schnupfens.
Mit Rezepten sind sie bei der Hand.
Ich trage meinen Schnupfen heute noch mit Würde,
Und klage nicht das launige Sommerwetter an.
Ich finde, »klagen«, irgendwie absürde,
Wenn man noch eben etwas schnaufen kann.
Nahm ein Verleger mir nur meine Bürde,
Die ungedruckt an meinen Ästen hängt.
Die vielen Verse werden erst zur Zierde,
Wenn ein Verlag sich druckreif danach drängt.
Gedichte, die ich in den letzten Jahren schmierte,
Prosa hellrosa, cetera, was liegt daran -
In die ich en passant die Welt einschnürte,
Beweise lieferte, daß ich was kann.
Und erst was können könnt, postwendend postrestant.
Was drängt Ihr euch zu lindern meinen Schnupfen,
Als wären wir beinahe blutsverwandt.
- Am Abend führ ich in mein Nasenloch den Wattetupfen
-Vorher - in Glyzerin getaucht und - schnarche dann.