08/06/2026
Brauchen wir sie noch?
Fehlerfrei schreiben – das macht jetzt die KI. Warum es sich trotzdem lohnt, die Kulturtechnik nicht gleich aufzugeben.
Es gab eine Zeit, in der falsche Rechtschreibung oder Schreibfehler dramatische Folgen haben konnten. Im Sommer 1962 sollte eine Raumsonde zur Venus aufbrechen. Mariner 1 startete am 22. Juli von Cape Canaveral in Florida. Knapp fünf Minuten später sah sich ein Sicherheitsoffizier am Boden gezwungen, die Rakete zu sprengen, weil sie vom Kurs abgekommen war. Der Grund dafür: In den handschriftlichen Gleichungen, mit denen die nötigen Kurskorrekturen bestimmt wurden, fehlte ein Strich über einem »R«. Übertragen in Computercode, führte dies dazu, dass die Rakete nicht korrekt manövrieren konnte. Der Schreibfehler ging in die Geschichte der Nasa ein als teuerster Strich, der jemals in einem Schriftstück vergessen wurde.
Heute wäre so was wohl nicht passiert. Man hätte den Code durch eine KI checken lassen. Dabei wäre aufgefallen, dass da etwas komisch aussieht. Die Strategie funktioniert nicht nur in der Raumfahrt. Wir lassen heute alle Arten von Schriftstücken auf Schreib- und Rechtschreibfehler prüfen, unsere digitalen Geräte ergänzen unsere Wortanfänge, Texteditoren wie Word unterkringeln rot, was statistisch falsch erscheint. Fehlerhaft zu schreiben, hat heute an Dramatik verloren.
Kann es uns also ganz egal sein, sollten viele Deutsche immer schlechter schreiben? Anders gefragt: Sollte man sich trotz KI die Mühe machen, eine gute Rechtschreibung zu pflegen und zu erlernen? Überhaupt: Stimmt es, dass Rechtschreibung an Wichtigkeit verloren hat? Und falls ja: Was würde das bedeuten, für unsere Kommunikation, für die Gesellschaft, für unser Denken?
Fehlerfrei schreiben – das macht jetzt die KI. Wie gut wir die Kulturtechnik beherrschen und warum wir überhaupt lernen sollten, was richtig und was falsch ist.