18/03/2026
Filigrane Zeichnungen in Wachs geschrieben
Heike Jeschonnek stellt im Wetzlarer Kunstverein aus
Es ist ein Wechselbad der Gefühle: hier die Natur in vielfältiger Form, dort die Tristesse moderner, manchmal brutaler Stadtarchitektur. Mal ist der Betrachter nah dran, auch emotional, mal geht er innerlich auf Distanz. Vielschichtig ist die Kunst von Heike Jeschonnek, zu sehen bis 12. April im Kunstverein. Vielschichtig meint nicht nur die Themen, sondern im Wortsinn die Technik der Berliner Künstlerin. Im Gespräch mit dem 1. Vorsitzenden Martin Lüpkes erfuhr man mehr.
Der Bildträger, sei es Papier, Pappe, Holz oder Leinwand, wird mit Paraffin beschichtet. In das Paraffin ritzt sie mit dem Messer eine Zeichnung, reibt in die Ritzen wie bei einer Radierung Acrylfarbe. Die überflüssige Farbe wird wieder abgekratzt, so sind nur die Ritzen mit Farbe versehen, es bleibt die Zeichnung. Bis zu 20-mal erfolgt dieser Vorgang. Am Ende ist das Bild plastisch, wirkt dank der vielen Schichten wie ein Relief. In die teilweise sehr erhabenen Stellen zieht die Künstlerin mit dem Messer immer wieder Linien nach, formt durch Abkratzen Konturen, schafft Werke mit fremd bis vertraut wirkenden Szenerien, filigrane, poetische Bildnisse.
Das Material Paraffin/Wachs biete ihr viele Möglichkeiten, sagt sie. Auf der einen Seite könne sie Stellen, die ihr nicht gefallen, wieder mit Wachs „bereinigen“. Zum anderen könne sie sich darin sehr gut ausdrücken, wenn es um die Verletzlichkeit von Natur, Architektur, Kultur geht. Jeschonnek beschäftigt sich intensiv mit der Darstellung von Natur sowie deren Verhältnis zur „gebauten Zivilisation“ im urbanen Raum mit Häuserschluchten und Hochhaussiedlungen. Und ja, so die Künstlerin, für die Großstädterin Jeschonnek seien die Natur und ihr Häuschen in Neuruppin, auf dem Land, ein Ausgleich, eine Gegenwelt.
Jeschonneks Bildträger sind eine Bühne, auf der sie die Objekte oder Lebewesen agieren lässt. Sie nennt die Bauwerke gefühlte Architektur, sie seien wie die Pflanzen und Tiere nicht realistisch, sondern hätten surreale Elemente. Die Architektur sei kein Abbild von Realität, sondern erfundene Realität. So oder so: Sie wolle immer eine Geschichte erzählen, das sei quasi die Klammer für Natur- und Stadtbilder. Viele Naturbilder entstanden in ihrem Garten. Natur sei die Möglichkeit, sich mit der Welt und mit dem Sein zu verbinden, was in der Natur besser funktioniere als in der Stadt. Jeschonnek plädiert für mehr Verbundenheit, mehr Miteinander von Mensch zu Mensch, aber vor allen Dingen mit der Natur, „denn die hat es, glaube ich, wirklich nötig“.
Nötig ist derzeit auch, sich für die Freiheit von Kunst und Kultur einzusetzen. Das tat Kulturdezernent Jörg Kratkey (SPD). Er nutzte die Gelegenheit zum Lob für die Arbeit des Kunstvereins, aber auch für ein Plädoyer für Kunstfreiheit. Er kritisierte Kulturstaatsminister Weimer in Sachen Buchhandlungspreis und warnte davor, dass, insbesondere wenn man in der Parteienlandschaft nach ganz links und ganz rechts schaue, in die Kultur einschränkend eingegriffen wird. Es sei wichtig, die Freiheit der Kunst, der Kultur zu bewahren. Dem konnte Vorsitzender Lüpkes nur zustimmen: Der Kunstverein stehe für Freiheit der Kunst und für Vielfalt.
Die Ausstellung ist bis 12. April im Kunstverein, Hauser Gasse 17, zu sehen. Öffnungszeiten: Samstag 11 bis 15 Uhr, Sonntag 14 bis 17 Uhr.