10/06/2026
80 Jahre nach der Vertreibung: Begegnung der Generationen in Weilburg - ein Bericht von Sabine Gorenflo DJV - Vor 80 Jahren verloren Hunderte deutschstämmige Familien aus dem ungarischen Dorf Györsövényház, deutsch Plankenhausen, ihre Heimat. Aus Anlass des 80. Jahrestages ihrer Ankunft in Weilburg trafen sich nun ehemalige Vertriebene, deren Kinder und Enkel sowie Gäste aus Ungarn zu einer bewegenden Gedenkveranstaltung in der Lahnstadt.
Organisator Johann Geigl zeigte sich erfreut über die große Zahl der Teilnehmenden. Besonders begrüßte er die Delegation aus der ehemaligen Heimatgemeinde. Der heutige Bürgermeister von Györsövényház Imre Hokstok sowie sein Stellvertreter waren eigens aus Ungarn angereist, um gemeinsam mit den Nachfahren der Vertriebenen an die Ereignisse des Jahres 1946 zu erinnern und die gewachsenen Verbindungen zwischen alter und neuer Heimat zu würdigen. Hokstok Imre pflegt seit Jahren Kontakte zu den Nachkommen der nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen, von denen viele im Raum Weilburg leben.
Die Geschichte der Plankenhäuser Ungarndeutschen gehört zu den vielen tragischen Folgen des Zweiten Weltkriegs. Nach den politischen Entscheidungen der Nachkriegszeit wurden Hunderttausende Deutsche aus Ungarn zwangsausgesiedelt. Allein aus Györsövényház mussten 521 Menschen, darunter 86 Familien, ihre Heimat verlassen. Sie durften nur wenig persönliches Eigentum mitnehmen. Die Reise erfolgte unter schwierigen Bedingungen in Güter- beziehungsweise Viehwaggons. Die Menschen verloren nicht nur Haus und Hof, sondern auch ihre gewohnte Lebenswelt und oft den Kontakt zu Angehörigen.
Am 6. Juni 1946 erreichten die 521 Ungarndeutschen aus Györsövényház den Bahnhof Weilburg. Von dort wurden sie zunächst in die Durchgangslager Weilmünster und Villmar gebracht. Anschließend erfolgte die Verteilung auf die damaligen Kreise Oberlahn und Limburg. Für die Betroffenen begann damit ein völlig neuer Lebensabschnitt in einer vom Krieg gezeichneten Region, die selbst mit Wohnungsnot und Versorgungsproblemen zu kämpfen hatte. Dennoch gelang es, sich eine neue Existenz aufzubauen und ihre kulturellen Wurzeln zu bewahren.
Györsövényház liegt etwa 15 Kilometer westlich von Győr im Nordwesten Ungarns. Das Dorf war über Jahrhunderte stark von deutschsprachigen Siedlern geprägt, deren Vorfahren nach den Türkenkriegen in die Region gekommen waren. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg bekannten sich mehr als 900 Einwohner des Ortes zur deutschen Sprache oder deutschen Volkszugehörigkeit. Die Vertreibung veränderte die Bevölkerungsstruktur des Dorfes dauerhaft. Heute erinnern Denkmäler und zweisprachige Ortsschilder an die deutsche Vergangenheit der Gemeinde und an das Schicksal der Vertriebenen.
Die Begegnung in Weilburg zeigte, dass die Erinnerung an Flucht und Vertreibung auch nach acht Jahrzehnten lebendig geblieben ist. Viele der Zeitzeugen leben nicht mehr. Umso wichtiger wird die Rolle ihrer Kinder und Enkel, die die Familiengeschichten bewahren und weitergeben. Die Anwesenheit der Vertreter aus Györsövényház machte deutlich, dass aus der einstigen Trennung längst eine Brücke zwischen Deutschland und Ungarn geworden ist.
Das Gedenken an die Ankunft der Vertriebenen ist deshalb nicht nur ein Blick zurück auf Leid und Verlust. Es ist zugleich ein Zeichen der Versöhnung und der gemeinsamen Verantwortung, die Erinnerung an die Folgen von Krieg, Vertreibung und Zwangsumsiedlung wachzuhalten. Achtzig Jahre nach ihrer Ankunft in Weilburg stehen die ehemaligen Plankenhäuser und ihre Nachkommen für eine Geschichte, die Teil der regionalen und europäischen Erinnerungskultur geworden ist.