29/07/2026
Wenn Sprache Patienten Angst macht, dann haben wir ein Problem.
Gestern habe ich erneut erlebt, dass ein Patient unsere spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) zunächst abgelehnt hat – aus Angst, wir seien „Sterbebegleiter“.
Und ehrlich gesagt: Das beschäftigt mich inzwischen nicht mehr nur fachlich, sondern auch ethisch.
Palliativmedizin ist keine Sterbebegleitung.
Palliativmedizin bedeutet, Schmerzen zu lindern, Luftnot zu behandeln, Ängste zu nehmen, Angehörige zu unterstützen und Lebensqualität zu erhalten. Oft über Monate, manchmal über Jahre. Gestorben wird an einem einzigen Tag. An allen anderen Tagen geht es um Leben. Um Lebensqualität. Um Würde. Um Selbstbestimmung. Genau darum geht es in der Palliativmedizin.
Dennoch habe ich den Eindruck, dass der Begriff „Sterbebegleitung“ in den vergangenen Jahren wieder deutlich häufiger verwendet wird. Über die Beweggründe möchte ich nicht spekulieren. Ob es Tradition ist, Ausdruck einer bestimmten Haltung oder andere Gründe hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Mir geht es auch gar nicht um die Motivation einzelner Personen oder Institutionen.
Mir geht es ausschließlich um eine Frage:
Was macht diese Sprache mit unseren Patienten?
Denn genau daran sollten wir unser Handeln messen.
Ich erlebe immer wieder, dass Patienten aufgrund dieser Begrifflichkeit Angst entwickeln und eine palliativmedizinische Mitbetreuung zunächst ablehnen. Sie verbinden Begriffe wie „Sterbebegleitung“ oder „Hospiz“ mit dem unmittelbar bevorstehenden Tod. Sie denken: „Jetzt kommen die, weil ich sterben muss.“
Dabei ist genau das falsch.
Palliativmedizin beginnt nicht erst in den letzten Tagen des Lebens. Sie begleitet Menschen oft über einen langen Zeitraum mit dem Ziel, Beschwerden zu lindern, Krankenhausaufenthalte zu vermeiden, Angehörige zu entlasten und vor allem eines zu erhalten: Lebensqualität.
Ein weiteres Problem sehe ich in der öffentlichen Wahrnehmung.
Hospizbegleitung, Hospizarbeit, Palliativversorgung und Sterbebegleitung werden immer häufiger in einen Topf geworfen. Für viele Patienten ist kaum noch erkennbar, worin die Unterschiede bestehen. Wir werden regelmäßig gefragt, ob wir „zum Hospiz gehören“. Die Antwort lautet: Nein.
Ich bin Palliativmediziner. Ich arbeite in einer Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung. Das ist ein medizinisches Versorgungsangebot mit einem klar definierten ärztlichen und pflegerischen Auftrag. Wir diagnostizieren, behandeln, lindern Symptome, treffen medizinische Entscheidungen und übernehmen Verantwortung.
Hospizbegleitung ist etwas anderes. Sie ist eine unverzichtbare und wertvolle ehrenamtliche Begleitung schwer kranker Menschen. Aber sie ist keine Palliativmedizin. Beides ergänzt sich. Beides ist wichtig. Aber beides ist nicht dasselbe.
Gerade deshalb halte ich es für problematisch, wenn diese Bereiche sprachlich immer weiter miteinander verschmelzen. Denn der Patient kann diese Unterschiede nicht kennen. Er orientiert sich an den Begriffen, die wir verwenden. Und wenn diese Begriffe Angst auslösen, dann wird Sprache zu einem Versorgungsproblem.
Ich habe diese Problematik bereits mehrfach angesprochen und den Dialog gesucht. Bislang habe ich jedoch den Eindruck gewonnen, dass die Wirkung dieser Begrifflichkeiten auf Patienten nur eine untergeordnete Rolle spielt. Dabei sollte sie eigentlich unser wichtigster Maßstab sein.
Denn Sprache ist kein Selbstzweck. Sprache muss den Menschen dienen. Sie darf niemals dazu führen, dass ein Patient notwendige Hilfe aus Angst ablehnt.
Vielleicht müssen wir deshalb den Mut haben, unbequeme Fragen zu stellen.
Nicht nur, ob ein Begriff historisch richtig ist.
Sondern ob er den Menschen heute noch hilft.
Und wenn er das nicht mehr tut, sollten wir bereit sein, ihn zu überdenken.
Oder müssen wir die Palliativmedizin künftig sprachlich noch klarer von der Hospizbegleitung abgrenzen, damit Patienten keine Angst mehr vor einer Versorgung haben, die eigentlich dazu da ist, ihr Leben lebenswerter zu machen?
Ich kenne die Antwort nicht.
Aber ich bin überzeugt, dass wir diese Diskussion führen müssen – offen, ehrlich und mit einem einzigen Maßstab:
Dient das, was wir tun und wie wir darüber sprechen, wirklich dem Patienten?
Danke fürs Lesen und Teilen.
Mit den besten Grüßen
Mario Steffens
Facharzt für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin
Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer
Palliativnetz Lörrach gGmbH
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