11/08/2021
- Hilfe durch Selbsthilfe – Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen für Adipositas-Betroffene und eine erfolgreiche Therapie!
Dr. med. Plamen Staikov für Adipositas Frankfurt
Häufig scheinen Patientinnen und Patienten den Nutzen von Adipositas-Selbsthilfegruppen zu unterschätzen. Dieser Eindruck entsteht vor allem dadurch, dass viele Betroffene vor einem bariatrischen Eingriff die Gruppen besuchen, um die notwendigen Nachweise für die Kassenanträge zu bekommen und sich nach der OP nur noch sehr sporadisch oder gar nicht mehr sehen lassen.
Mir tut dies gleich in mehrerlei Hinsicht leid und diesem Thema will ich mich heute widmen.
Die Leiterinnen und Leiter der Selbsthilfegruppen
Die Leitenden der Selbsthilfegruppen leisten eine enorme, ehrenamtliche Arbeit und dies betrifft nicht nur die Durchführung der Treffen selbst. Termine müssen langfristig organisiert und kommuniziert werden, Anfragen von Interessierten über Social-Media-Kanäle, WhatsApp Gruppen, telefonisch oder auch über E-Mails beantwortet werden.
Referentinnen und Referenten müssen für einzelne Informationsveranstaltungen gewonnen werden und auch die Produktion von Werbematerial wie Flyer, Webseiten oder Werbeschreiben kostet Zeit und Geld. Auch wenn Gelder über die Fördertöpfe der Kassen bereitgestellt wird, so bedarf dies einer langfristigen Planung und einer großen Menge an Bürokratie, die bewältigt werden muss. Viele der Leiterrinnen und Leiter bilden sich auch weiter und nehmen an Kursen, Workshops und Infoveranstaltungen teil, die meist von den großen Adipositasverbänden durchgeführt werden und sich manchmal hunderte Kilometer vom Wohnort der Ehrenamtlichen entfernt befinden.
Außerdem gilt es, sich um die Fragen und Sorgen der Mitglieder zu kümmern und sie im Kampf gegen Kassen, Stigmatisierung und die Krankheit selbst zu unterstützen.
Die Adipositaspatientinnen und -patienten
Die Kommunikation zwischen ärztlichem Personal und Betroffenen kann viel bewirken nur vermag sie einige Dinge nicht zu leisten, die jedoch wichtig für unsere Patientinnen und Patienten sind. Da wäre zunächst der Erfahrungsaustausch. Wenn wir ehrlich sind, kennen wir Behandelnden viele der geschilderten Probleme und Schmerzen nur vom Hörensagen, denn die wenigsten von uns haben sich einem bariatrischen Eingriff unterzogen.
Somit kennen wir beispielhaft zwar die Symptome des Früh- oder Spät-Dumpings, jedoch haben wir diese am eigenen Körper nie erlebt.
Hier bieten die Selbsthilfegruppen ein ideales Forum, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und mit Menschen zu sprechen, die ähnliche oder vielleicht genau die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Ähnliches gilt für einen eventuellen Haarausfall oder den gefürchteten Gewichtsrebound. Natürlich kann auch hier die Schulmedizin aus der medizinischen Praxis zitieren aber es ist auch sinnvoll und wertvoll, mit Patientinnen und Patienten in einem geschützten Raum zu sprechen und gemeinsam die gemachten Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen.
Hinzu kommen die sozialen Kontakte, die entstehen. Freundschaften und Bekanntschaften werden gebildet, gemeinsame Freizeitaktivitäten geplant und umgesetzt. All dies können weder ein Adipositaszentrum noch einzelne Mediziner leisten.
Öffentliche Wahrnehmung
Sowohl die Mitglieder der Selbsthilfegruppen als auch deren Leiterinnen und Leiter geben in zahlreichen Pressesartikeln, Interviews und Dokumentationen der Krankheit Adipositas ein Gesicht. Damit tragen sie in hohem Maß dazu bei, Vorurteile abzubauen und Kassen und Politik unter Druck zu setzen, endlich die notwendigen therapeutischen Maßnahmen zu fördern bzw. zu finanzieren. Dokumentierte Einzelschicksale stärken das Bewusstsein für den hohen Leidensdruck der Betroffenen und dokumentieren, dass es durchaus Therapiestrategien gibt, die diesem Leiden ein Ende bereiten können.
Was es braucht
All dies ist jedoch nur dann möglich, wenn wir diese wichtige Art der Selbsthilfe unterstützen. Was wir als Zentren und Fachpersonal tun können, ist ein räumliches Umfeld zu schaffen, in dem die Selbsthilfegruppen die Möglichkeit haben, sich in einem geschützten Raum zu begegnen und auszutauschen. Auch können wir durch Informations- und Vortragsveranstaltungen die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Adipositastherapie darstellen und so die medizinische Kompetenz der Selbsthilfegruppen auf den neuesten Stand bringen sowie Fragen der Teilnehmenden beantworten. Was Patientinnen und Patienten tun können, ist durch ihre zuverlässige und kontinuierliche Teilnahme an den Gruppentreffen das eigene Wissen um Ursachen und Folgen der Krankheit besser zu verstehen und andere Gruppenmitglieder mit Rat und Tat zu unterstützen. Auch trägt Ihre Anwesenheit dazu bei, dass die Ehrenamtlichen in Ihrem Tun bestärkt werden und Ihre Motivation nicht erlischt. Nur so ist gewährleistet, dass Deutschland weiterhin über ein breites und flächendeckendes Netz an Adipositas ShGs verfügt.
Ein Netz für das uns viele Länder rund um den Globus beneiden.
Im Namen meines ganzen Teams und dem Krankenhaus Frankfurt Sachsenhausen möchte ich mich bei all den ehrenamtlichen ShG Leiterinnen und Leitern und den regionalen und überregionalen Adipositas Verbänden für Ihr unermüdliches Engagement bedanken und unsere Patienten bitten, vor allem im eigenen Interesse, die Gruppenangebote zu nutzen. Denn auch die Teilnahme an einer ShG ist Teil der Therapie.
Ihr Dr. med. Plamen Staikov
Leiter des Adipositaszentrums Frankfurt-Sachsenhausen