30/07/2026
Nachlese zum Literaturabend am 27.7.2026
Texte: Fakten und Gefühle
Was beim Literaturtreffen des Vereins „Chiemgau-Autoren“ im Juli zur Sprache kam
Literatur ist vielfältig. Und sie kann viel bewirken. Wer wüsste das besser als die vielen Mitglieder des Vereins „Chiemgau-Autoren“, die alle Genres der Textproduktion bedienen: Lyrik in ihren verschiedenen Formen, Kurzgeschichten, Märchen, Sachberichte, Autobiographien, Podcasts und mehr. Beispiele ihrer Arbeit präsentieren die Autorinnen und Autoren regelmäßig bei den monatlichen Literaturtreffen im Traunsteiner NUTS – und hier sind auch Gäste willkommen, egal, ob sie nur zuhören oder mit einem eigenen Text einmal auf die Lesebühne wollen.
Der Literaturabend im Juli bot viel Abwechslung. Petra Babinsky, neugewählte 1. Vorsitzende des Vereins und Moderatorin der Veranstaltung, lud ein zu einem Blick über den literarischen Tellerrand und wies auf den Schriftsteller Alexandre Dumas hin, der am 27. Juli 1824, also vor genau 202 Jahren, geboren wurde. Sein berühmtestes Werk war „Die Kameliendame“: ein erfolgreicher Text, auch bekannt als Bühnenstück und Film, zudem Grundlage für Verdis Oper „La traviata“.
Wie immer folgten drei zehnminütige Spontanlesungen. Beim „Lesen nach Los“ erhielten Wolf Zimmermann, Georg Berghammer und Yvonne Caragea die Chance, sich und ihr Werk vorzustellen. Wolf Zimmermann hatte sich drei Jahre Zeit genommen, für seine Familie einmal sein langes Leben aufzuarbeiten, und er beschrieb aus der Sicht seines früheren siebenjährigen Selbst die Flucht mit seinem Vater 1947 aus der damaligen SBZ (Sowjetisch besetzte Zone) in den britischen Sektor – ein sachlicher und umso bedrückender Text.
Ganz anders die folgende Lesung von Georg Berghammer: Aus einer Schreibübung („Reizwortgeschichte“) mit 13 vorgegebenen Wörtern entwickelte er eine humor- und sinnvolle Geschichte: ein Beispiel für textliches Handwerk.
Beim dritten Beitrag auf dieser Lesebühne ließ Yvonne Caragea das Publikum teilhaben an zwei Ausschnitten aus ihrem gerade entstehenden Roman. Zwei Menschen schildern verschiedene Erlebnisse in ungewöhnlicher Sprache: knappe Sätze, abrupte Aussagen, Umgangssprache, Slang und Modeslogans. Auch das kann Literatur: in besonderer Sprache fremde, auch befremdliche Situationen nahebringen und Realität werden lassen.
Die Hauptlesung des Literaturtreffens war dem Tittmoninger Autor Josef Wittmann vorbehalten. Er ist nicht nur seit langem Mitglied der Chiemgau-Autoren, sondern bei den Münchner Turmschreibern, im Verband Deutscher Schriftsteller und im Internationalen Dialektinstitut. Aus seinem letzten Buch „O mei“ las er – besser gesagt: gestaltete er akustisch und optisch – zahlreiche Beispiele seiner Wortkunst. „Mid da Sprach spuin“, das will Wittmann. Spielerisch und ernsthaft zugleich schafft er es, mit bairischer Prägnanz Treffendes zu sagen. Die Mundart, die er bis in die kleinste Silbe beherrscht, ist sein Werkzeug und sein Transportmittel. Bewundernswert ist zudem, wie Wittmann die vordergründig strengen literarischen Formen wie Sonett, Haiku, Limericks oder die schlichten Elferl einsetzt. Er verleiht ihnen Flügel statt Zügel. Das bringt graue Zellen in Schwung sowie Lachmuskeln in Gang. Wittmann fragt in seinem Buch „O mei“: „Ham Gedichte, zwega da scheena Sprach gschriem oder zweng de gscheidn Gedankn, a Hoamat in unserner Zeit?“ Ja: haben sie. Unbedingt. Wittmann beweist es.
Für den 28. September lädt der Verein „Chiemgau-Autoren“ wieder zum offenen Literaturtreffen ins Traunsteiner NUTS (19 Uhr, Eintritt frei). Gäste sind willkommen.
Uta Grabmüller
(Bild Horst Babinsky)