15/05/2026
Morris Dancyger (Marek Danziger) verstarb am 12. Mai 2026 im Alter von 86 Jahren in Calgary, Kanada. Seine Lebensgeschichte ist eng mit der seines Vaters Shmuel Dancyger (Samuel Danziger) verknüpft, der den Holocaust überlebt hatte, aber 1946 in Stuttgart Opfer von Polizeigewalt wurde.
Nachdem die Familienmitglieder seit ihrer Inhaftierung im Jahr 1942 getrennt in verschiedenen Konzentrationslagern überlebt hatten, fanden sie erst am Abend des 28. März 1946 im jüdischen DP-Lager in der Stuttgarter Reinsburgstraße wieder zusammen. Shmuel Dancyger traf dort seine Frau Regina und die beiden Kinder Saba und Marek zum ersten Mal seit Jahren wieder. Es blieb die einzige Nacht, die die Familie gemeinsam verbrachte: Bereits am nächsten Morgen, dem 29. März 1946, wurde Shmuel Dancyger bei einer Razzia durch einen Stuttgarter Polizisten erschossen.
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Der Schütze wurde nie zur Verantwortung gezogen, der Fall geriet über Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit.
Für Morris Dancyger blieb dieses Erlebnis lebensbestimmend. Als Kind verlor er seinen Vater kurz nach Kriegsende, nachdem die Familie gerade erst den Holocaust überlebt hatte. Später wanderte er nach Kanada aus, studierte Pharmazie und baute sich dort ein neues Leben auf. Die Erinnerungen an Deutschland blieben jedoch schwierig, und lange sprach er kaum öffentlich über seine Vergangenheit.
Weltweit bekannt wurde eine Filmaufnahme aus den Tagen nach der Befreiung von Auschwitz. Darauf ist ein Junge zu sehen, der seine eintätowierte Häftlingsnummer in die Kamera hält. Nach späteren Recherchen handelt es sich dabei um Morris Dancyger. Das Bild wurde zu einem der bekanntesten Zeugnisse der befreiten Kinder von Auschwitz.
Erst Jahrzehnte später begann eine umfassendere Aufarbeitung der Geschichte der Familie. Der Sohn von Morris Dancyger, Howard Dancyger, begann intensiv zur Vergangenheit seiner Familie zu recherchieren. Gleichzeitig beschäftigte sich die Journalistin Tina Fuchs über Jahre hinweg mit dem Fall der tödlichen Polizeirazzia in Stuttgart. Schließlich kam der Kontakt zwischen den Recherchierenden und der Familie Dancyger in Kanada zustande.
Morris Dancyger stellte Fotos, Dokumente und Erinnerungen zur Verfügung, die halfen, die Ereignisse von 1946 genauer zu rekonstruieren. Daraus entstanden Ausstellungen, Veröffentlichungen und Filmprojekte. Die Geschichte von Shmuel Dancyger wurde dadurch zu einem wichtigen Teil der Stuttgarter Erinnerungskultur und gilt heute als Beispiel für Antisemitismus und Polizeigewalt in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Trotz seiner belastenden Erinnerungen unterstützte Morris Dancyger die historische Aufarbeitung. Öffentlich aufzutreten fiel ihm schwer, dennoch beteiligte er sich an Gesprächen und Projekten.
Heute erinnert in Stuttgart der Shmuel-Dancyger-Platz an seinen Vater. Historikerinnen, Journalisten und Initiativen haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass die Geschichte der Familie nicht mehr vergessen wird. Ohne Morris Dancyger und die Offenheit seiner Familie wäre diese Aufarbeitung kaum möglich gewesen.
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