08/12/2025
Liebe Freunde,
hier findet ihr unsere Stellungnahme zu dem von Frau Prof. Dr. Marie-Janine Čalić in DER ZEIT veröffentlichten Beitrag über Sarajewo. Als Verein möchten wir unsere Sichtweise darlegen und unseren Unmut über bestimmte Inhalte des Artikels äußern.
Einleitend:
Der Verein MAK e.V. aus Stuttgart versteht sich als zivilgesellschaftliche Plattform für Dialog, Aufklärung und historisch-politische Bildung im süddeutschen Raum. Unser Engagement richtet sich auf die Förderung eines respektvollen gesellschaftlichen Miteinanders, die Bewahrung historischer Wahrheit sowie die aktive Bekämpfung von diskriminierenden Narrativen – insbesondere gegenüber Minderheiten aus dem westlichen Balkan. Als überparteilicher und überkonfessioneller Zusammenschluss arbeiten wir an Projekten, die Integration, kulturelle Teilhabe und ein differenziertes Verständnis der bosnisch-herzegowinischen Geschichte fördern.
Gerade deshalb sehen wir es als unsere Verantwortung, auf den jüngsten Beitrag der Historikerin Marie-Janine Čalić zu reagieren. Der veröffentlichte Text berührt nicht nur sensible historische Themen, sondern reproduziert Darstellungen, die dem öffentlichen Diskurs über Sarajevo und Bosnien-Herzegowina erheblich schaden können. Als Verein, der sich professionell mit historischer Erinnerung, gesellschaftlicher Vielfalt und dem Schutz marginalisierter Perspektiven befasst, können wir eine solche Verzerrung nicht unkommentiert lassen.
Reaktion:
Ein vergifteter Text über Sarajevo von der Historikerin Marie-Janine Čalić
Der jüngste Beitrag von Prof. Dr. Marie-Janine Čalić erinnert an Vieles – an Dodiks kürzlich geäußerte Aussage, in Sarajevo würden alle „nach Burek und Sirnica stinken“, oder an jenes alte Schreiben Andrićs an Niko Marošević, in dem er die Stadt als „Umgebung aus Gestank, Talg, Trägheit und Verdorbenheit der Anhänger des arabischen Scharlatans“ beschreibt und gesteht, er halte sich deshalb lieber in Belgrad als in Bosnien auf. Oder an Karadžićs poetische Kampfansage an Sarajevo: „Lasst uns in die Städte hinabsteigen, um das Gesindel zu erschlagen.“ Inzwischen hatte er sich bereits in eine Fünf-Zimmer-Wohnung im Herzen der Stadt einquartiert. Es fehlte nur noch, mit dem Töten anzufangen.
In der „Zeit“ veröffentlichte die deutsche Historikerin und Universitätsprofessorin Marie-Janine Čalić nun einen geradezu giftigen Text über Sarajevo. Darin behauptet sie, die Stadt verwandle sich zunehmend in ein bosniakisch-muslimisches Zentrum, ihr multireligiöser Charakter sei verschwunden.
Dabei weiß Čalić gewiss, dass Teile dieses „multireligiösen Sarajevo“, wie sie es beschreibt, die Stadt mehr als dreieinhalb Jahre lang mit Granaten eingedeckt und mit Scharfschützen terrorisiert haben – Kinder, Frauen und alte Menschen wurden erschossen. Die Jagd auf Menschenleben wurde im „Sarajevo Safari“ sogar für zahlungskräftige Gäste veranstaltet. Trotz all dieses Schreckens ist Sarajevo bis heute eine Stadt des Humanen und Zivilen, wie man es in Zagreb oder Belgrad – beides Städte, die die Gräuel des Krieges nie erlebt haben – selten findet. Was die religiöse Zusammensetzung betrifft, ist Sarajevo nicht „muslimischer“ als Zagreb katholisch oder Belgrad orthodox ist. Aber wenn es um Islam und Muslime geht, wird schnell aufgeladen, ernst und gefährlich.
Der Text von Čalić weckt Erinnerungen an stereotype Schmähungen: Dodiks Gerede über „burek- und sirnica-stinkende“ Bewohner Sarajevos, Andrićs Tiraden oder Karadžićs mörderische Poesie. Alles rhetorische Vorstufen dessen, was später zur Realität wurde.
Sarajevo hat eine Tragödie überlebt: mehr als 18.000 Tote, zivile wie militärische. Das heißt: Jeder fünfte Bewohner der belagerten Stadt fiel der Aggression zum Opfer. Über 20 Prozent der getöteten Kinder waren nicht bosniakischer Herkunft – eine Tatsache, die die Täter bis heute nicht anerkennen. Den Bewohnern Sarajevos wird nicht einmal das Recht auf tragische Erinnerung zugestanden, geschweige denn auf posttraumatische Belastungsstörungen. Krank werden wäre möglich – aber es bleibt keine Zeit. Der Krieg hat faktisch nie aufgehört.
Trotzdem behandelt Čalić Sarajevo ideologisch und oberflächlich, obwohl die Stadt seit einem Jahrzehnt von sogenannten zivilen Parteien regiert wird. Laut ihr hätten SDA und die Islamische Gemeinschaft gefordert, dass Frauen sich verschleiern, und religiöse „Mischehen“ erschwert. Der Text wirkt wie ein Abklatsch jener postjugoslawischen Propagandaschriften, die sich ausschließlich gegen Bosniaken richteten – direkt aus dem Arsenal der geheimen Staatspolizei, auch bekannt unter dem Namen UDBA - Der ehemalige jugoslawische Geheimdienst. Zuständig für innere Sicherheit, politische Überwachung und geheimpolizeiliche Operationen in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Er galt als zentrales Instrument staatlicher Kontrolle. Viele naive Journalisten glaubten damals tatsächlich, das Verschweigen oder Verdrehen der Wahrheit über schwerste Verbrechen könne „ausgleichende Gerechtigkeit“ herstellen und man könne „gemeinsam von vorn anfangen“. Doch diejenigen, die fast vier Jahre lang Gräueltaten im Namen eines „großen Serbien“ und eines „großen Kroatien“ verübten, wollten nie von vorn anfangen. So wie Königshäuser ihre Erben haben, haben auch großstaatliche Projekte ihre Nachfolgeplaner: von Pavelić und Nedić, Tuđman und Milošević, Boban und Karadžić bis hin zu Dodik und Čović.
Um Täter und Opfer auf dieselbe Ebene zu stellen, werden Identität, Religion und Kultur instrumentalisiert – gegen Fakten und gegen jede Form gesunden Menschenverstands.
Im Text von Čalić findet sich Vieles: etwa ihre Empörung über grüne Fahnen mit arabischen Schriftzügen und verschleierte Frauen bei der Weihe der Ajvatovica 1990 - Jährliche islamisch-bosniakische Pilger- und Kulturzeremonie in Zentralbosnien (Prusac), die auf die Legende des Derwischs Ajvaz Dedo zurückgeht. Sie zählt zu den bedeutendsten religiös-kulturellen Bräuchen der Bosniaken. Jeder halbwegs informierte Mensch weiß, dass es sich bei der grünen Fahne um die reguläre Flagge der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina handelt – identisch mit jener in Kroatien, im Sandžak, in Slowenien, Serbien und der Diaspora. Das müsste auch eine Historikerin wissen. Sie problematisiert sogar Investitionen aus muslimischen Ländern und kritisiert Veranstaltungen wie die „Halal Expo Sarajevo“.
Natürlich darf in ihrer Erzählung auch Alija Izetbegović nicht fehlen. Čalić behauptet, er habe in seiner „Islamischen Deklaration“ eine zentral gesteuerte panislamische Ordnung „von Marokko bis Indonesien“ gefordert. Wer Izetbegovićs Werke kennt, weiß, dass diese Darstellung abgeschrieben ist – aus alten propagandistischen Texten, die aus heutiger Sicht unhaltbar sind. Eine Universitätsprofessorin sollte es besser wissen.
Čalić übernimmt sogar die Argumentation der UDBA aus dem Prozess gegen Izetbegović 1983: Das Gericht warf ihm Forderungen nach der Einführung der Scharia und nach Verbot „religiöser Mischehen“ vor. Wer sich auf solche Quellen stützt, diskreditiert in erster Linie sich selbst. Čalić, die Autorin des Buches „Tito – ewiger Partisan“, müsste das verstehen.
Ihr Vater, Eduard Čalić, schrieb über die Rebellion bosniakischer Soldaten der 13. SS-Division in Villefranche. Zija Sulejmanpašić, in seinem Werk „Die 13. SS-Division Handschar – Wahrheiten und Lügen“, kritisierte die übertriebene Fixierung auf den Begriff „Handžar“. Doch selbst er würdigte die wenigen Überlebenden – Männer, die aus Konzentrationslagern heraus gerettet wurden und dort massenhaft starben. Čalić Senior beschrieb, wie sie Hi**er und Himmler verfluchten. Nur durch die diplomatische Antwort eines Lagerführers blieben sie am Leben. Ein Akt des Mutes, der Respekt verdient – im Gegensatz zu dem Tonfall des Artikels von Čalić Junior, der wirkt, als wolle er das Leiden der Bewohner von Sarajevo relativieren oder fortschreiben.
Der Vorwurf, Izetbegović habe Kontakte zum iranischen Regime Ayatollah Khomeinis gepflegt, ist ein weiteres Zitat aus alter UDBA-Propaganda. Ironischerweise lebte Khomeini im französischen Exil – dort, wo die Familie Čalić selbst enge Verbindungen hat.
Auch Aleksandar Vuković, ein sozialdemokratischer Politiker aus Nikšić, meldete sich inzwischen zu Wort und lieferte eine Mischung aus abgenutzten Klischees über islamistischen Terrorismus. Im Kern erleben wir koordinierte Angriffe auf Bosniaken – mit uralten Vorwürfen, längst durch Fakten widerlegt. Man erinnert sich an die Behauptung der serbischen Seite nach dem Genozid in Srebrenica, die Opfer seien „Terroristen“ gewesen. Getötet wurden jedoch Babys, Mütter, Alte – aber die Täter sprechen bis heute von „Terroristen“.
Im September 2021, im Herzen des Wahlkreises von Christian Schmidt, fand ein Symposium über die euroatlantische Perspektive Bosniens statt. Veranstalter war die Deutsche Atlantische Gesellschaft, geleitet von Schmidt. Unter den Gästen: Wolfgang Schäuble und Marie-Janine Čalić. In ihrer Rede erklärte Čalić zu Srebrenica:
„Ein Vierteljahrhundert nach dem Krieg weigern sich die Serben, die Ereignisse von Srebrenica als Genozid zu bezeichnen. Warum? "Weil Srebrenica Metapher für hochpolitische Fragen ist ...“ Weiter behauptet sie, „nationalistisch orientierte Bosniaken“ hätten Srebrenica zu einer „gewählten Traumatisierung“ gemacht – einer „chosen trauma“, die angeblich zur Ablehnung politischer Teilung und zur Verweigerung der Versöhnung mit den Serben diene.
Damit relativiert Čalić den Genozid, indem sie die serbische Leugnung als legitimes Phänomen darstellt und den Blick auf die Opfer als „politische Metapher“ abwertet. Sie weiß aber sehr genau, dass sowohl der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien als auch der Internationale Gerichtshof eindeutig geurteilt haben. Unklar bleibt nur: Warum ignoriert sie die Seite, die den Genozid aktiv leugnet – und macht stattdessen aus dem Gedenken der Opfer eine politische Waffe?
Wir möchten Frau Čalić – wie auch der Redaktion und den Leserinnen und Lesern – abschließend eines mitgeben: Wer über Sarajevo schreibt, trägt Verantwortung. Verantwortung dafür, die Stadt nicht durch Projektionen zu verzerren, sondern sie in ihrer
gelebten Realität zu sehen. Sarajevo ist keine abstrakte Kulisse für kulturpolitische Deutungen, sondern ein realer Ort, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft jeden Tag zusammenleben, arbeiten und ihre Stadt gestalten. Wer diese Realität verstehen will, muss mit den Menschen sprechen, die Institutionen besuchen, die Vielfalt sehen, die Kulturinitiativen, die Frauenvereine, die religiösen Gemeinschaften, die Jugendzentren, die interkulturellen Projekte. Wir laden Frau Čalić ausdrücklich dazu ein, diese Perspektiven ernst zu nehmen – und nicht über Sarajevo zu schreiben, ohne Sarajevo wirklich zu begegnen.
Die Leserinnen und Leser möchten wir ermutigen, sich ein eigenes Bild zu machen und nicht jene Narrative zu übernehmen, die seit Jahrzehnten dazu dienen, eine ganze Bevölkerungsgruppe zu stigmatisieren. Sarajevo verdient eine faire, faktenbasierte Darstellung – und keine Wiederholung historischer Verzerrungen. Eine Zeitung wie Die Zeit sollte hierzu einen Beitrag leisten, statt mit der Veröffentlichung solcher Artikel zu schaden.