18/08/2026
Reit-WM in Aachen: Pferde sind keine Sportgeräte – und kein Medaillenzubehör
Die Weltmeisterschaften im Pferdesport finden vom 11. bis 23. August 2026 in Aachen statt. Während sich die Berichterstattung vor allem um Medaillen, Rekorde und sportliche Höchstleistungen dreht, sollte eine Frage viel grundsätzlicher gestellt werden: Was haben die Pferde eigentlich davon?
Denn eines wird im Reitsport viel zu selten ausgesprochen: Ein Pferd hat sich nicht freiwillig für eine Weltmeisterschaft entschieden. Es hat sich nicht für den Turnierkalender, die Zuschauer, Sponsoren, Medaillen oder die Karriere seines Menschen entschieden. Und trotzdem wird von ihm verlangt, unter enormem körperlichem und psychischem Druck Leistungen auf höchstem Niveau zu erbringen.
Pferde sind keine Sportgeräte. Sie sind fühlende Lebewesen.
Gerade deshalb reicht es nicht, immer wieder zu betonen, dass Pferde „Partner“ seien und man sie liebe. Entscheidend ist, was ihnen zugemutet wird. Ein Tier kann hervorragend gepflegt, gefüttert, medizinisch versorgt und geliebt werden – und trotzdem durch die Art seiner Nutzung erheblichen Belastungen ausgesetzt sein.
Besonders problematisch: die Haltung von Isabell Werth
Die Aussagen der mehrfachen Olympiasiegerin Isabell Werth verdienen in dieser Debatte besondere Aufmerksamkeit. Werth sagte bereits 2021 in einem Spiegel-Interview ausdrücklich: „Bei aller Wertschätzung und Liebe für die Tiere steht das Wohl des Menschen an oberster Stelle.“ Gleichzeitig bezeichnete sie Pferde im Sport als Partner und nicht als Sportgeräte.
Auch in einem aktuellen Interview vor der WM äußerte sie sich erneut dahingehend, dass Tiere nicht über den Menschen gestellt werden sollten.
Genau hier liegt ein fundamentaler ethischer Widerspruch.
Warum sollte das Wohl des Menschen grundsätzlich über dem Wohl des Tieres stehen, wenn der Mensch das Tier überhaupt erst in diese Situation bringt?
Das Pferd hat keinen eigenen sportlichen Ehrgeiz. Es braucht keine Goldmedaille. Es möchte keinen Weltmeistertitel. Der gesamte sportliche Wettbewerb ist ein menschliches Konstrukt. Wenn ein Mensch ein Tier für seine eigenen sportlichen Ziele einsetzt, entsteht daraus gerade eine besondere Verantwortung – und kein Freibrief, die Interessen des Tieres nachrangig zu behandeln.
Der Reitsport muss endlich grundsätzlicher über das Pferd sprechen
Im Spitzensport geht es um Geld, Prestige, Vermarktung, Zuchtwerte, Sponsoren, Karriere, Medaillen und nicht zuletzt um die Egos der Beteiligten. Pferde können einen enormen finanziellen Wert besitzen und sogar als Investment betrachtet werden. Auch Werth selbst spricht öffentlich über Pferde als Business und über Investitionen in Pferde.
Das bedeutet nicht, dass jedem einzelnen Reiter ausschließlich Geld oder Ego wichtig ist. Aber das System Reitsport erzeugt starke wirtschaftliche und sportliche Anreize, die Leistung über das tatsächliche Interesse des Tieres zu stellen.
Und genau darüber müsste viel intensiver gesprochen werden.
Stattdessen wird Pferdewohl häufig mit Begriffen wie „Partnerschaft“, „Harmonie“, „Vertrauen“ und „Liebe zum Pferd“ beschrieben. Das klingt schön – beantwortet aber nicht die entscheidende Frage:
Darf man einem fühlenden Tier Schmerzen, Angst, Stress und körperliche Überforderung zumuten, nur weil daraus sportliche Leistung entsteht?
Hyperflexion und Rollkur sind kein Kavaliersdelikt
Ein besonders kontroverses Beispiel ist die Hyperflexion des Halses – häufig als Rollkur bezeichnet. Dabei wird der Pferdekopf weit hinter die Senkrechte gebracht; in extremen Formen kann das Kinn nahezu an die Brust gezogen werden. Die Methode wird unter anderem über starken Zügel- beziehungsweise Gebissdruck und verschiedene Hilfszügel oder andere Einwirkungen erreicht. Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben dabei unter anderem Einschränkungen der Sicht, Veränderungen der Atmung sowie Stress- und Unwohlseinsreaktionen.
Und hier ist die wissenschaftliche Datenlage inzwischen besonders deutlich:
Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse, die 58 wissenschaftliche Studien auswertete, kam zu einem klaren Ergebnis. Bei 75 Prozent der untersuchten Arbeiten, die sich mit dem Wohlergehen der Pferde beschäftigten, wurden negative Auswirkungen festgestellt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Hyperflexion das Wohlergehen beeinträchtigt – unabhängig davon, wie sie herbeigeführt wird, wie lange sie angewendet wird oder wie erfahren das Pferd ist. Gleichzeitig fanden 65 Prozent der untersuchten Studien keinen Leistungsnutzen dieser Trainingsform.
Das ist bemerkenswert: Selbst ein geringerer Grad der Haltung „hinter der Senkrechten“ kann bereits mit negativen Auswirkungen verbunden sein. Die Meta-Analyse fand gerade keinen belastbaren Hinweis darauf, dass man die Problematik einfach mit „nur ein bisschen“ oder „nur kurz“ wegdiskutieren kann.
Und dann sind da noch die Nasenriemen
Besonders kritisch sind extrem eng verschnallte Nasenriemen. Sie werden unter anderem eingesetzt, um zu verhindern, dass das Pferd sein Maul öffnet und sich der Einwirkung des Gebisses entzieht.
Eine 2024 veröffentlichte Studie untersuchte genau diesen Zusammenhang. Bei Pferden mit sehr eng verschnalltem Nasenriemen wurden unter anderem mehr Sekretbildung, Veränderungen im Rachenbereich und häufiger ein Kollabieren von Rachenstrukturen festgestellt. Außerdem zeigten die Pferde mehr Anzeichen von Unwohlsein.
Dabei sollte man allerdings präzise bleiben: Ein enger Nasenriemen bedeutet nicht buchstäblich, dass ein Pferd „gar nicht atmen kann“. Die wissenschaftlich belegte Problematik ist subtiler und deshalb nicht weniger ernst: Die Kombination aus enger Verschnallung, Gebiss, Zügeleinwirkung und extremer Kopf-Hals-Position kann Atmung, Schlucken, Maulbewegung und Wohlbefinden beeinträchtigen.
Und genau deshalb sollte man sich fragen, warum überhaupt versucht werden muss, das Pferd mit solchen Mitteln in eine bestimmte Haltung zu zwingen.
Auch bei prominenten Reitern muss kritisch hingeschaut werden
Bei Reiterinnen und Reitern wie Isabell Werth, Katharina Hemmer oder Charlotte Dujardin sollte man nicht pauschal behaupten, jede einzelne Aufnahme zeige zwangsläufig „Rollkur“. Hyperflexion, „hinter der Senkrechten“ und die im FEI-Regelwerk problematische Rollkur sind nicht völlig identische Begriffe. Eine seriöse Kritik sollte diese Unterschiede berücksichtigen.
Gleichzeitig muss gerade bei den Besten des Sports genau hingeschaut werden. Denn was bei Weltmeisterschaften, Olympischen Spielen und hochrangigen Turnieren gezeigt wird, hat Vorbildwirkung.
Bei Charlotte Dujardin ist zudem ein anderer, eindeutig dokumentierter Tierschutzfall relevant: 2024 wurde sie nach der Veröffentlichung eines Videos suspendiert, auf dem sie ein Pferd während des Trainings wiederholt mit einer Peitsche an den Beinen schlug. Der Vorfall löste eine erneute grundsätzliche Debatte über die Grenzen dessen aus, was im Pferdesport als „Training“ akzeptiert wird.
Und ausgerechnet jetzt: extreme Hitze
Die diesjährige WM findet zudem unter Bedingungen statt, die die Belastung für die Pferde noch einmal verschärfen. In Aachen wurden Temperaturen von über 30 beziehungsweise bis zu 35 Grad erreicht. Für die Dressur wurden deshalb Prüfungszeiten angepasst und Pausen während der heißesten Stunden eingeplant. Die FEI weist selbst darauf hin, dass Dressurpferde aufgrund ihrer größeren Muskelmasse und der länger anhaltenden Muskelarbeit besonders hitzeempfindlich sein können.
Natürlich werden Kühlmöglichkeiten, Schatten, Wasser und tierärztliche Kontrollen bereitgestellt. Das ist richtig und notwendig.
Aber auch hier muss die Frage erlaubt sein:
Warum muss ein Tier bei extremer Hitze überhaupt noch sportliche Höchstleistungen für den Menschen erbringen?
Dass ein Pferd eine Belastung möglicherweise aushält, bedeutet nicht automatisch, dass es ethisch vertretbar ist, sie ihm aufzuerlegen.
Es braucht einen Perspektivwechsel
Der Reitsport spricht sehr viel über Pferdewohl – aber noch immer viel zu wenig aus der Perspektive des Pferdes.
Was will das Pferd?
Was braucht es?
Was empfindet es?
Welche körperlichen und psychischen Belastungen entstehen durch Training, Transport, Stallhaltung, Gebiss, Sporen, Gerte, Nasenriemen, extreme Bewegungsanforderungen und Wettkampfdruck?
Und vor allem:
Welche dieser Belastungen sind tatsächlich für das Pferd notwendig – und welche dienen ausschließlich dem sportlichen Ziel des Menschen?
Solange die Antwort auf diese Fragen nicht radikal ehrlich ausfällt, bleibt die Behauptung von der „Partnerschaft“ problematisch. Darüber hinaus ist die Argumentation der Sportreiterinnen und Sportreiter bei jeglicher Kritik haltlos, dass es ihren Pferden besser gehe, als dem Großteil aller Pferde in Deutschland: Die Argumentation, sie hätten die schönsten Ställe, die besten Tierärzte, Physiotherapeuten, Osteopathen und Hufschmiede - kurz die allerbeste Pflege, hinkt.
Denn eine Partnerschaft setzt voraus, dass beide Seiten frei entscheiden können.
Das Pferd kann aber nicht sagen: „Ich möchte heute nicht Weltmeister werden.“
Es kann nicht seine Karriere beenden.
Es kann keinen Vertrag kündigen.
Und es kann sich nicht gegen einen Menschen wehren, der über sein Training, seine Ausrüstung, seine Haltung und seinen Einsatz entscheidet.
Deshalb sollte die zentrale Frage der Reit-WM nicht lauten, wer Gold gewinnt.
Sie sollte lauten:
Wie viel Leistung dürfen wir einem Tier für unsere Unterhaltung, unseren Ehrgeiz und unseren sportlichen Erfolg überhaupt abverlangen?
Pferde sind keine Sportgeräte.
Keine Medaillenmaschinen.
Keine Investitionsobjekte.
Keine Verlängerung menschlicher Egos.
Sie sind fühlende Lebewesen. Und ihr Wohl darf nicht davon abhängig sein, wie viele Punkte, Medaillen oder Millionen sich mit ihnen erzielen lassen.
-Fans