17/06/2026
Ich bin wieder auf der Palliativstation, einer Station die vor allem das Lebensende im Blick hat und dort unterstützen und helfen will, Angst und Schmerzen zu lindern.
Dort begegne ich in einem Krankenzimmer einem gestandenen Handwerker. Der Patient erzählte voll Liebe von seinem Beruf als Tischler – wie es ist, wenn man für ein einzelnes Auftragsstück Zeit hat: Das Holz auswählen, bearbeiten, es berühren und ein Werk damit erschaffen.
„Jetzt“, so klagt er, „bin ich nutzlos geworden. Ich habe mein Leben lang an das Werk meiner Hände geglaubt. Auf die kann ich mich nicht mehr verlassen. Ich bin krank, sterbenskrank. Ich wünschte, ich könnte wenigstens an Gott glauben, dann wäre ich noch etwas wert und nicht so nutzlos.“
Zuerst wollte ich antworten: „Sie sind doch gar nicht nutzlos!“ Aber doch, ich konnte ihn verstehen. Krankheit bringt es hervor, dass man abhängig ist, angewiesen, ja irgendwie ausgeliefert und ohnmächtig. Im Angesicht von Krise, Krankheit oder Tod stellt sich die Frage nach dem Sinn – und mitunter auch, wie nützlich man ist.
Doch Gottes Blick misst nicht die Leistung eines Menschen, nicht nur das Werk seiner Hände. Gerade in Krankheit und Schwäche zeigt sich, dass die Würde jedes Menschen unauslöschlich ist. Wer nichts mehr leisten kann, ist dennoch gehalten, getragen und geliebt. Vielleicht liegt darin ein anderer Sinn: sich anvertrauen, einander würdevoll anschauen und entdecken, dass man nicht nutzlos ist, sondern unendlich wertvoll in Gottes Augen.
Beinah so wie ein Tischler liebevoll auf das Werk seiner Hände schaut, so liebevoll stelle ich mir auch den Blick Gottes auf den Menschen vor.
/ Annemarie Nyqvist in "Gesegneten Abend" auf NDR Schleswig-Holstein