25/05/2025
Seit der Verein vor gut anderthalb Jahren die "bürgermeisterliche Kuriositäten- und Wunderkammer" in zwei kleinen Räumen des Bürgermeisterhofs eröffnete, sind auch eine Nähmaschine, Dederonstoff im Blumenmuster, Nähgarn, ein Modeplakat und ein eingerahmtes Kündigungsschreiben Teil der Ausstellung. Die Gegenstände illustrieren die Zeit zwischen 1973 und 1990, als rund 100-140 überwiegend weibliche Mitarbeiter:innen der PGH Modewerkstätten Salzwedel im Bürgermeisterhof und einer damals neu errichteten Produktionshalle arbeiten. Als im November 1989 die Mauer fällt, bleibt der Hof jedoch schlagartig leer. Die Salzwedeler:innen kaufen ihre Kleidung fortan lieber bei Woolworth in Uelzen, anstatt sie teuer in der Salzwedeler PGH maßanfertigen oder unzählige Male reparieren zu lassen. Im August 1990 ist die PGH Modewerkstätten der erste Betrieb in Salzwedel, der der Wende zum Opfer fällt: Für die allermeisten PGH-Frauen ein massiver Bruch im Lebenslauf. Über diesen Schlüsselmoment der deutschen Geschichte will der Verein schon länger mit ihnen sprechen. Dank der Organisation von Kathrin, Ines, Yulian und Conny Blödow, dem Engagement der Vereinsmitglieder Thomas, Sabine, Olaf, Jacob, Frieder, Peter, Justy, sowie der Unterstützung durch den Videoclub Salzwedel, den Offener Kanal Salzwedel, die Brückenbauerinnen Rana und Lynn, sowie die Ethnologin Ortrun Vödisch, Referentin für Alltagskulturen, immaterielles Kulturerbe & Industriekultur beim Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V., bot das gestrige Kaffeekränzchen der gut 35 ehemaligen PGH-Mitarbeiter:innen zugleich auch den perfekten Anlass, um die Erinnerungen der Mitarbeiter:innen in 7 Zeitzeugeninterviews und mehreren Hausbegehungen in Kleingruppen festzuhalten. Völlig verschwunden ist die Schneiderhandwerk aus dem Bürgermeisterhof übrigens nicht. Vor einiger Zeit hat Christiane eine kleine Nähwerkstatt im Steinhaus eingerichtet, um mit den Kindern und Jugendlichen Ihrer Hochstelzengruppe die Kostüme für ihre Auftritte selbst nähen zu können. Aktuell arbeitet sie dort allerdings an ihrem eigenen Brautkleid. Und sich für feierliche Anlässe feierliche Kleidung zu nähen, ist ganz im Sinne der früheren PGH-Belegschaft. 👗🧵🪡