20/06/2026
CIAO, TRAUDI. NA SHLEDANOU.
„… niemals hätte ich gedacht, dass auch Träume Wirklichkeit werden können. Und mein Traum war: einige Monate in Tschechien zu verbringen und meine Beziehung zu meinem Geburtsland und dessen Bewohnern auszuloten.“ Das schrieb Wolftraud de Concini vor genau elf Jahren in ihrem Blog als unsere Stadtschreiberin von Pilsen. Der Traum war wahr geworden, unsere Jury hatte sie ausgewählt. Am heutigen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung erinnern wir an Traudi, wie sie die ihr nahestehenden Menschen nennen durften. 2013 hatte sie ihr auf Deutsch und Italienisch verfasstes, mit eigenen Fotografien ausgestattetes Buch „Böhmen hin und zurück“ veröffentlicht – darin berührende Texte über die Geschichte ihrer Vertreibung als Fünfjährige aus Trautenau/Trutnov und ihre späte Suche nach ihren böhmischen Wurzeln. Ihre Offenheit und ihre fundierte Arbeitsweise, ihre literarischen und fotografischen Fähigkeiten zeigen sich in ihrem zeitlosen Blog mit sorgfältig recherchierten und ansprechend bebilderten Beiträgen. Sie bloggte über deutsches und jüdisches Leben in Böhmen, die Roma, böhmische und tschechische Geschichte, Kunst, Literatur, Musik, das Kulturhauptstadtprogramm und vieles mehr.
Die Verfasserin von über dreißig kulturgeschichtlichen Publikationen lebte seit 1964 in Italien, im wunderschönen Trentino, wo wir öfter mit ihr in ihrer Lieblingspizzeria essen durften. Traudi war bis zuletzt unterwegs, offen, ansprechbar für alles Neue. Mit über achtzig Jahren hat sie angefangen, Cello zu spielen, und auf Facebook bezeichnete sie sich als „Digital Creator“. Auf ihrem Profilbild lächelt sie verschmitzt, das Cello im Arm.
Im April 2026 ist Traudi überraschend verstorben. Ihr neues Buch „Frati, cari fratelli“ über den Einblick in den Alltag eines Kapuzinerklosters ist soeben erschienen, die deutsche Übersetzung war in Planung, eine Veranstaltung in Südtirol stand vor der Tür. Sie hatte noch viel vor.
Ciao, Traudi. Na shledanou.
Zum Blog: stadtschreiberin-pilsen.blogspot.com