01/12/2025
30 Jahre Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft
Bewahren und Erinnern / Schamor we Sachor
Offenbacher Lesungen / Literatur im O-Ton
„Hermetische Lektüre zum Leben erweckt“
Hanns Zischler liest aus dem Werk
des deutsch-jüdischen Schriftstellers Karl Wolfskehl
Kulturhalle "Alte Schlosserei", 23. November 2025, 18.30 Uhr
Förderer
Energieversorgung Offenbach (EVO) AG
Sponsorenpatenschaft
Stadtwerke Offenbach Holding (SOH)
Aufmerksam und bewegt lauschten die Besucher am Abend des 23. Novembers 2025 in der Kulturhalle „Alte Schlosserei“ der Rezitation des Schauspielers Hanns Zischler und dem „musikalischen Zeitbild“, das Yumiko Noda, Violine/Viola, und Olaf Joksch-Weinandy, Klavier, darboten. Es war die 14. Folge in der Reihe „Offenbacher Lesungen / Literatur im O-Ton“, die wir als Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft seit 2010 veranstalten.
Karl Wolfskehl: ein Repräsentant der deutsch-jüdischen Symbiose
Anton Jakob Weinberger, Vorsitzender der Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft, hatte zu Beginn der Lesung in seinen „Anmerkungen zu Karl Wolfskehl“ darauf hingewiesen, dass der Schriftsteller seinen Weg als ein „Jude in der Diaspora“ gegangen sei. Für einen Juden in der Diaspora (gr. „Zerstreuung“) stelle sich eine zweifache Aufgabe: jüdisch zu bleiben und sich der Kultur des Landes, in dem man nun lebe, anzuverwandeln. Damit sei nicht Assimilation gemeint, die schlichte Anpassung an die zunächst fremde Kultur, sondern deren Aneignung und Teilhabe, die Bereitschaft, zu Gestaltung und Fortentwicklung dieser Kultur beizutragen. Sich selbst habe Wolfskehl - schon fern der Heimat ins Exil verbannt - im Gedicht „Das fünfte Fenster: Ultimus Vatum“ als „jüdisch, römisch, deutsch zugleich“ bezeichnet.
Nach Weinbergers Worten war Wolfskehl einer der herausragenden Repräsentanten jener Strömung im deutschen Judentum vor der Schoa gewesen, die sich, wie es der neukantische Philosoph Hermann Cohen 1915 formulierte, zur „innerlichsten“ Verbundenheit von „Deutschtum und Judentum“ bekannt hätten. Nun sei nach der Schoa der Begriff von der „deutsch-jüdischen Symbiose“, wie er im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts im Umlauf gewesen sei, als „Mythos“ bezeichnet und verworfen worden, so in den 1960er Jahren von dem Kabbalah-Forscher Gershom Scholem. Ein anderer Repräsentant des deutschen Judentums, Dr. Siegfried Guggenheim – vor der Schoa letzter Vorsitzender der 1707 gegründeten Israelitischen Religionsgemeinde Offenbach - , habe Scholems Diktum indes widersprochen. Guggenheim, der mit Wolfskehl in dessen letzten drei Lebensjahren eine intensive Brieffreundschaft pflegte (...), habe 1957 in einem Brief an den damaligen Leiter des Offenbacher Klingspor-Museums für moderne Schrift- und Buchkunst, Adolf Halbey, festgestellt: „Wenn ich gefragt würde, welcher Gedanke zugrunde lag bei den Arbeiten, die Sie durch Rudolf Koch und seinen Kreis herstellen liessen, so wäre die Antwort: die Symbiose[,] d.h. die verbundene Lebensführung von Deutschtum und Judentum. Das war das Ideal Leo Baecks, das erstrebte der Philosoph Hermann Cohen und das war auch die Maxime des verehrten Freundes, Rabbiner Max Dienemann.“
hr2 kultur: „Ein sehr gelungener Abend“
Nach Ansicht von Mario Scalla, Kritiker des Rundfunksenders hr2 kultur, war die Lesung aus dem Werk von Karl Wolfskehl ein „sehr gelungener Abend“, bei der anhand des Schicksals des in Darmstadt geborenen, während der NS-Diktatur nach Schweiz, Italien und Neuseeland emigrierten Schriftstellers sehr viel von der leidvollen jüdischen Geschichte vergegenwärtigt worden sei. Scallas Besprechung der unserer Lesung war am 26. November 2025 in der Rubrik „Frühkritik“ auf hr2 kultur zu hören und ist nun hier abrufbar:
https://www.hr2.de/podcasts/hr2-fruehkritik-wo-bist-du-deutscher-geist--hanns-zischler-liest-in-offenbach-aus-dem-werk-von-karl-wolfskehl,audio-114204.html
Besucherstimmen
Der Publizist Eugen El sagte nach der Lesung:
„ ,Eure Sprache ist auch meine’ – An Karl Wolfskehls Gedichte aus dem italienischen Exil hatte ich mich monatelang nicht herangetraut. Daß Hanns Zischler noch so hermetisch erscheinende Lektüren zum Klingen bringen und förmlich zum Leben erwecken kann, demonstrierte er bei der jüngsten „Offenbacher Lesung“. Während draußen der erste Schneesturm dieses Winters tobte, vergegenwärtigte Hanns Zischler im eindrücklichen Zusammenspiel mit den Musikern Yumiko Noda und Olaf Joksch-Weinandy Karl Wolfskehls literarisches Werk, das in den totalitären Stürmen des 20. Jahrhunderts seiner Wurzeln enthoben wurde.“
Die Besucherin Marita Peichl äußerte:
„Die ,Offenbacher Lesungen / Literatur im O-Ton’ sind für mich inzwischen ein fester Bestandteil im Jahreslaufs. Karl Wolfskehl: Sein Name und sein Werk waren mir bisher unbekannt und weckten die Neugier in mir. Hanns Zischler las aus dem literarischen Werk Wolfskehls mit ruhiger und klarer Stimme. Die Zusammenstellung der ausgewählten Texte schuf bei mir ein Bild über die Befindlichkeiten und die Empfindsamkeiten in der Persönlichkeit des Literaten und des kosmopolitisch gelehrten Geistes Karl Wolfskehls. Während der Lesung konnte ich zunehmend verstehen, wie sich Wolfskehl als Mensch von jüdisch-deutscher Herkunft verstand und wie wichtig ihm sein Jüdischsein war.
Besonders nah fühlte ich mich der vorgetragenen Lyrik und dem rezitierten Briefwechsel zwischen Wolfskehl und Siegfried Guggenheim. Aus ihren Exilorten in Neuseeland und in den USA hielten sie über den größten Ozean und Kontinente hinweg ihre Erinnerungen, ihren kulturellen und intellektuellen Background an die deutsche Heimat und ihre jüdisch-kulturelle Identität wach.
Besonders emotional war die Erinnerung Wolfskehls an die"Offenbacher Haggadah", die das rituelle Begehen des Sederabends zu Beginn des Pessachfestes in einer künstlerisch wunderschön illustrierten Edition beschreibt. Ich fühlte mich an einen Vortrag ... erinnert, bei welchem ich selbst die Gelegenheit und die Ehre hatte, dieses kostbare Buch zu sehen. Auf einer emotionalen Ebene kann ich daher umso mehr Wolfskehls schmerzliche Sehnsucht nach all das für ihn Verlorengegangene nachvollziehen.
Wolfskehls literarisches Werk, sein kosmopolitisch gelehrter Geist sind Ausdruck jüdisch-deutschen Kulturguts, das uns allen - ob jüdisch oder nichtjüdisch - geistige Heimat zu verleihen vermag. Die Lesung von Hanns Zischler aus dem Werk Karl Wolfskehls (…) hat mir große Freude bereitet und mich inspiriert ,Eure Sprache ist auch meine - Gedichte aus dem italienischen Exil’ zu lesen … Dafür (…) mein großer Dank!“
Fotos:
© Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft / Foto Brigitte Pfeiffer
Hanns Zischler, Rezitation
Yumiko Noda, Violine/Viola
Olaf Joksch-Weinandy, Klavier