09/11/2020
Am heutigen Tag vor 82 Jahren wurden in ganz Deutschland Synagogen angezündet. Der Terror richtete sich in der Zerstörung ihrer Geschäfte, Häuser und Wohnungen gegen jüdische Bürger*innen, die getötet oder misshandelt wurden.
Die Novemberprogrome bildeten mit der anschließenden Deportation von annhähernd 30.000 Juden*Jüdinnen den Auftakt zur Shoa.
"Begründet" wurden die Gewalttaten mit dem Anschlag auf den Legationssekretär vom Rath in der Deutschen Botschaft in Paris.
In diesem Zusammenhang waren auch antisemitische Verschwörungserzählungen virulent, die das Attentat in den Zusammenhang mit einer angeblich "jüdischen Weltverschwörung" brachten. Der von Saul Friedländer so benannte "Erlösungsantisemitismus" der N***s, glaubte das Heil einer an sich guten Welt, sofern sie sich der vorgeblich natürlichen Ordnung fügt, in der Vernichtung der, als das Böse dargestellten, für die Antisemtit*innen alles künstliche verkörperndern Juden*Jüdinnen, herbeizuführen. Die entsprechenden Bilder, die dieser "Erlösungsantisemitismus" heraufbeschwört, sind auch heute noch das kulturelle Fundament vieler aktueller Verschwörungsideologien. Dies reicht so weit, dass innerhalb der, auch auf vielen der sogenannten Hygienedemos vertrenen, Qanon-Verschwörungsideologie noch die aus dem christlichen antijudaismus stammende Ritualmordlegende in nur leicht abgewandelter Form aufgegriffen wird, wenn ein weltumspannender Kinderhändlerring zur Gewinnung von Adrenochrom behauptet wird.
Gerade in Krisenzeiten (seien die Krisen wie aktuell real oder wie zur sogenannten "Flüchtlingskrise" eher gefühlt) greifen Menschen vermehrt auf die antisemitischen Vorurteile zurück, die im Jahr 1945 nicht einfach verschwunden sind. Sie werden entweder über Codes kommuniziert, die Jüdinnen*Juden meinen, ohne dies direkt zu sagen oder die antisemitische Vorstellung finsterer, im Hintergrund die Geschicke lekender Bösewichter wird geteilt, aber der antisemtische Charakter dieser Behauptung verleugnet. In einem lesenswerten Beitrag für die Jungle World hat Olaf Kistenmacher ein weiteres Beispiel für diesen latenten Antisemitismus herausgestellt, der gerade auch die Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen durchgängig begleitet und hier immer mehr Raum greift: "Am 7. Mai veröffentlichten einige namhafte Katholiken wie Gerhard Ludwig Kardinal Müller den »Aufruf für die Kirche und für die Welt an Katholiken und alle Menschen guten Willens« und gaben darin einige Stichworte für die sogenannten Coronaproteste. Allen Ernstes warnten die Kirchenvertreter, »dass Jahrhunderte der christlichen Zivilisation unter dem Vorwand eines Virus ausgelöscht werden, um eine verabscheuungswürdige technokratische Tyrannei aufzurichten, in der Menschen, deren Namen und Gesichter man nicht kennt, über das Schicksal der Welt entscheiden können, indem sie uns in eine virtuelle Wirklichkeit verbannen«. Die Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie seien »der beunruhigende Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht«. Von Juden war im ganzen Text keine Rede. Aber Menschen ohne »Namen und Gesichter«, »Weltregierung« – solche Bilder kennt man aus der Propaganda der NSDAP. Solche Texte werden auch als »strukturell antisemitisch« bezeichnet, weil sie sich nicht offen gegen Jüdinnen und Juden richten, aber eine ähnliche Sprache verwenden wie der klassische Antisemitismus und einer ähnlichen Logik folgen. Sicherlich würden die Kirchenmänner diese Gemeinsamkeit leugnen, vielleicht sogar vor sich selbst. Wenn sie sich das selbst nicht eingestehen, kommen zwei Formen des latenten Antisemitismus zusammen: die Codierung und die Verleugnung." (https://jungle.world/artikel/2020/34/konsequent-latent)
Olaf Kistenmacher: Latente Judenfeindschaft zeigt sich in verschiedenen Formen