19/09/2025
Verhinderte Kunst kommt ans Licht
ROTE GALERIE Nach Zensurvorwürfen zeigt Stefanie Probst ihr antifaschistisches Werk öffentlich.
Von Birgit Ruf
Ein Fall von Kunstzensur in Nürnberg sorgte vor nicht allzu langer Zeit für Aufsehen: Das Werk „Seite an Seite gegen den Faschismus“ sollte ursprünglich rund um die Blaue Nacht im Schaufenster des ehemaligen Kaufhofs gezeigt werden – doch dazu kam es nicht. Holger
Felten, der damalige Präsident der Nürnberger Kunstakademie, teilte der Akademie-Absolventin mit, ihr Werk würde in der Hochschul-Schau nicht ausgestellt.
Emotional mitgenommen
Man wolle „nicht provozieren“, die Arbeit sei „zu konfrontativ in dieser Stimmung“. „Diese Stimmung“ war geprägt von Angriffen der AfD auf die Kunstakademie. In der Folge tobten heftige Debatten um Zensur und Kunstfreiheit. Inzwischen hat Felten Fehler eingeräumt. Er ist – auch aufgrund weiterer Entwicklungen – von seinem Amt als Akademiepräsident zurückgetreten.
Jetzt wird das Kunstwerk erstmals ausgestellt – und die bislang schweigende Künstlerin meldet sich zu Wort. „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden“, sagt Stefanie Probst, die bisher unter dem Pseudonym „ffi“ auftrat – eine Ableitung ihres Vornamens. Wie, so fragt sich die 27-Jährige noch heute, könne ein Werk, das sich klar gegen Faschismus positioniert, provozieren?
Die Ereignisse und öffentlichen Debatten haben sie stark mitgenommen – emotional und körperlich. „Ich hatte Haarausfall, es war schlimm“, sagt sie und auch, dass sie das Ganze nur dank der Unterstützung von rund einem Dutzend ehemaliger Kommilitonen durchgestanden hat, die sich solidarisch mit ihr zeigten. Auch sie hatten aus Protest teilweise ihre Arbeiten aus der Ausstellung entfernt oder sie verändert. Und hatten Interviews mit Medien übernommen. „Das war ungemein hilfreich und eine tolle Unterstützung – vor allem, als ich gemerkt habe, welche Wellen das schlägt“, sagt die Künstlerin.
Jetzt ist sie in die Rote Galerie Nürnberg eingeladen, deren Träger der Verein Karl-Bröger-Gesellschaft ist. Am Samstag, 20. September, wird sie ihr Werk dort enthüllen – im Schaufenster. „Wir freuen uns sehr, dass Steffi Probst zu uns in die Rote Galerie kommt. Es darf nie mehr passieren, dass man Kunst gegen Rechtsextremismus verstecken muss. Jedenfalls hat das Werk in der Roten Galerie seinen Platz“, betont Michael Ziegler, kulturpolitischer Sprecher der SPD in Nürnberg. Der Ausstellungsraum in der Kobergerstraße 59 feiert damit sein sechsjähriges Bestehen.
Zu sehen sein wird die Arbeit dort zunächst nur zwei Tage als Ergänzung zur aktuellen Schau der Malerin Zahra Zahedi mit dem Titel „Sehnsucht nach Frieden“. Zur Enthüllung, bei der auch SPD-Oberbürgermeister-Kandidat Nasser Ahmed dabei sein wird, gibt es einen Talk von Ziegler mit Probst, der die Ereignisse rund um die Kaufhof-Schau noch einmal beleuchten wird. Aber vor allem bietet die Kurz-Ausstellung die Gelegenheit, das viel diskutierte, bislang noch nicht öffentlich gezeigte Werk zu sehen. Es ist typisch für die Arbeitsweise und inhaltlichen Interessen der Künstlerin, die Analoges mit Digitalem verbindet, also Malerei und Fotografie mit 3D-Drucken oder Schrift. Grundiert ist die Arbeit mit einem Wimmelbild an Motiven, die Probst zum Teil selbst fotografiert oder gefunden und dann übermalt hat: Havarierte Tanker, Küken mit Gasmasken, Vögel nach einer Ölkrise, Kälbchen mit XXL-Eutern zur gewinnbringenden Milchproduktion. Darüber in den verschiedensten Sprachen der Aufruf, den Faschismus zu bekämpfen.
Im Januar kehrt Probst mit einer größeren Ausstellung in die Rote Galerie zurück – gemeinsam mit ihren Unterstützern. Dann wird sie Nürnberg bereits verlassen haben: Die Künstlerin zieht nach Bern, in ihre Heimat, wo sie kürzlich mit einem Kunstpreis ausgezeichnet wurde.
Der Grund für den Umzug? Nicht allein die Ereignisse in Nürnberg, sondern ein genereller Rechtsruck in Deutschland. „In der Schweiz“, sagt sie, „funktionieren Demokratie und Aktivismus noch verspielter.“
Rote Galerie, Kobergerstraße 59, Nürnberg, Enthüllung und 6-Jahres-Feier der Galerie am Samstag, 20. September, um 18 Uhr.
Zum Foto: Stefanie Probst (links vorne) mit Michael Ziegler, Malerin Zahra Zahedi und Kurator Heijo Schlein (v.l.) samt Kunstwerk vor der Roten Galerie. Foto: Günter Distler.