15/06/2026
Am 16.06. ist der Tag des afrikanischen Kindes.
Deshalb möchte ich euch etwas über das Leben der Kinder in einigen afrikanischen Ländern – hier am Beispiel Uganda - berichten.
57 % der Bevölkerung Ugandas ist jünger als 18 und 52 % ist sogar jünger als 14 Jahre.
55 % dieser Kinder leben in mehrdimensionaler Armut – diese umfasst die Dimensionen Bildung, Gesundheit und Lebensstandard.
25 % leben in extremer Armut – viele Kinder sind extrem unternährt.
30 % der Kinder Ugandas haben keinen Zugang zu sauberem Wasser – nicht selten müssen
sie zwischen 30 und 60 Minuten laufen, um an eine Wasserstelle zu gelangen.
Da überwiegend die Mädchen und / oder kleine Jungen für das Wasserholen zuständig sind, ist das eine unglaubliche Belastung. Kinder, die mehrfach am Tag solche Strecken zurücklegen müssen um Wasser zu holen, können in der Regel nicht die Schule besuchen.
33% der Kinder haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen. Die hygienischen Verhältnisse sind teilweise katastrophal. Deshalb sterben viele Kinder an vermeidbaren Krankheiten.
Kranke Mädchen werden seltener zu einer Gesundheitsstation gebracht als Jungen.
Das sind viele Zahlen und Fakten . . . man liest sie und denkt „ ja, das sind schwierige Umstände für Kinder“ . . . und vergisst es wieder.
Ist man aber im Land und sieht diese riesige Zahl Kinder – auch diese unglaubliche Zahl an Waisenkindern und Straßenkindern, dann fängt man zu ahnen, welche Probleme diese Kinder tatsächlich haben.
Geht man mit offenen Augen durch die Dörfer, dann stellt man fest, dass eigentlich eine ganze Generation fehlt. Es gibt alte Menschen und Kinder.
Oft betreuen die Großmütter mehr als 5 oder 6 Enkelkinder. Diese Großmütter sind oft schon zu schwach und vor allem zu arm, um diese Aufgabe wirklich stemmen zu können.
Manchmal können Waisenkinder oder auch Kinder, die gutes Zuhause haben, in sogenannten *foster homes* aufgenommen werden - meistens kümmert sich eine *foster Mama* um eine unbestimmte Zahl Kinder. . . . 15 - 70 Kinder sind keine Seltenheit. Für uns ist so etwas gar nicht vorstellbar. . .
Eine dieser Foster Mamas habe ich einmal gefragt, wie sie es schafft, den vielen Kindern jeden Tag etwas zu Essen zu organisieren .
Sie zuckte mit den Schultern und sagte: *ich zocke*
Das bisschen Geld, das sie zur Verfügung hat, wird solange hin und her geschoben und hier etwas gestrichen und dort etwas abgezwackt, dass es fast immer irgendwie klappt.
Manchmal - so sagt sie - koche sie auch erst abends spät . . . dann wären einige Kinder schon eingeschlafen . . . .
Wenn ich an afrikanische Kind er denke, dann habe ich *Bilder* im Kopf :
*Bilder* von Joel, der mit 7 Jahren sein erstes Paar Schuhe bekam. Ich hatte in ein Heim 2 große Taschen mit Kleiderspenden mitgebracht und die Foster Mama teilte ihm dieses Paar Sandalen zu : Er lachte, jubelte, weinte, schrie und tanzte
gleichzeitig. Ich hatte Angst, dass er vor lauter Freude einen Herzschlag bekommt und somit nichts mehr von seinen tollen Sandalen hat.
*Bilder* von der 17jährigen Hanifa, die mir erzählte, es sei der schönste Tag ihres Lebens gewesen als sie die Nachricht bekam, dass jemand aus dem Ausland ihre Schulgebühren zahlen wird. Es sei immer ihr größter Traum gewesen, dass sie zur Schule gehen darf. Sie hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass sie dieses große Glück erleben darf.
Mit unbändiger Freude begab sie sich in die Boarding School (eine Art Internat) und nur ein paar Wochen später stürzte in ihrem Schlafsaal die Decke ein. Hanifa, die in einem Doppelstockbett oben schlief, erlitt dabei relativ schwere Verletzungen – unter anderem eine Quetschung des Brustkorbes.
Trotzdem versuchte sie, kaum eine Unterrichtstunde zu verpassen. . dieses Mädchen nahm viel auf sich, um ihren Traum vom Schulbesuch und der Aussicht auf eine ordentliche Berufsausbildung und damit auf ein selbstbestimmtes Leben verwirklichen zu können. Mit einer unglaublichen Disziplin.
*Bilder* von hunderten von Schulkindern, die mich während des Besuches einer Schule umringten, weil ich die erste Weiße war, die diese Schule besuchte.
Diese Kinder waren allesamt stolz, dass sie eine Schule besuchen dürfen.
*Bilder* von Gorretti- vor vielen Jahren hatte ich über private Initiative eine Schulpatenschaft für dieses 12jährige Mädchen übernommen – das heißt, ich zahlte ihre Schulgebühren. Kurz nachdem ich diese Patenschaft übernommen hatte, wollte es der Zufall, dass ich nach Uganda reiste und auf dieser Reise auch Gorretti persönlich kennenlernen durfte. Diese Begegnung traf mich mitten ins Herz.
Gorrett, die mit Bravour ihren Realschulabschluss machte und mit großem Fleiß lernte, so dass sie ihr auch Abitur mit sehr guten Noten abschließen konnte.
Bei einem späteren Besuch in Uganda lud ich Gorrett und ihre Freundin ein, mit mir auf den Markt zu gehen. Jedes der Mädchen bekam von mir umgerechnet € 20 und sie durften davon kaufen, was sie wollten. Einzige Bedingung war, dass sie sich jeweils ein Paar feste Schulschuhe kauften, die in Uganda (eigentlich) Pflicht sind. Das erledigten die beiden Mädels umgehend. Nun dachte ich, dass sie sich nun schöne Kleidung oder Hautpflegeprodukte kaufen. Aber weit gefehlt !!!! Sie begaben sie geradewegs an einen Stand auf den Markt und jede kaufte sich einen ganzen Arm voll von dem Artikel, den es dort zu kaufen gab. Ich war wie vom Donner gerührt und fragte die beiden, was sie denn da machen. Die beiden wurden ganz nervös und fragten, ob sie das denn wohl nicht kaufen dürfen. Doch ! Natürlich hatte ich nichts dagegen – war aber sehr überrascht. Die beiden hatten sich jeweils für das komplette restliche Geld Damenbinden gekauft ! Sie erzählten mir, dass sie ansonsten während ihrer Periode keinerlei Schutz haben und somit nicht den Unterricht besuchen können. Seither weiß ich um die Wichtigkeit dieses Themas für Mädchen, berichte so oft wie möglich darüber und setze mich auch gezielt für Mädchenprojekte ein.
Mittlerweile ist Gorrett 29 Jahre alt und arbeitet als Sozialarbeiterin. Sie kümmert sich um misshandelte Frauen und Kinder. Sie ist zu einer sehr verantwortungsvollen jungen Frau heran gewachsen. Das macht mich glücklich und stolz.
*Bilder* von David, Patience und Dinah. Drei Waisenkinder , die in einem reinen Kinderhaushalt leben. David muss mit seinen 12 Jahren als Haushaltsvorstand für seine beiden kleinen Schwestern (6 und 4 Jahre alt) sorgen. Sie leben alleine in dem Haus ihrer
verstorbenen Eltern. Der einzige Schatz, den sie besitzen, ist ein sogenanntes *Memorybook*, ein Buch, das ihre aidskranke Mutter ihnen geschrieben hat. Darin erzählt sie von ihrer Familie – von Großeltern, Tanten, Onkel. Von den Wertvorstellungen und von Traditionen der Familie. Sie berichtet über ihren eigenen Werdegang über den des Vaters und über die Dinge, die sie sich für die Zukunft ihrer Kinder wünscht.
Oft werden Bilder mit in das Memorybook geklebt oder gemalt.
Wie oft sitzen die drei vor der Hütte und schauen in das Buch und David liest seinen Schwestern daraus vor. Das ist traurig, hilft aber ein wenig gegen die Einsamkeit.
Manchmal kommt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von NACWOLA vorbei – sie besitzt selber nichts, aber sie gibt den Kindern etwas, was es für Geld nicht zu kaufen gibt :
eine Schulter zum Anlehnen, Zeit für Gespräche, Trost und nicht selten auch ein Tuch zum Tränen trocknen.
Eine entfernte Tante zahlt nun die Schulgebühren für David – meistens zumindest - das ist sein ganz großes Glück.
In der Schule darf er auch mal Kind unter Kindern sein . . . vor dem Schulbesuch hat er allerdings viele Aufgaben zu erfüllen –u.a. geht er zusammen mit den beiden kleinen Mädchen etwa 3 km bis zur nächsten Wasserstelle um das Wasser für den Tag zu holen. Jedes der Kinder hat einen Wasserkanister – David trägt einen 10 Liter Kanister und die beiden Mädchen jeweils einen 5 Liter Kanister.
Die 3 Kinder haben sich einen kleinen Gemüsegarten am Haus angelegt, der überwiegend von die beiden kleinen Mädchen versorgt wird.
*Bilder* von Peter, einem ehemaligen Straßenkind in Jinja, den ich zum ersten Mal vor etlichen Jahren in der Mainstreet traf.
Er fiel mir wegen seiner unglaublich traurigen Augen auf und ich sprach ihn an. . . erst da sagte er , dass er schrecklichen Hunger hat. Diese Straßenkinder betteln meistens nicht.
Ich kaufte ihm eine größere Menge Bananen, Ciabatti und eine Cola . . . für ihn war das wahrscheinlich wie Ostern und Weihnachten zugleich. Mit großem Glück konnten wir ihn an ein foster home vermitteln.
Heute geht er zur Schule, hat ein Bett zum Schlafen und meistens zumindest eine Mahlzeit am Tag. Er ist ein fröhliches Kind, das gute Noten in der Schule hat.
Oft höre ich so Aussagen wie „man kann ja nicht die ganze Welt retten“
Natürlich kann man das nicht !
Aber jedes Kind, das durch unseren persönlichen Einsatz ein klein wenig glücklicher ist, das in sicherer Umgebung leben und lernen kann, ist ein Erfolg und für dieses EINE Kind ist es die Chance auf ein selbst bestimmtes Leben. . . . und jedes dieser Kinder kann und
wird dazu beitragen, dass sich das Leben in seinem Umfeld, seinem Dorf, seiner Region nachhaltig verbessert.
Das sind meine ganz persönlichen Gedanken zum „Tag des afrikanischen Kindes“.
Für mich ist dieses ehrenamtliche Engagement – auch und gerade für das Kinderhilfswerk Plan International - und die insbesondere für Kinder in Afrika eine Herzensangelegenheit. . . . Diese Tätigkeit erfüllt mich immer wieder mit großer Freude.
Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich fast verzweifele weil ich so viel über die Kinder lese, die in den vielen schrecklichen Kriegen leiden. Sie hungern, werden verletzt oder gar getötet. So gerne ich auch beispielsweise viel stärker das Plan Projekt „Ein Platz für Leben“ für Geflüchtete aus dem Sudan unterstützen und Nahrungsmittel für ganz viele Kinder finanzieren möchte oder Schutzräume für traumatisierte Kinder . . . aber da muss auch ich meine – finanziellen – Grenzen anerkennen.
Vielleicht hat ja der eine oder andere von euch noch einen Euro für eine Mahlzeit oder für Hygieneartikel für ein Kind.
In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine wunderbare Zeit und bedanke mich, dass ihr meine Gedanken zum Tag des afrikanischen Kindes gelesen habt.