30/03/2026
Geschichte und Geschichten
Die Pest in Niederzier (von Helmut Krebs)
Neben den seit jeher weltweit existenten Kriegsszenarien prägte kaum eine andere Katastrophe die Menschheit so sehr wie die Heimsuchung durch die als Pest bezeichneten Seuchen. Diese sind bereits in vorchristlicher Zeit belegt.
Das späte Mittelalter ist ab der Mitte des 14. Jahrhunderts durch eine verheerende Pandemie mit der Bezeichnung „Schwarzer Tod“ gekennzeichnet. Als wahrscheinlich für die Verbreitung in Europa gelten die direkten Handelsbeziehungen zwischen Europa und Asien, durch die die Pestbakterien, die vor allem in wild lebenden Nagetierpopulationen Asiens vorkommen, erneut nach Europa eingeschleppt werden konnten. Der „Schwarze Tod“ gilt als der erste erneute Ausbruch der Krankheit seit dem 8. Jahrhundert und erreichte sogar Island und Norwegen.
Die Meinung, das Massensterben hätten die Juden durch Vergiftung von Brunnen verursacht, führte zu Judenpogromen (Pestpogromen) mit gewaltigen Ausmaßen.
Die Infektionskrankheit ist hochgradig ansteckend und suchte auch das Rheinland seit dem Jahr 1349 wiederholt heim. Insbesondere im 17. Jahrhundert war die Seuche im Rheinischen noch sehr präsent.
Jeder Ausbruch der Seuche forderte viele Opfer und hatte politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und psychologische Auswirkungen.
In Niederzier brach die Pest in den Jahren 1666/1667 aus und erreichte ihren Höhepunkt in den Monaten Oktober 1666 mit 22 und November 1666 mit 24 Sterbefällen. Allein am 6. November starben acht Menschen. Erst im Februar 1667 erlosch die Seuche, nachdem 78 Sterbefälle durch die Pest beurkundet wurden. Es ist davon auszugehen, dass damit etwa ein Viertel der Einwohner des Ortes zu Tode kam.
Auch in England kam es in diesem Zeitraum zu schweren Epidemien mit etwa 100.000 Toten.
Mit den damaligen primitiven medizinischen Möglichkeiten war man der Seuche fast schutzlos ausgeliefert. Die von den Ärzten eingesetzten Behandlungsmethoden waren mehr oder weniger unwirksame Alibimaßnahmen. Häufig wurde der sofortige Aderlass bei Auftreten von Pestbeulen (Bubonen) empfohlen (je nach Auftreten der Pestbeulen an acht verschiedenen Stellen). Die Pestgeschwüre ließ man durch Salben „reifen“ und schnitt sie dann auf, um Eiter und Blut abfließen zu lassen. Als Hilfsmittel gegen die übelriechenden Ausdünstungen der betroffenen Menschen verbrannte man aromatische Substanzen oder Kräuter wie Wacholder und Baldrian.
Auf der Straße wurden Feuer entzündet, die die Luft reinigen sollten. Mancherorts sorgten Ärzte und Überlebende dafür, dass alle Kleidung der Toten verbrannt und das Haus einer verstorbenen Familie abgerissen wurden. Bald kam auch die Isolierung von potenziell Infizierten zum Einsatz, meist um die 40 Tage, wodurch sich der noch heute gebräuchliche Begriff Quarantäne (frz. „quarantaine de jours“ = „vierzig Tage“) ableitet.
In der religiös geprägten Gesellschaft der damaligen Zeit fasste man die Pest häufig als Strafe Gottes auf. Das führte vielerorts dazu, dass man sich in sein Schicksal ergab und gar nicht erst versuchte, der heranrückenden Seuche zu entkommen. Stattdessen wurden Bußpraktiken empfohlen, um Gott wieder zu versöhnen. In Geißlerzügen zogen die Geißler, fast ausschließlich Männer, als organisierte Gruppen mit Fahnenträgern, Kerzen und Kreuzen durch Städte, sangen Lieder und verübten ritualisierte Selbstgeißelungen. Ohne es zu wissen, förderten die Geißlerzüge die Ausbreitung der Pest, da sich die Teilnehmer auf engem Raum bewegten und die Krankheit von Ort zu Ort trugen.
Außerdem wandte man sich an die Pestheiligen St. Rochus und St. Sebastian.
Dass auch heute epidemisch auftretende Seuchen die Menschheit heimsuchen können, hat uns die Coronapandemie gezeigt. Mit Hilfe der modernen Medizin konnte sie erfolgreich bekämpft und eingedämmt werden. Wenige Jahrhunderte zuvor hätte die Seuche infolge nicht vorhandener Therapiemöglichkeiten weltweit Opferzahlen in kaum vorstellbarer Dimension zufolge gehabt.
Quellen:
Archiv des Geschichtsvereins in der Gemeinde Niederzier
Helmut Krebs: Zeittafel zur Geschichte Niederziers 871-2000, Niederzier 2012
Wikipedia, passim