27/04/2026
Ölkrise verdeutlicht dringenden Bedarf an besserem öffentlichen Nahverkehr
Der Konflikt im Nahen Osten löst den größten Energieschock der Geschichte aus. Selbst wenn die Straße von Hormus bald wieder geöffnet wird, ist davon auszugehen, dass die Ölversorgung noch lange Zeit beeinträchtigt sein wird. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat daher einen Bericht veröffentlicht, in dem sie 10 Maßnahmen aufzeigt, die Regierungen, Unternehmen und Haushalte schnell umsetzen können, um die Auswirkungen der Krise abzumildern. Die IEA schätzt, dass Kraftstoffe für den Straßenverkehr in vielen Ländern Europas zwei Drittel des Ölverbrauchs ausmachen, wobei 60 % dieses Energieverbrauchs auf private Pkw entfallen.
Die IEA stellt fest, dass in einigen Ländern Kurzstreckenfahrten von weniger als 30 km innerhalb von Städten bis zu 50 % des Ölverbrauchs durch Privatfahrzeuge ausmachen können. In der dritten Empfehlung des Berichts fordert die IEA die Regierungen daher auf, Anreize für die Bürger zu schaffen, vom Privatwagen auf öffentliche Verkehrsmittel sowie auf aktive Fortbewegungsarten wie Radfahren und Zufußgehen umzusteigen.
Diese Krise unterstreicht die absolute Notwendigkeit, den Ölverbrauch generell und insbesondere im Bereich der privaten Mobilität zu senken. Europa hat das Glück, über einige der umfangreichsten, effizientesten und am stärksten elektrifizierten öffentlichen Verkehrssysteme der Welt zu verfügen. Jüngste Eurostat-Daten zeigen jedoch, dass 50,6 % der EU-Bürger im Jahr 2024 noch nie öffentliche Verkehrsmittel genutzt haben und stattdessen auf Privatfahrzeuge angewiesen waren. Diese Bürger, die vor allem in ländlichen, abgelegenen und vorstädtischen Gebieten leben, in denen der öffentliche Nahverkehr fehlt oder unzureichend ist, sehen sich nun mit rapide steigenden Benzin- und Dieselpreisen konfrontiert. Mobilität ermöglicht den Menschen den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen, Arbeit, Gesundheitsversorgung, Bildung und sozialem Leben. Wenn Kraftstoff daher zu teuer wird und keine Alternativen zur Verfügung stehen, können die Folgen katastrophal sein.
Als Organisationen, darunter Akteure aus dem Mobilitätsbereich, zivilgesellschaftliche Akteure aus den Bereichen Soziales, Klima und Umwelt, Arbeitnehmervertreter und Städte, fordern wir die politischen Entscheidungsträger auf europäischer und nationaler Ebene auf, die IEA-Empfehlung 3 dringend umzusetzen, um den öffentlichen Nahverkehr und die aktive Mobilität zu fördern.
Der öffentliche Nahverkehr muss bezahlbar sein, ohne dass dabei seine finanzielle Tragfähigkeit gefährdet wird. Der öffentliche Nahverkehr ist eine unverzichtbare öffentliche Dienstleistung, und niemandem sollte die Nutzung aufgrund seiner wirtschaftlichen Lage verwehrt bleiben. Die Einnahmen aus den Fahrpreisen stellen jedoch eine wichtige Finanzierungsquelle für die öffentlichen Nahverkehrssysteme dar und dürfen nicht gefährdet werden. Maßnahmen zur Gewährleistung der Bezahlbarkeit sollten gezielt auf Personen ausgerichtet sein, die besonders von Verkehrsarmut bedroht sind, und dabei das Grundrecht auf Mobilität mit der Notwendigkeit einer zuverlässigen, langfristigen Finanzierung in Einklang bringen.
Der öffentliche Verkehr muss verfügbar und zuverlässig sein, was bedeutet, dass die Angebote tatsächlich vorhanden sein und mit ausreichender Frequenz verkehren müssen, um für das tägliche Leben der Bürger nützlich zu sein, und zwar nicht nur zu den Stoßzeiten. Ebenso muss eine sichere Infrastruktur für aktive Mobilität, wie barrierefreie Fußwege und ein durchgängiges Radwegenetz, die Grundlage städtischer Mobilitätssysteme bilden. Sie ermöglicht einen sicheren, direkten und inklusiven Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und Möglichkeiten und unterstützt gleichzeitig das effektive Funktionieren und die Zugänglichkeit des öffentlichen Verkehrs durch zuverlässige Verbindungen für die erste und letzte Meile.
Der öffentliche Nahverkehr muss für alle zugänglich sein, auch was Fahrzeuge, Haltestellen sowie die Infrastruktur für die erste und letzte Meile betrifft. Menschen mit Behinderungen und eingeschränkter Mobilität dürfen nicht vom öffentlichen Nahverkehr ausgeschlossen werden. Organisatorische Aspekte wie die Abstände zwischen den Haltestellen müssen den Bedürfnissen aller Nutzer Rechnung tragen, damit diese ihre Ziele innerhalb einer angemessenen Zeit erreichen können.
Der öffentliche Nahverkehr muss attraktiv sein und Mindeststandards in Bezug auf Zuverlässigkeit, Sicherheit, Qualität der Infrastruktur und der Fahrzeuge, Komfort, Schnelligkeit und Bequemlichkeit erfüllen. Ebenso muss die Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer den Nutzern ein angenehmes und sicheres Erlebnis bieten.
Allerdings sehen sich Verkehrsbehörden und -betreiber in ganz Europa mit Budgetkürzungen und steigenden Kosten konfrontiert. Der dringend notwendige Ausbau der Netze wird aufgeschoben, und wichtige Instandhaltungsmaßnahmen werden vernachlässigt. Eklatanter und anhaltender Personalmangel führt bereits zu regelmäßigen Fahrplanausfällen und Lücken im Fahrplan. In einigen ländlichen, abgelegenen und vorstädtischen Gebieten gibt es schlichtweg keinen öffentlichen Nahverkehr. All diese Probleme lassen vielen Bürgern keine andere Alternative als das eigene Auto, sodass sie gezwungen sind, die rapide steigenden Kraftstoffpreise zu zahlen oder ganz auf Mobilität zu verzichten.
Diese Krise muss für die europäischen Entscheidungsträger ein Weckruf sein, dem öffentlichen Nahverkehr Vorrang einzuräumen, um Mobilität für alle zu gewährleisten, die Energieunabhängigkeit Europas voranzutreiben und den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Zukunft zu vollziehen. Der öffentliche Nahverkehr muss als strategische öffentliche Dienstleistung behandelt werden, mit angemessener Finanzierung, solider Planung und hochwertigen Arbeitsplätzen.
Wir fordern die europäischen Entscheidungsträger auf allen Ebenen auf, dringend gemäß der IEA-Empfehlung 3 zu handeln und den öffentlichen Nahverkehr sowie die aktive Mobilität auf der Grundlage der folgenden Grundsätze zu fördern:
1) Sicherstellung einer stabilen, langfristigen Finanzierung auf EU-, nationaler, regionaler und lokaler Ebene für den öffentlichen Verkehr und die aktive Mobilität. Eine angemessene und vorhersehbare langfristige Finanzierung muss den täglichen Betrieb, die erforderliche Instandhaltung sowie Investitionen in emissionsfreie Fahrzeuge und Infrastruktur abdecken, einschließlich barrierefreier Infrastruktur für die letzte Meile.
2) Zuverlässige, integrierte Verkehrsdienste in allen Städten und Regionen, die für alle Einwohner zugänglich und attraktiv sind. Die Verbesserung der Abdeckung durch den öffentlichen Nahverkehr außerhalb der städtischen Zentren ist von entscheidender Bedeutung. Es darf keine Hindernisse für saubere und zuverlässige Mobilität geben, unabhängig von Wohnort, Geschlecht, Alter, körperlicher Leistungsfähigkeit oder sozioökonomischer Situation. Fahrzeuge, Haltestellen, Infrastruktur und Wege zum und vom öffentlichen Nahverkehr müssen für alle zugänglich sein. Sicherheit ist besonders wichtig, sowohl für Fahrgäste als auch für Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr.
3) Ausreichendes Personal und faire Arbeitsbedingungen für Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr und im Mobilitätssektor, um stabile, attraktive und zuverlässige öffentliche Verkehrssysteme zu gewährleisten. Attraktive Arbeitsbedingungen sind unverzichtbar, um genügend Personal für den Betrieb hochwertiger Dienstleistungen zu sichern und das Angebot im öffentlichen Nahverkehr ausbauen zu können. Es bedarf eines sozialen Dialogs und von Investitionen in die Belegschaft des öffentlichen Nahverkehrs, um Probleme wie Überlastung, Aggressionen und Burnout anzugehen, die die Attraktivität des Sektors untergraben – insbesondere für junge Menschen und Frauen.
4) Anhaltende Unterstützung für den ökologischen und digitalen Wandel im öffentlichen Verkehr, um qualitativ hochwertigere und umweltfreundlichere Mobilitätsdienste für alle zu gewährleisten. Alle Interessengruppen sollten sinnvoll in die Gestaltung, Umsetzung und Überwachung der Mobilitätspolitik einbezogen werden, um sicherzustellen, dass der Wandel für alle funktioniert.
5) Konsequente Unterstützung zur Förderung aktiver Mobilität, einschließlich Gehen und Radfahren, um den öffentlichen Verkehr durch Investitionen in sicherere Infrastruktur zu ergänzen und zu verbessern.
Unterzeichner:
Clean Cities
Climate Action Network Europe
Eurocities
Europäischer Radfahrerverband
Europäisches Behindertenforum
Europäisches Umweltbüro
Europäische Verkehrsverbünde
Europäisches Netzwerk für selbstbestimmtes Leben
Europäischer Passagierverband
Europäischer Rat für Verkehrssicherheit
Europäische Transportarbeiter-Föderation
Europäisches Jugendforum
Friends of the Earth Europe
Internationaler Fußgängerverband
Internationaler Verband für öffentlichen Verkehr
Polis
SOLIDAR