11/08/2026
„Ich trage meinen Sohn noch heute“ – wenn aus persönlicher Verantwortung gesellschaftliches Engagement wird
Schon der Titel des Buches von Sylvia Eimers berührt: „Ich trage meinen Sohn noch heute.“ Es erzählt von Werner Speer und seinem Sohn Alexander – und von einem Leben, in dem Behinderung, Familie, Förderung und die Suche nach guten Entwicklungsmöglichkeiten seit vielen Jahren eng miteinander verbunden sind.
Sylvia Eimers nähert sich dieser Geschichte über persönliche Fragen an Werner Speer. So entsteht das Porträt eines Vaters, der seinen Sohn nicht nur im wörtlichen Sinne trägt. Er trägt Verantwortung, Sorge und Hoffnung – und seit Jahrzehnten die Überzeugung, dass Menschen mit Behinderung gute Förderung, Entwicklungsmöglichkeiten und gesellschaftliche Teilhabe brauchen.
Für uns im Bundesverband Konduktive Förderung nach Petö ist diese Geschichte in besonderer Weise vertraut.
Die Geschichte der Konduktiven Förderung in Deutschland ist auch eine Geschichte engagierter Eltern. Viele Angebote und Strukturen entstanden nicht, weil entsprechende Hilfen selbstverständlich vorhanden waren, sondern weil Eltern gesucht, organisiert, gegründet und oftmals über viele Jahre für ihre Kinder gekämpft haben.
Auch Werner Speer gehört zu diesen Eltern. Gemeinsam mit anderen Betroffenen gründete er eine Selbsthilfeinitiative für die Konduktive Förderung. Später entstand in Velmeden ein eigenes Zentrum, für das er mit großem persönlichem Einsatz Verantwortung übernommen hat. Aus dem Wunsch, für den eigenen Sohn gute Förderung zu ermöglichen, wurde etwas, das weit über die eigene Familie hinausreicht.
Gerade darin liegt für mich die besondere Bedeutung dieses Buches.
Es erzählt nicht nur von der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, sondern auch davon, was Eltern leisten, wenn passende Strukturen fehlen: von Beharrlichkeit, der Suche nach Lösungen, von Rückschlägen und vom Weitermachen.
Menschen wie Werner Speer haben dazu beigetragen, dass die Konduktive Förderung in Deutschland ihren Platz finden konnte.
Der Ansatz von András Petö verbindet Förderung, Lernen und Alltag. Im Mittelpunkt steht nicht allein die Behinderung eines Menschen, sondern seine gesamte Persönlichkeit und seine Fähigkeit, aktiv zu werden, zu lernen und zunehmend selbstbestimmt am Leben teilzunehmen. Diese Haltung beinhaltet etwas Entscheidendes: einem Menschen Entwicklung zuzutrauen.
Das gilt auch dann, wenn Unterstützung lebenslang notwendig bleibt.
Vielleicht liegt gerade darin eine der stärksten Botschaften des Titels. Ein erwachsener Mensch kann auf Unterstützung angewiesen sein und dennoch ein Recht auf Selbstbestimmung, Entwicklung und Teilhabe haben. Selbstständigkeit bedeutet nicht, alles allein tun zu können. Sie bedeutet, möglichst viel Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu können – mit der Unterstützung, die dafür notwendig ist.
Gleichzeitig führt das Buch zu einer Frage, die uns als Verband bis heute beschäftigt: Wie viel müssen Familien eigentlich selbst tragen?
Es darf nicht vom Durchhaltevermögen einzelner Mütter und Väter abhängen, ob ein Mensch mit Behinderung eine geeignete Förderung erhält. Es darf nicht außergewöhnliche Eltern brauchen, damit gute Angebote entstehen.
Deshalb ist die Geschichte Werner Speers zugleich berührend und politisch. Wir können großen Respekt vor einem Vater haben, der über Jahrzehnte für seinen Sohn und für andere Menschen mit Behinderung Möglichkeiten geschaffen hat. Gleichzeitig sollte eine inklusive Gesellschaft dafür sorgen, dass Familien auf diesem Weg nicht allein bleiben.
Das Buch von Sylvia Eimers macht einen solchen Lebensweg sichtbar. Es gibt dem Engagement eines Vaters eine Stimme und erinnert daran, wie eng persönliche Lebensgeschichten und die Entwicklung der Konduktiven Förderung miteinander verbunden sind.
Werner Speer trägt seinen Sohn noch heute.
Vielleicht sollten wir diese Aussage deshalb nicht nur als Ausdruck großer Vaterliebe verstehen, sondern auch als Auftrag an uns alle:
Familien dürfen Verantwortung tragen – aber die Gesellschaft muss bereit sein, mitzutragen.
So ist es deutlich kompakter, ohne die stärksten Gedanken zu verlieren. Besonders gelungen finde ich weiterhin die Verbindung von „tragen“ als Vaterliebe und „mittragen“ als gesellschaftliche Verantwortung. ( Buchrezension von Beate Höß-Zenker, 2. Vorständin bkf)
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