24/04/2026
Heute jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag von Kurt Hamer.
Der in Neumünster geborene und später viele Jahrzehnte in Nortorf tätige Hamer war ein bedeutender, außergewöhnlicher Politiker und demokratischer Ideengeber.
Hamers Verdienste um die politische Kultur unseres Landes, um die Anerkennung der Rechte von Minderheiten, um verdrängte und vergessene Aspekte der Landesgeschichte, um Kunst und Kultur und auch um seine Partei, die Landes-SPD, sind so vielgestaltig wie selten.
„...ich bin sicher, dass eine erste politische Bewertung meines Vorschlags (...) nur Vorteile bringen wird.“ - Mit dieser selbstbewussten und für ihn so charakteristischen Formulierung Kurt Hamers endet 1990 seine Denkschrift zur Errichtung eines ‚Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen‘, des heutigen „ECMI“ in Flensburg. Es handelt sich um den allerletzten Text aus der Feder Hamers, der zu diesem Zeitpunkt, kurz vor seinem Tod als erster ausdrücklicher Grenzlandbeauftragter der schleswig-holsteinischen Landesregierung wirkt.
Kurt Hamer verfügte dabei immer über eigene, sich entwickelnde Konzepte. Er vertrat nicht nur Interessen und Ideen, er gestaltete Politik. Sein Wirken als 1. Vizepräsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages von 1975 bis 1987 schuf ihm Anerkennung über alle Parteigrenzen hinweg. Humanistisches Denken und Fühlen sowie das ausdrückliche Bekenntnis zu den Traditionen deutscher demokratischer Geschichte mündeten bei Hamer in die für ihn so charakteristische Toleranz im Umgang mit Andersdenkenden. Seine Urteile waren abwägend, manchmal bewusst pointierend, immer gewichtig und vermittelnd. Zugleich aber konnte und wollte er die berufliche Herkunft als Realschullehrer nicht verleugnen, so dass auch sehr höflich verpackte Kritik durchaus treffen konnte, aber nicht verletzen sollte.
Die Arbeit der Verständigung zwischen Deutschen und Dänen im nördlichen Grenzraum und die ausdrückliche Anerkennung der besonderen Rechte von Minderheiten prägten Hamers politische Laufbahn. Schließlich trat folgerichtig sein Einsatz für die friesische Minderheit hinzu. Hamers Konzept für eine „geschützte Privilegierung“ von Minderheiten steht für die intellektuelle Kompetenz dieses Politikers. 1984 ehrte Königin Margrethe II. von Dänemark sein Wirken für die Verständigung mit dem Ritterkreuz 1. Klasse des Danebrog-Ordens. Kurz darauf erhielt er vom Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. -Typisch war die Reaktion des doppelt Geehrten: Er witzelte über Orden, doch gleichzeitig spürte jeder, wie sehr er sich freute, ja, wie stolz er auf diese Ehrungen war.
Die Geschichte der schleswig-holsteinischen Arbeiterbewegung, die Geschichte der Demokratisierung des Landes, aber auch die regionale Unrechtsgeschichte des Nationalsozialismus waren Themen, für deren Erforschung und Vermittlung Hamer in den letzten Jahren seines Lebens erfolgreich warb. Ihm, der als Jugendlicher kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs noch in die NSDAP eintrat, war die Aufarbeitung seiner und der deutschen Geschichte eine Herzensangelegenheit. So war er Erfinder und Mentor des 1984 gegründeten „Beirats für Geschichte“ und Mitinitiator des nach seinem Tod eröffneten Instituts für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte an der Universität Flensburg. Für viele Aktive in der neuen Geschichtsbewegung des Landes war er nicht nur Kollege sondern auch Freund.
Die Gesellschaft für Politik und Bildung Schleswig-Holstein e.V., die Gustav-Heinemann-Bildungsstätte und der Beirat für Geschichte erinnern in großer Dankbarkeit und mit hohem Respekt an Kurt Hamer.
Uwe Danker
Jürgen Weber