12/11/2025
Sehr geehrte Damen und Herren,
die unhaltbaren Zustände beim RE10 „Niers Express“ in Bezug auf Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit stehen seit Jahren in der Kritik der betroffenen Fahrgäste, der Politik (insbesondere im Kreis Kleve), der Presse sowie der einschlägigen Interessenverbände wie ProBahn und Verkehrsclub Deutschland (VCD).
Allerdings hat das Wechselspiel aus Kritik, versuchten Abhilfemaßnahmen und Beschwichtigungen bisher nicht zu einer Verbesserung der Situation geführt, im Gegenteil: Die Zuverlässigkeit des RE10 erscheint aktuell so schlecht wie nie.
Der VCD Kreisverband Heinsberg - Mönchengladbach – Viersen hat die aus seiner Sicht wesentlichen Verspätungsursachen beim RE10 ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammengestellt und wendet sich an die verantwortlichen Unternehmen und Institutionen mit der Bitte zu den in ihrem Verantwortungsbereich liegenden Punkten Stellung zu beziehen, künftige Maßnahmen transparent zu beschreiben und dadurch auch verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.
1. Infrastruktur – Bestand
Die vom RE10 befahrenen Strecken weisen eine hohe bis sehr hohe Auslastung auf und enthalten dabei eine große Zahl an „Zwangspunkten“ (z.B. eingleisige Abschnitte oder niveaugleiche Kreuzung anderer, stark ausgelasteter Streckengleise), an denen sich die Verspätungen einzelner Züge übermäßig auf andere Züge auswirken können:
In den vergangenen Jahren wurden Maßnahmen zur Kapazitätsverbesserung der Infrastruktur durchgeführt: Es wurden die Begegnungsabschnitte auf dem eingleisigen Streckenteil Geldern – Kleve verlängert und zahlreiche Blocksignale neu (oder wieder) eingebaut und damit die Durchlässigkeit der freien Streckenabschnitte erhöht. Gleichwohl bleibt die Strecke hoch ausgelastet und verspätungsanfällig.
Der VCD fragt daher:
Sind weitere Maßnahmen baulicher oder betrieblicher Art geplant, um die vorgenannten Zwangspunkte zu entschärfen?
2. Infrastruktur – Zustand
Die Mängel der 2021/2022 durchgeführten Sanierung der Strecke Krefeld – Geldern – Kleve (u.a. unzureichende Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes vor Beginn der Maßnahmen und unzureichende Prüfung der Funktionsfähigkeit der Anlage vor Wiederaufnahme des Fahrgastbetriebs) müssen an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden;
Was gegenwärtig überrascht ist die nach wie vor hohe Störanfälligkeit der Leit- und Sicherungstechnik auf der relativ frisch sanierten Strecke, darunter insbesondere
Stellwerksstörungen, Weichenstörungen,Bahnübergangsstörungen und
Ausfall des Zugfunks.
Es ist anzunehmen, dass ausreichende statistische Daten zur Zuverlässigkeit der verbauten Komponenten vorliegen.
Der VCD fordert daher:
Information der Öffentlichkeit über die Zuverlässigkeits-Kennzahlen der aktuell verbauten Technik im Vergleich zur vorherigen Technik, Darstellung von Störungsursachen, ggf. notwendiger Schlussfolgerungen und Maßnahmen.
3. Fahrzeuge – Eignung und Zustand
Die gegenwärtig auf der Linie RE10 eingesetzten Fahrzeug vom Typ Alstom Coradia LINT 41 gehen auf eine Entwicklung zurück, die Mitte der 1990er Jahre gestartet worden war, um den Verkehr auf schwach nachgefragten und daher stark defizitären Nebenstrecken wirtschaftlicher zu gestalten, weil auch für solche Strecken nach der Bahnreform plötzlich eine Zukunftschance gesehen wurde.
D.h. diese Fahrzeuge waren nicht für den schweren Vorortverkehr auf einer stark nachgefragten Hauptstrecke konzipiert, und sie sind vermutlich auch nicht für die hohen Laufleistungen ausgelegt, die auf der weitgehend eben und schnurgerade trassierten linksniederrheinischen Strecke gefahren werden.
Daher ist es eigentlich kaum verwunderlich, dass die Fahrzeuge nach gerade einmal 16 Jahren Betrieb einen komplett verschlissenen Eindruck machen und entsprechend störanfällig sind. Eine Zugleistung ohne Tür- und Toilettenstörung ist eher die Ausnahme als die Regel, und das gilt auch für Fahrzeuge, die erst vor wenigen Wochen aus der Hauptuntersuchung gekommen sind. Andere Störungen, die die Einsatzfähigkeit der Fahrzeuge betreffen, bekommt der Fahrgast in Form von Zugausfällen zu spüren.
Dass ein solcher Flottenzustand den Fahrzeugbetreiber vor enorme Herausforderungen stellt, ist nicht überraschend. Ärgerlich war und ist in diesem Zusammenhang allerdings die Kommunikation des seit Jahresbeginn in wechselnder Intensität vorhandenen Fahrzeugmangels und der damit verbundenen Zugausfälle.
Zu Beginn dieses Jahres wurde die Ausdünnung der Fahrpläne auf einen Stundentakt zunächst immer nur tageweise verlängert. Am Ende dauerte es Monate, bis der vorgesehene Fahrplan wieder annähernd gefahren werden konnte (und das auch nur mit verkürzten Zügen und unter anhaltendem Verzicht auf die Verstärkerzüge im Berufsverkehr). Auch jetzt fallen Züge wegen Fahrzeugmangels immer wieder sehr kurzfristig aus.
Bis zum Ersatz der vorhandenen Fahrzeuge dauert es nach heutigem Stand noch mindestens 3 Jahre – so lange muss die Flotte also noch durchhalten. Der VCD fordert daher:
Die Instandhaltungsplanung muss unter Hinzuziehung externer Fachleute überprüft werden mit dem Ziel, eine größere Stabilität in der Fahrzeugverfügbarkeit zu erreichen. Maßnahmen sind transparent darzustellen.
Die Beschaffung von Gebrauchtfahrzeugen zur Aufstockung der Fahrzeugflotte muss erneut geprüft werden. Der Öffentlichkeit gegenüber ist darzustellen, welche Angebote mit welchem Ergebnis geprüft wurden.
4. Stellwerke – Verantwortungsbereiche der Fahrdienstleiter
Als regelmäßiger Fahrgast erlebt man mitunter betriebliche Situationen, die schwer nachvollziehbar erscheinen (insbesondere an größeren Knotenpunkten wie Krefeld Hbf):
Ein Zug bekommt keine Ausfahrt, obwohl seit über 10 Minuten kein anderer Zug in die gleiche Richtung ausgefahren ist, der nächste Streckenabschnitt also schon lange geräumt sein müsste.
In einer Konfliktsituation wie in Abschnitt 1 geschildert enthält ein später eintreffender Zug Vorrang vor einem bereits seit vielen Minuten am Einfahrsignal wartenden Zug.
Natürlich kann es Gründe für eine Situation geben, die dem Fahrgast verborgen bleiben. In vielen Fällen drängt sich aber der Eindruck auf, dass infolge der Zentralisierung der Stellwerke und der damit verbundenen Vergrößerung der Stellbereiche die Fahrdienstleiter so viele Zugbewegungen gleichzeitig zu überwachen und zu steuern haben, dass ein Zug eben schon mal ein paar Minuten warten muss, bis der Fahrdienstleiter Zeit hat, sich angemessen um ihn zu kümmern, bzw. dass bei Konfliktsituationen in der Kürze der Zeit nicht immer die für den Gesamtablauf günstigste Lösung gefunden wird.
Der VCD fragt daher:
Wie groß ist der Bereich, den ein einzelner Fahrdienstleiter im Stellwerk Krefeld Hbf zu steuern hat?
Stellt die Software den Fahrdienstleitern Hilfen zur Verfügung, um bei Trassenkonflikten die für den Gesamtablauf günstigste Entscheidung zu treffen?
5. Personalmangel
Der aktuell verbreitete Personalmangel verschärft bekanntermaßen die Probleme beim Zugbetrieb, in der Instandhaltung von Fahrzeugen und Infrastruktur und in den Stellwerken. Es wird davon ausgegangen, dass alle beteiligten Unternehmen intensiv bemüht sind, ihr Personal so aufzustocken, dass Leistungen zuverlässig erbracht werden können.
Der VCD fragt daher:
Welche Maßnahmen wurden jeweils ergriffen, und mit welchem Erfolg? Wie sehen die mittelfristigen Prognosen der beteiligten Unternehmen zur Personalausstattung aus?
Zusammenfassung
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD), Kreisverband Heinsberg - Mönchengladbach – Viersen, hält es für unerlässlich, dass unternehmensübergreifend alle Verspätungsursachen systematisch analysiert und Verbesserungsmaßnahmen definiert werden, um endlich auf dieser in der Region so wichtigen Verkehrsachse eine einigermaßen zufriedenstellende Betriebsqualität zu erreichen.
VCD Kreisverband Mg- Viersen
Michael Seibert, Martin Asbeck, Klaus Hegmanns