11/11/2025
Ein Stein für die Erinnerung – Das Gefallenendenkmal des Arbeiterturnvereins Sommerfeld
Zwischen den alten Linden an der Waldstraße in Sommerfeld stand einst ein schlichter, roh behauener Granitstein. Kein prunkvolles Denkmal, kein Pathos – nur ein stiller Stein, oben spitz zulaufend, grob geschlagen, auf dem schlicht zu lesen ist: „Unseren Toten – 1914–1918“. Er wurde von jenen gestiftet, die den Krieg überlebten: den Mitgliedern des Arbeiterturnvereins Sommerfeld, gegründet im Jahr 1893. Sie wollten ihre gefallenen Kameraden ehren – Männer aus der Nachbarschaft, Sportfreunde, Väter und Söhne, die nie zurückkehrten.
Der Stein trägt das Signet „DT“, das für die Deutsche Turnerschaft steht – den Dachverband, den Theodor Georgi und Ferdinand Goetz 1868 begründeten. Diese Bewegung verstand das Turnen nicht nur als körperliche Ertüchtigung, sondern auch als Ausdruck von Gemeinschaft, Solidarität und gesellschaftlicher Verantwortung. Der Arbeiterturnverein Sommerfeld war Teil dieser Bewegung und stand für Zusammenhalt in schwierigen Zeiten – und genau davon erzählt dieser Stein.
Ein Wanderer durch die Zeit - Der ursprüngliche Standort des Denkmals auf dem Turnplatz an der Waldstraße war Ausdruck der engen Verbindung zwischen Sport, Arbeit und Gemeinsinn. Doch die Geschichte ging weiter – und mit ihr wanderte der Stein.
1931/32 wurde er auf den Sportplatz am heutigen Jahnweg versetzt, dort, wo bis heute Sport getrieben und Gemeinschaft gepflegt wird. Jahrzehnte später, 1996, musste er erneut weichen: Eine neue Tankstelle und Eigenheime machten den Platz knapp. Das Denkmal verschwand hinter den Toren des Vereinsgeländes des SV Lokomotive Engelsdorf e. V. – kaum sichtbar, abgestellt, dem Verfall überlassen.
Dass es nicht ganz vergessen wurde, ist engagierten Menschen zu verdanken. Dr. Werner Rothe, Kurt Ackermann und Volker Zocher, damals Bürgermeister und später Ortsvorsteher von Engelsdorf, sorgten gemeinsam dafür, dass der Stein wenigstens eine würdige Aufstellung auf dem Vereinsgelände fand. Ohne ihren Einsatz wäre vielleicht auch dieser kleine, steinerne Zeuge der Ortsgeschichte irgendwann verschwunden.
Erinnerung braucht Sichtbarkeit. Heute, fast ein Jahrhundert nach der Errichtung, hat der Stein wieder Fürsprecher gefunden. Marius Beyer, Stadtrat und engagierter Bürger, hat einen Spendenaufruf gestartet, um den Granitstein zu restaurieren und an einen öffentlichen Ort in Sommerfeld zurückzubringen.
Denn Erinnerung gehört nicht hinter verschlossene Tore. Sie braucht Platz im öffentlichen Raum, sichtbar und zugänglich für alle, die verstehen wollen, woher sie kommen.
Das Denkmal erinnert nicht nur an die Opfer des Ersten Weltkrieges. Es erzählt von der Geschichte einer Gemeinschaft, die in einer Zeit großer sozialer Unterschiede und politischer Umbrüche zusammenhielt. Es erinnert an den Arbeitersport, der weit mehr war als körperliche Betätigung – er war Ausdruck von Selbstbestimmung und Solidarität. Und es erinnert daran, wie brüchig Frieden sein kann.
Solche Denkmäler sind keine stummen Steine. Sie sind kollektives Gedächtnis, mahnende Stimme und Bindeglied zwischen den Generationen. In einer Zeit, in der Krieg und Gewalt wieder in Europa sichtbar sind, mahnen sie, dass die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht einfach Geschichten aus Büchern sind – sondern warnende Erfahrungen aus unserer eigenen Nachbarschaft.
Jedes Denkmal erzählt, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern Verantwortung – eine Verantwortung, die auch heute von Menschen getragen wird, die sich für das Erinnern einsetzen. Menschen wie Marius Beyer, Volker Zocher, Dr. Werner Rothe und Kurt Ackermann.
Sie stehen in einer langen Reihe jener, die aus Sportgemeinschaft, Nachbarschaft und Menschlichkeit heraus handeln. Wie einst die Turner des Arbeitervereins Sommerfeld, die ihren gefallenen Freunden ein Denkmal setzten, um zu sagen: Wir vergessen euch nicht.
Ein Ort für die Zukunft: Wenn der Stein bald wieder in Sommerfeld steht, an einem frei zugänglichen Platz, wird er nicht nur Geschichte bewahren, sondern Zukunft gestalten. Kinder, die auf dem Weg zur Schule vorbeigehen, Spaziergänger, die verweilen – sie alle werden vielleicht fragen: Wer waren diese Menschen?
Warum steht dieser Stein hier?
Und in dieser Frage liegt die wichtigste Antwort: Weil Erinnerung lebendig bleiben muss.