12/03/2026
Der Gipsbrennofen
Textausschnitt aus dem Magazin Quadrat, Verfasserin Irene Lange:
Der eigentliche Ofen wurde 1877 entfernt und der Boden des Gebäudes etwa zwei Meter aufgeschüttet. Anschließend stand es lange leer, bis es vom Arbeitskreis Lüneburger Altstadt (ALA) 1990 restauriert wurde. Seither stellt es ein einzigartiges Industriedenkmal dieser Bauweise in Deutschland dar. Im Rahmen kleiner Ausstellungen und Projekte wird es heute vom BUND genutzt. Der Kalkberg jedoch ist eines der ältesten, wertvollsten botanischen Schutzgebiete im norddeutschen Flachland geworden, Lebensraum für seltene Tiere aller Art — und für Spaziergänger bietet er nach wie vor mit seiner heutigen Höhe von über 50 Meter einen herrlichen Blick über die Stadt.(ilg)
Text aus Aufrisse, Ausgabe von 1990 - Archiv des Oberbergamtes Clausthal-Zellerfeld, Bestand Landdrostei Lüneburg, Bericht der Kalkbruchinspektion und der Landbau-Inspektion Lüneburg II an die Landdrostei vom 5.3.1859:
Der alte Brennofen und seine Konstruktion - Eher beiläufig erfahren wir in einer Aktennotiz von 18593 , dass unser Gipsofen im Jahre 1819 für 2645 Reichstaler, 14 Gutegroschen und 11 Pfennige errichtet wurde in einem Terrain, das 10-30 Fuß (2,92 m - 8,76 m) hoch mit Abraum aufgefüllt war. Ausführlichere Quellen zur Erbauung waren bislang nicht auffindbar, doch hat sich im Archiv des Oberbergamtes Clausthal-Zellerfeld eine detaillierte Gebäudebeschreibung vom September 1827 erhalten.
Demnach war damals in den starken, mehr als 10 x 10 m messenden Außenwänden ein aus Ziegelsteinen gemauerter Ofen vorhanden, dessen Gewölbekuppel eine Scheitelhöhe von etwa 6,70 m besaß. Er maß im Lichten 20 Fuß (5,84 m) im Quadrat und hatte einen Rauminhalt von 7.592 Kubikfuß = 189 cbm. Aus dem Gewölbe führten ein Schornstein in der Mitte und vier Schornsteine in den Ecken, die noch unter dem Dach in gotischen Bögen zu einem Kasten zusammenliefen, den Rauch ab. Die heutige pyramidenartige Dachspitze ist also ein nachträglicher Verschluss der Rauchöffnung. Die heutige Südtür war eine Öffnung zum Ein- und Auskarren des Ofens; an seiner (heute verschwundenen) Ostwand besaß er etwas weiter oben eine Einlade Öffnung, dazu in der Kuppel zwei runde Öffnungen zum Nachschütten von Gipsmehl und zum Beobachten des Brandes. Von Nordosten führte eine 90 Fuß (ca. 26,3 m) lange und 7 Fuß (ca. 2 m) breite Laufbrücke und schräg an die Tür des 1827 schon vorhandenen Anbaues heran. Genau beschrieben wird auch die Konstruktion des inneren Gebälks mit zwei weiteren Ebenen (ein "Oberstock" zum Befüllen des Ofens im oberen Teil und ein Dachboden zum Erreichen von Kuppel und Schornsteinen); ja selbst Holzluken mit Beschlägen werden einzeln aufgeführt. Charakteristisch ist jedoch das schon von weitem auffällige, nach außen gekrümmte Dach. Seine Besonderheit liegt in den rund geformten Sparren, die nicht aus einer massiven Bohle, sondern aus je drei Lagen von versetzt zusammengenagelten Brettern bestehen. Mit dieser verblüffend tragfähigen und billigen Konstruktion lässt sich so eine Spannweite von knapp 10 Metern ohne jede Unterstützung überbrücken. Diese "Bohlensparren-Dächer" wurden auch nach ihrem französischen Erfinder Philibert de l'0rme (1510/15-1570) "de Lorrnsche Bohlendächer" genannt und v. a. durch den preußischen Baudirektor David Gilly (1748-1808) stark propagiert. Sie sind in Lüneburg von Friedrich August Senff jun. (1798-1804 Salinen Inspektor) in jener Zeit bei neuerbauten Salinengebäuden verwendet worden, um durch die hierbei mögliche Wiederverwendung alter Bohlen Kosten zu sparen. Ursprünglich nur als Provisorien gedacht, bewährten sich die Dächer offen offenbar, so dass auch weitere Salinengebäude in der gleichen prägnanten Weise errichtet wurden. Von jenen steht heute leider nichts mehr - der alte Gipsofen ist damit zu einem in Niedersachsen möglicherweise einzigartigen technischen Baudenkmal geworden.
Artikel Vor 25 Jahren aus der Landezeitung - Fotos: Werner Waschke