12/10/2026
🧩 𝗗𝗔𝗦 𝗥𝗨𝗡𝗗𝗘 𝗠𝗨𝗦𝗦 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗭𝗪𝗜𝗡𝗚𝗘𝗡𝗗 𝗜𝗡𝗦 𝗘𝗖𝗞𝗜𝗚𝗘! 🥳
Autismus, sensorische Wahrnehmung und die kleinen Barrieren unseres Alltags.
🔷 𝗪𝗘𝗡𝗡 𝗘𝗜𝗡𝗘 𝗧𝗢𝗜𝗟𝗘𝗧𝗧𝗘 𝗭𝗨𝗥 𝗕𝗔𝗥𝗥𝗜𝗘𝗥𝗘 𝗪𝗜𝗥𝗗
Formen, Farben, Haptik, Gerüche, Temperaturen, Geräusche und viele weitere Sinneseindrücke beeinflussen unsere Wahrnehmung. Gerade für autistische Menschen können scheinbar nebensächliche Details eine enorme Bedeutung haben. Was für andere völlig selbstverständlich erscheint, kann für uns zu einer echten Herausforderung werden.
Vor Kurzem durfte ich mit meiner autistischen Tochter wieder einmal eine interessante Erfahrung machen. Wir befanden uns in einem größeren Supermarkt und mussten die Toiletten aufsuchen. Wie gewohnt wollte sie zunächst auf die Damentoilette. Für mich selbstverständlich, schließlich soll sie selbst entscheiden können, welche Toilette sie benutzen möchte.
Allerdings wunderte ich mich, weshalb sie eine Kabine nach der anderen kontrollierte. Sie schaute hinein, kam wieder heraus und wurde zunehmend unzufriedener. Schließlich wollte sie auf die Herrentoilette. Also schauten wir gemeinsam nach. Da sich niemand dort aufhielt, konnte ich sie begleiten und versuchen herauszufinden, was sie eigentlich störte.
🔍 𝗨𝗡𝗗 𝗗𝗔𝗡𝗡 𝗞𝗔𝗠 𝗗𝗜𝗘 𝗘𝗥𝗞𝗘𝗡𝗡𝗧𝗡𝗜𝗦: 𝗗𝗜𝗘 𝗧𝗢𝗜𝗟𝗘𝗧𝗧𝗘𝗡 𝗪𝗔𝗥𝗘𝗡 𝗘𝗖𝗞𝗜𝗚!
Tatsächlich waren dort keine klassischen ovalen Toiletten verbaut, sondern moderne Keramik mit einer deutlich rechteckigen Gestaltung. Und genau diese Form schien für meine Tochter nicht akzeptabel zu sein. Auch auf der Herrentoilette fanden wir ausschließlich solche Modelle.
Ich musste zunächst etwas schmunzeln. Nicht über meine Tochter, sondern über die Erkenntnis, dass ausgerechnet die geometrische Form einer Toilettenschüssel eine solche Bedeutung haben kann.
Ein barrierefreies WC, das möglicherweise eine Alternative geboten hätte, gab es leider ebenfalls nicht. Damit war der Toilettengang letztendlich gescheitert.
Eine alltägliche Situation, die mir erneut gezeigt hat, wie unterschiedlich Menschen ihre Umwelt wahrnehmen.
🧠 𝗪𝗔𝗦 𝗦𝗔𝗚𝗧 𝗗𝗜𝗘 𝗪𝗜𝗦𝗦𝗘𝗡𝗦𝗖𝗛𝗔𝗙𝗧 𝗗𝗔𝗭𝗨?
Autistische Menschen können Sinnesinformationen anders verarbeiten und gewichten. Neben Geräuschen, Gerüchen und Berührungen können auch Formen, Symmetrien und vertraute visuelle Strukturen eine besondere Rolle spielen. Ungewohnte Gestaltungen können Unsicherheit oder Unbehagen auslösen.
Ob bei meiner Tochter tatsächlich die Form, die erwartete Sitzposition oder mehrere Faktoren entscheidend waren, kann ich nicht abschließend beurteilen. Ihre Reaktion war jedoch eindeutig.
📌 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗔𝗟𝗟𝗘𝗦, 𝗪𝗔𝗦 𝗙Ü𝗥 𝗨𝗡𝗦 𝗡𝗢𝗥𝗠𝗔𝗟 𝗘𝗥𝗦𝗖𝗛𝗘𝗜𝗡𝗧, 𝗠𝗨𝗦𝗦 𝗙Ü𝗥 𝗔𝗡𝗗𝗘𝗥𝗘 𝗠𝗘𝗡𝗦𝗖𝗛𝗘𝗡 𝗘𝗕𝗘𝗡𝗦𝗢 𝗘𝗠𝗣𝗙𝗨𝗡𝗗𝗘𝗡 𝗪𝗘𝗥𝗗𝗘𝗡.
🌱 𝗪𝗔𝗦 𝗛𝗔𝗧 𝗗𝗔𝗦 𝗠𝗜𝗧 𝗜𝗡𝗞𝗟𝗨𝗦𝗜𝗢𝗡 𝗭𝗨 𝗧𝗨𝗡?
Aus heilpädagogischer und heilerzieherischer Perspektive finde ich besonders interessant, dass meine Tochter selbstständig nach einer Alternative gesucht hat. Sie erkannte, dass etwas für sie nicht passte, und versuchte, eine Lösung zu finden. Das ist Ausdruck von Selbstbestimmung und Eigeninitiative.
Genau hier beginnt für mich auch Inklusion. Nicht jeder Mensch muss sich zwangsläufig an eine vorgegebene Umgebung anpassen. Vielmehr sollten wir unsere Umwelt von Anfang an so gestalten, dass möglichst viele unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigt werden.
Warum planen wir beispielsweise Gebäude nicht grundsätzlich barrierearm, gestalten Möbel flexibel oder bieten in öffentlichen Sanitäranlagen unterschiedliche, vertraute und funktionale Ausstattungen an? Auch zusätzliche geschlechtsunabhängige Toiletten mit Begleitmöglichkeiten könnten für viele Menschen hilfreich sein.
Das Konzept des Universal Design verfolgt diesen Gedanken bereits: Produkte und Umgebungen sollen möglichst vielen Menschen zugänglich sein. Dabei bleiben individuelle Wahlmöglichkeiten wichtig, denn eine einzige Lösung kann niemals sämtliche Bedürfnisse erfüllen.
💡 𝗠𝗘𝗜𝗡 𝗙𝗔𝗭𝗜𝗧
Ich hätte vorher niemals darüber nachgedacht, dass eine eckige Toilette zum Hindernis werden könnte. Meine Tochter hat mir damit erneut gezeigt, wie individuell Wahrnehmung ist und wie schnell scheinbar unbedeutende Details zu Barrieren werden können.
Für mich bedeutet Inklusion deshalb nicht, Menschen erst dann zu unterstützen, wenn sie an bestehenden Strukturen scheitern. Wir sollten vielmehr schon bei der Gestaltung unserer Umwelt berücksichtigen, wie unterschiedlich Menschen wahrnehmen, empfinden und handeln.
𝗜𝗡𝗞𝗟𝗨𝗦𝗜𝗢𝗡 𝗦𝗢𝗟𝗟𝗧𝗘 𝗞𝗘𝗜𝗡 𝗡𝗔𝗖𝗛𝗧𝗥Ä𝗚𝗟𝗜𝗖𝗛𝗘𝗦 𝗥𝗘𝗣𝗔𝗥𝗔𝗧𝗨𝗥𝗣𝗥𝗢𝗚𝗥𝗔𝗠𝗠 𝗦𝗘𝗜𝗡, 𝗦𝗢𝗡𝗗𝗘𝗥𝗡 𝗘𝗜𝗡 𝗦𝗘𝗟𝗕𝗦𝗧𝗩𝗘𝗥𝗦𝗧Ä𝗡𝗗𝗟𝗜𝗖𝗛𝗘𝗥 𝗕𝗘𝗦𝗧𝗔𝗡𝗗𝗧𝗘𝗜𝗟 𝗨𝗡𝗦𝗘𝗥𝗘𝗦 𝗭𝗨𝗦𝗔𝗠𝗠𝗘𝗡𝗟𝗘𝗕𝗘𝗡𝗦.
💬 𝗝𝗘𝗧𝗭𝗧 𝗦𝗘𝗜𝗗 𝗜𝗛𝗥 𝗚𝗘𝗙𝗥𝗔𝗚𝗧!
Habt ihr im Alltag mit euren Kindern, Angehörigen oder Klienten ähnliche Erfahrungen gemacht? Situationen, in denen scheinbar völlig unbedeutende Kleinigkeiten plötzlich eine enorme Rolle gespielt haben?
🔹 Welche Besonderheiten in der Wahrnehmung sind euch bei euren Kindern, Angehörigen oder Menschen, die ihr begleitet, aufgefallen?
🔹 Gibt es bestimmte Formen, Farben, Materialien, Gerüche oder Geräusche, die besonders angenehm oder unangenehm empfunden werden?
🔹 Habt ihr schon einmal erlebt, dass alltägliche Gegenstände oder Situationen aufgrund ihrer Gestaltung plötzlich nicht mehr akzeptabel waren?
🔹 Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Versucht ihr, die Umgebung anzupassen, gemeinsam Alternativen zu finden oder neue Erfahrungen behutsam zu ermöglichen?
Mich interessieren besonders auch eure ganz persönlichen Wahrnehmungsbesonderheiten. Vielleicht gibt es Dinge, die ihr selbst als selbstverständlich empfindet, die andere Menschen aber überhaupt nicht nachvollziehen können.
🌱 𝗠𝗔𝗡𝗖𝗛𝗠𝗔𝗟 𝗦𝗜𝗡𝗗 𝗘𝗦 𝗚𝗘𝗥𝗔𝗗𝗘 𝗗𝗜𝗘 𝗞𝗟𝗘𝗜𝗡𝗦𝗧𝗘𝗡 𝗗𝗘𝗧𝗔𝗜𝗟𝗦, 𝗗𝗜𝗘 𝗨𝗡𝗦 𝗭𝗘𝗜𝗚𝗘𝗡, 𝗪𝗜𝗘 𝗨𝗡𝗧𝗘𝗥𝗦𝗖𝗛𝗜𝗘𝗗𝗟𝗜𝗖𝗛 𝗪𝗜𝗥 𝗗𝗜𝗘 𝗪𝗘𝗟𝗧 𝗪𝗔𝗛𝗥𝗡𝗘𝗛𝗠𝗘𝗡.
Ich freue mich auf eure Erfahrungen, Beobachtungen und vielleicht auch auf die eine oder andere überraschende Geschichte aus eurem Alltag!
✍️ 𝗗𝗮𝗻𝗶𝗲𝗹 𝗠𝗼𝗹𝗶𝘁𝗼𝗿
Naturpädagogischer Inklusionsbegleiter | Angehender Heilerziehungspfleger | Autist mit ADHS