23/03/2023
..."Nach gründlicher Überlegung haben wir uns als Kolleg*innen und Vertrauensleute dazu entschieden, für ein „Nein“ zum Angebot und für ein „Ja“ zum Arbeitskampf einzutreten. Im Folgenden wollen wir euch begründen, wie wir zu dieser Position kommen und hängen auch ein Fragen und Antworten-Papier an, in dem wir einige aktuelle Fragen aufgreifen.
Es stimmt: Das vorgelegte Angebot ist besser als das erste – und das haben wir unserem gemeinsamen Erfolg in der Urabstimmung zu verdanken. Es enthält 1.260 Euro mehr und das Geld kommt schneller bei den Kolleg*innen an. Wir verstehen, dass viele auf dieses Geld angewiesen sind und nicht mehr lange warten können. Gleichzeitig aber unterscheidet es sich insbesondere bzgl. tabellenwirksamer Leistung nicht wesentlich vom ersten Angebot und bedeutet Reallohnverluste für die Beschäftigten. Viele Kolleg*innen sind wütend und enttäuscht, dass innerhalb von einem Tag alle unsere „roten Linien“ aufgegeben worden sind und man sich in die Argumentation des Konzerns einreiht. Wir haben das Jahr 2023 als „Nullrunde“ kritisiert, jetzt wird es von der Tarifkommission verteidigt. Wir haben die „Maximalforderung“ des Unternehmens als Bluff demaskiert, jetzt ist es kein Bluff mehr. Wir haben 24 Monate Laufzeitlänge kritisiert, jetzt sind 24 Monate machbar. Wir haben Einmalzahlungen als „Einkommenssteigerung“ zurückgewiesen, jetzt wird damit nachdrücklich für die Annahme des Angebots geworben. Wir wollten mindestens einen Inflationsausgleich, jetzt werden Reallohnverluste in Kauf genommen. Wir waren uns einig mit einem unbefristeten Streik ein besseres Angebot durchzusetzen, jetzt sei so ein Streik aussichtslos und ein „mehr“ werde es nicht geben. Das Motto unserer Tarifbewegung: „15 Prozent - notwendig, gerecht, machbar“ hat ohne nachvollziehbar kommunizierte Gründe über Nacht an Wert verloren. Der Konzern ist noch immer nicht bereit, aktuelle und vergangene Reallohnverluste auszugleichen und uns angemessen am Rekordgewinn des Unternehmens zu beteiligen. Nun wird überall schon von einem fertigen Abschluss gesprochen, ohne das entscheidende Votum der Mitglieder abzuwarten.
Wir sind bisher so weit gekommen: Die Warnstreiks waren mehr als beeindruckend. Tausende Kolleg*innen haben sich neu organisiert. Wir haben 85,9 Prozent in der Urabstimmung erreicht mit einer herausragenden Beteiligung trotz hartem Kampf des Arbeitgebers. Als Vertrauensleute und Gewerkschafter*innen haben wir allesamt wochenlang hart gearbeitet und uns auf den unbefristeten Streik vorbereitet. Wir waren kurz davor, mit den Kolleg*innen aus dem öffentlichen Dienst und der Deutschen Bahn auf die Straße zu gehen und unsere volle Stärke zu zeigen. Die Öffentlichkeit steht mehrheitlich hinter uns. Die Streikkassen sind voll. Nun hat ein express-Brief der Arbeitgeberseite dazu geführt, dieses Potential für einen unbefriedigenden Kompromiss verpuffen zu lassen. Für alle Kolleg*innen im öffentlichen Dienst, die sich aktuell in der größten Streikwelle seit Jahrzehnten befinden, ist das ein eher ernüchterndes Signal. Vor wenigen Tagen erst haben sie uns hoffnungsvoll zur erfolgreichen Urabstimmung gratuliert. Wir laufen gerade Gefahr, weite Teile unserer Kolleg*innen in den Niederlassungen zu verlieren. Viele Ehrenamtliche haben auf die Bedeutung, Chancen und Gefahren dieser Tarifrunde hingewiesen, diese Befürchtungen bestätigen sich jetzt zum Teil. Die ersten Austritte sind angekündigt, die ersten Kündigungen ebenfalls. Dieses Angebotsergebnis verstärkt Unmut und Resignation über die immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen in den Betrieben, statt sie zu lindern. Als ver.di-Vertrauensleute kämpfen wir um jede Kollegin und jeden Kollegen. Allen Kolleg*innen sollte klar sein, dass jeder Austritt jetzt nur den Arbeitgebern hilft. Wir sind jetzt stärker geworden. Und wir haben die Chance bei der nächsten Tarifbewegung noch stärker zu werden. Wir haben jetzt viel gelernt und Lust, unsere Gewerkschaft stärker, durchsetzungsfähiger und kämpferischer aufzubauen, egal wie die kommende Urabstimmung ausgeht. Zum jetzigen Zeitpunkt sagen wir aber:
Als Vertrauensleute und überzeugte Ver.dianer*innen sprechen wir uns dafür aus, das neu vorgelegte Angebot entgegen der Empfehlung der Verhandlungs- und Tarifkommission abzulehnen unter der Bedingung, mit voller Ernsthaftigkeit und Bereitschaft für ein besseres Angebot zu kämpfen."
Die ganze Erklärung: http://www.organisieren-gewinnen.de/index.php?id=129