15/06/2026
Kreativität als Brücke zur Seele: Kunsttherapie im Caritas Kinderdorf
Wenn Worte nicht ausreichen, um Erlebtes zu verarbeiten, beginnt im Caritas Kinderdorf Irschenberg die Arbeit von Sandra Schallinger. Die studierte Bildhauerin und ausgebildete Kunsttherapeutin nutzt die schöpferische Kraft der Gestaltung, um Kindern einen Weg aus der Sprachlosigkeit zu ebnen. Aus einem Umfeld kommend, das oft von schweren traumatischen Erfahrungen geprägt war, bietet die Kunsttherapie den Mädchen und Jungen einen unverzichtbaren Raum für Heilung und Selbstwirksamkeit.
Seit Juli 2025 verstärkt Sandra Schallinger das therapeutische Team im Kinderdorf. Mit einem Hintergrund aus der Bildhauerei und einer tiefen Verbundenheit zu sozialen Berufen verbindet sie handwerkliches Wissen mit psychologischem Feingefühl. In ihrer Arbeit im Kinderdorf nutzt sie die schöpferische Kraft, um Kindern einen nonverbalen Zugang zu ihren Emotionen zu ermöglichen und auf spielerische Weise Selbstsicherheit und Handlungskompetenz zu entwickeln.
Aktuell betreut die Therapeutin sechs Kinder im Alter von vier bis elf Jahren. Der Schwerpunkt liegt mehr in der Arbeit mit den jüngeren Bewohnern, da diese oft altersbedingt einen direkteren, spielerischen Zugang zur Kunst finden als Teenager. Die Therapie findet meist in Einzelstunden statt, um den Kindern die ungeteilte Aufmerksamkeit und einen „sicheren Hafen“ abseits des Trubels in den Wohngruppen zu bieten.
In der Kunsttherapie geht es nicht um Ästhetik, sondern um den Ausdruck des Inneren.
„Die Kinder kommen oft aus Hintergründen, die von Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch geprägt waren“, erklärt sie: „In der Therapie geht es darum, eine „Insel“ zu schaffen, auf der sie sich jenseits von Leistungsdruck und Erwartungen selbst erleben dürfen.“ Die Therapien sind so vielfältig wie die Kinder selbst und orientieren sich eng an deren Bedürfnissen.
Sandra Schallinger passt ihre Methoden präzise an die individuelle Problematik an:
• Gegen übermäßigen Perfektionismus: Kinder mit zu hohem Leistungsanspruch an sich selbst lernen durch therapeutische Begleitung im „Experimentierfeld“ Kunst, sich vom Ergebnis zu lösen. Auf spielerische Art können sie hier Entspannung erfahren und die Freiheit erleben, unperfekt sein zu dürfen.
• Heilung bei geringem Selbstwertgefühl: bei Kindern, die Entwertung erlebt haben, ist es manchmal hilfreich, mit „kostbaren“ Materialien wie Gold(acyrl)farbe zu arbeiten. Die tiefergehende Botschaft dabei lautet: „Du bist es wert, mit teuren, wertvollen Dingen zu arbeiten.
• Integration nach Mobbing: für Kinder, die Ausgrenzung erfahren haben, steht eine korrigierende Erfahrung durch ein Wiedereingebunden werden im Fokus. Die ungeteilte, wertschätzende Aufmerksamkeit in der Einzeltherapie wirkt wie eine emotionales „Nachnähren“ und stärkt den Platz des Kindes in der Welt.
• Frustration überwinden: Kinder, die wenig Selbstvertrauen haben und schnell aufgeben, werden eng begleitet, um durch kleine Erfolge beim Basteln oder Schnitzen echte Handlungskompetenz zu erfahren.
Besonders die entwicklungsbegleitende Arbeit mit Ton spielt oftmals eine zentrale Rolle. Das haptische Material fördert ein inneres Gleichgewicht sowie körperliche Stabilität und hilft Kindern, Themen wie Kontrolle und Loslassen buchstäblich „begreifbar“ zu machen. Die Therapie bietet den Kindern eine wertvolle Ressource und fördert die Emotionsregulation. Wut kann am Ton ausgelassen werden; Frustration wird durch die Erfahrung „Ich schaffe das doch“ in Stolz verwandelt.
„Wenn ein Kind im Tun in einen "Flow‘ kommt, plötzlich anfängt zu singen und die Welt um sich herum vergisst, dann passiert oft tiefe Heilung“, so Schallinger.
Auch Recyclingmaterialien wie Eierkartons oder Joghurtbecher kommen zum Einsatz. Dies schont nicht nur das Budget, sondern lehrt die Kinder eine lebenswichtige Lektion: Improvisation. Wer lernt, aus Abfall etwas Neues zu schaffen, entwickelt die kreative Flexibilität, die auch zur Lösung von Lebensproblemen nötig ist. Die Kinder kommen zu der Erkenntnis: Ich kann mir selbst helfen, auch wenn die Mittel begrenzt sind.
Trotz der sichtbaren Erfolge bleibt die Finanzierung für Dorfleiterin Pia Klapos eine Herausforderung. Aktuell umfasst das Angebot acht Stunden pro Woche, die fast vollständig über Spendengelder finanziert werden. „Ein paar Stunden mehr wären unglaublich hilfreich, um noch mehr Kindern diesen wichtigen Baustein der Heilung zu geben“, betont die Geschäftsführerin. Auch Materialspenden, wie die heiß geliebte Goldfarbe, Gold- und Glitzersticker, Farben und Bastelmaterialien sind herzlich willkommen.
Die Kunsttherapie im Caritas Kinderdorf Irschenberg ist mehr als nur Malen und Basteln – sie ist ein wichtiger Baustein, um Kindern nach schweren Erschütterungen wieder Stabilität, Lebensfreude und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten zurückzugeben.
Bildunterschrift:
Für einen Herren, der sich zu seinem runden Geburtstag statt Geschenke eine Spende für das Caritas Kinderdorf wünscht, arbeitet Kunsttherapeutin Sandra Schallinger mit den Kindern derzeit an einer Spendenbox in Elefantenform für die Feier.
Foto: Florian Lintz, bfl-relations.de