15/05/2026
Aufnahme 039/26
PABLO 💙 kam Ende April in die Igelstube.
Er wurde auf der Terrasse der Finder gesichert.
Er litt unter einem Atemwegsinfekt, verklebten Augen, dicken Zecken, Flöhen und war stark abgemagert. Er schniefte, nieste, kratzte sich heftig und rollte sich vor lauter Bauchschmerzen immer wieder intervallartig ein.
Zusätzlich hatte er augenscheinlich ein Nest mit Zeckenlarven gestreift und war mit hunderten Nymphen übersät.
Aus seiner Nase blutete es – die Nasenschleimhaut war durch den Infekt bereits stark angegriffen.
Als ich gestern spät abends meinen letzten Rundgang durch das Igelzimmer machte, zeigte Pablo plötzlich keinerlei Reaktion mehr.
Schockmoment.
Kaum noch Atmung, kein Muskeltonus, die Augen leer ins Nichts gerichtet. Das Futter war unberührt. Er lag da wie ein Schluck Wasser in der Hand.
Intuition: Das kann es noch nicht gewesen sein. Da war noch etwas. Die Erinnerung an seinen Körper: Du lebst noch.
Fokus auf das Überleben dieses kleinen Wesens.
PABLO lag eine halbe Stunde im Handtuch auf meinem Schoß, umgeben von allem, was für den Notfall an Aufbaumittel nötig war. Zusätzlich bekam er Massagen, um Reize an sein Nervensystem weiterzugeben.
Diese halbe Stunde war unfassbar.
Stück für Stück wurde er wacher - kämpfte sich zurück. Erst bewegte sich die Nase, dann die Zunge. Ein Auge blinzelte mich an. Dann kam ein zartes Schmatzen. Ein Pfötchen zuckte, kurz darauf alle vier. Schließlich versuchte er, sich wieder einzurollen.
Zum Schluss biss er sogar sanft in die Spritze, mit der ich ihm das Immun-Tonicum an die Nase hielt wie eine Art „Riechsalz“.
Er war zurück.
Es fühlte sich an, als hätte sein Körper vergessen, wie Leben funktioniert.
Und genau so fühlt es sich in solchen Momenten an:
Die Welt um dich herum verstummt. Keine Hintergrundgeräusche mehr. Keine Ablenkung. Es gibt nur dich, deine Hände und dieses winzige, schwache Herz, das noch ganz leise schlägt.
PABLO stand an der Himmelstür. Er rollte sich als sterbender Igel nicht mehr ein, kühlte bereits aus. Er bekam meine Körperwärme, sanfte Massagen an Ohren, Pfötchen und Körper. Ihn langsam zurück ins Leben zu holen, war Millimeterarbeit – und erforderte unendliche Geduld.
Der Fokus brach erst in dem Moment, als er wieder tief einatmete, sich bewegte und die Nase zuckte.
Dann brechen oft die aufgestauten Emotionen durch. Die Hände beginnen zu zittern und am liebsten würden Tränen der Erleichterung fließen.
Demut.
Ein so kleines Wildtier vor dem Tod bewahrt zu haben, hinterlässt ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit der Natur. Du hast in das Schicksal eingegriffen und die Waagschale ein kleines Stück Richtung Leben verschoben.
Heute Morgen dann der nächste unglaubliche Moment:
PABLO hat selbst gefressen.
50 Gramm Nassfutter waren verschwunden. Der Napf war leer.
Er ist noch nicht über den Berg und wir wissen nicht, wohin die Reise geht. Aber sein Körper hat seine eigentliche Aufgabe für diesen Moment wieder aufgenommen: leben!