16/08/2026
Viele Mentor*innen starten in den kommenden Tagen zum ersten Mal mit ihrer ersten Lesestunde; andere wiederum begrüßen ab diesem Schuljahr ein neues Lesekind. Hier kommen daher unsere Tipps für den Anfang:
1. Aufbau von Beziehung hat in den ersten Lesestunden Priorität
In der ersten Lesestunde sollten Mentor*innen das Kind erst einmal kennenlernen und dem Kind die Möglichkeit geben, die Mentor*in kennenzulernen. Daher ist es nicht unüblich, dass in der ersten Lesestunde gar nicht wirklich gelesen wird. Mentor*innen können stattdessen viel von sich, Ihrem (ehemaligen) Beruf, Ihren Hobbys etc. erzählen, sofern dies bei dem Kind auf Interesse stößt. Gleichzeitig ist die erste Stunde auch die Gelegenheit, sich ein erstes Bild von den Interessen des Kindes zu schaffen, die anschließend für die Auswahl von Lesetexten relevant sind. Folgende Fragen an das Kind helfen, einen ersten Überblick zu bekommen:
- Was liest Du gerne – oder hörst Du gerne?
- Gibt es Bücher, Figuren, Serien oder Spiele, die Du besonders gerne magst oder früher gerne mochtest?
- Womit beschäftigst Du Dich in Deiner Freizeit? Was sind Deine Hobbys und Interessen?
- Wie gerne liest Du und was findest Du ggf. schwierig am Lesen?
Unterstützend kann in der ersten Stunde im Gespräch bspw. ein Steckbrief gegenseitig ausgefüllt werden, der der jeweils anderen Person daraufhin übergeben wird.
2. Nicht gleich mit einem ganzen Buch anfangen
In vielen Fällen ist es nicht sinnvoll, in den ersten Lesestunden direkt mit einem ganzen Buch zu beginnen. Stattdessen sind kürzere, überschaubare Texte häufig angenehmer für das Lesekind.
Gut funktionieren können:
- kurze Comics
- Witzgeschichten
- Sachtexte zu Interessen des Kindes
- kurze Geschichten mit überraschendem Ende
- Bilderbücher, auch wenn das Kind eigentlich schon älter ist
- Rätsel- oder Quiztexte
- ggf. Bücher mit vielen Illustrationen
Gerade bei schwächeren Lesekindern ist es wichtig, dass sie schnell merken: „Das kann ich.“ Ein zehnminütiger Text, den das Kind erfolgreich bewältigt, kann daher pädagogisch wertvoller sein als 30 Minuten mühsames Vorlesen eines zu schwierigen Buches.
3. Offene Fragen zum Leseverständnis formulieren
Besser als stark eingegrenzte Verständnisabfragen sind häufig offene, natürliche Fragen, die zum Gespräch anregen:
- „Was glaubst du, was jetzt passiert?“
- „Wie findest du die Figur und ihr Verhalten?“
- „Warum hat er das wohl gemacht?“
- „Was war gerade lustig?“
- „Ich glaube ja, dass … – wie siehst du das?“
- „Welche Stelle fandest du am besten?“
4. Lesestunden gemeinsam planen und das Kind beteiligen
Das Lesekind sollte schon zu Beginn bemerken, dass die Lesestunde anders funktioniert als der Schulunterricht: Hier darf das Kind gerne mitbestimmen, was gelesen wird und wie die Stunde gestaltet wird - selbstverständlich unter Anleitung der Mentor*in. Besprechen Sie daher gerne bereits in der ersten Stunde, wie eine Lesestunde für das Kind angenehm gestaltet werden kann und welche Rituale und Regeln ggf. daraus folgen. An welcher Stelle in der Lesestunde soll bspw. einfach locker miteinander gesprochen oder gespielt werden? Was benötigt das Kind, um sich wohlzufühlen? Wie häufig braucht das Kind eine Pause und wie soll diese gestaltet werden?
Das Kind sollte grundsätzlich im Rahmen der pädagogischen Steuerung durch die Mentorin/den Mentor eine echte Entscheidungsmöglichkeit bekommen.
5. Lob/Positive Bestärkung statt Fehlerzählen
Die Lesestunde bietet für das Kind einen Raum zum Ausprobieren und Üben ohne jeglichen Leistungsdruck. Das bedeutet, dass nicht jeder kleine Fehler, der dem Kind beim Vorlesen unterläuft, korrigiert werden muss. Positive Bestärkung fördert dagegen die Lesemotivation des Kindes - und den Eindruck, dass es im Rahmen der Leseförderung seine Kompetenzen ausbauen kann. Kleine Fortschritte sollten daher bemerkt und mit lobenden Worten erwähnt werden. Das Lob sollte dabei nicht zu allgemein sein, sondern die Frage beantworten: Was genau hat das Kind gut gemacht? Wo genau hat es sich verbessert? Loben Sie gerne auch scheinbare Kleinigkeiten - es nützt dem Kind und der Lesemotivation.
Was dagegen vermieden werden sollte:
❌ jeden Fehler sofort zu korrigieren
❌ das Kind einen langen Text alleine vorlesen zu lassen
❌ ständig Verständnisfragen stellen
❌ jedes unbekannt Wort wie Vokabeln abfragen
❌ „Du musst viel mehr üben“ sagen
❌ Texte ausschließlich nach schulischer Klassenstufe und in Anknüpfung an den Unterricht auswählen
❌ die 45 Minuten komplett durchplanen und keinen Raum für spontane Interessen lassen
Wir wünschen allen Mentor*innen schöne erste Lesestunden! 🤩