09/09/2026
Sehr geehrter Herr Kind,
geehrte Medienvertreter,
geehrte Vereinsverantwortliche,
Die Medien laden Herrn Kind gerne zu populären Themen wie Pyrotechnik ein. Am Ende bleiben meist Aussagen und Interviews, die vor allem Schlagzeilen produzieren, ohne echten Mehrwert zu schaffen. In diesem Fall Glückwunsch „Madsack“ für ein paar mehr Klicks! Herr Kind trifft diesmal wieder eine Aussage die wir kommentieren möchten. Ob allerdings Interesse an einer komplexeren Betrachtung bei der Madsack Mediengruppe und Herrn Kind besteht, darf stark bezweifelt werden.
Wenn es eine Konstante bei Hannover 96 gibt, dann sind es – neben den Fackeln in der Kurve – vor allem die immer gleichen Interviews und Reaktionen in den Medien. Das zeigt welche Sichtweise der Verein auf seine Fans hat.
Die Idee, den Strafzahlungen des DFB aufgrund von Pyrotechnik dadurch Herr zu werden, dass man mit dem Hammer auf ein hervorragendes Fanbiotop wie den Zwinger einschlägt, ist kurzsichtig und reflexartig. Sie zeigt vor allem, dass noch immer ein grundlegendes Verständnis dafür fehlt, wie Fans und Fankurven funktionieren, welche Bedeutung die größte europäische Subkultur Ultra darin hat und wie all dies zusammen funktioniert.
Die Annahme, durch die Abschaffung vermeintlicher „Fan-Privilegien“ auch nur eine einzige Fackel im Stadion zu verhindern, zeigt, dass bei den Vereinsverantwortlichen – insbesondere bei Herrn Kind – offenbar auch nach all den Jahren kein nachhaltiger Lerneffekt eingesetzt hat. Statt die Komplexität der Fankurve zu verstehen, werden immer wieder dieselben reflexartigen Maßnahmen bemüht.
Ein Beispiel dafür ist der Zwinger. Dort treffen sich vor dem Spiel Fans aller Couleur des Hannoverschen Sportvereins von 1896. Menschen unterschiedlicher Hintergründe und Generationen kommen zusammen, tauschen sich aus und verbringen Zeit miteinander. Hier findet Fanarbeit (u.a. der Stadt Hannover mit dem Fanprojekt) statt und entsteht ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des gemeinschaftlichen Engagements. Der Zwinger ist damit weit mehr als ein Treffpunkt: Er ist ein von Fans geschaffenes Fanbiotop und ein Beispiel gelebter demokratischer Kultur. Die 96er die sich im Zwinger begegnen kommen aus den verschiedensten Fanströmungen.
Wer diesen Ort als bloßes „Privileg“ betrachtet und glaubt, man müsse ihn schließen, um Pyrotechnik im Stadion zu verhindern, hat Fansein und Fankurve schlicht nicht verstanden.
Es wird keine einzige Fackel weniger im Stadion leuchten, wenn dieses Fanbiotop geschlossen wird. Es wird trotz anderweitiger Behauptungen keine Pyrotechnik im Zwinger deponiert. Allein die Annahme eines solchen Zusammenhangs zeigt, wie wenig Vereinsfunktionäre offenbar über ihre eigene Fankurve wissen.
Statt ständig von „Privilegien“ zu sprechen, wäre es an der Zeit, sich ernsthaft mit Fankultur auseinanderzusetzen und deren Vielfalt und Heterogenität anzuerkennen und zu verstehen.
Wer die Subkultur „Ultra“ begreifen möchte, muss akzeptieren, dass sie nicht durch Verbote ihre Art zu Leben infrage stellt. Im Gegenteil: Verbote schweißen Subkulturen zusammen und stärken ihre Strukturen.
Auch lassen sich Fangruppen unterschiedlichster Ausprägungen nicht einfach spalten und seltenst von Außen. Wird ein Raum geschlossen, öffnet sich ein Neuer. Aktive Fans treffen und organisieren sich. Das liegt in der Natur der Sache. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob solche Räume als „Privileg“ existieren, sondern ob ein Verein bereit ist, seine eigene Fankultur zu verstehen, sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen und sie bestenfalls zu fördern.
Der Zwinger ist ein solcher Raum. Er ist gewachsen, wurde von verschiedensten Fans geschaffen und erfüllt eine soziale Funktion weit über das Fußballspiel hinaus. Wer ihn zerstört, bekämpft nicht die Ursache des vermeintlichen Pyrotechnik-Problems, sondern einen Teil jener Fankultur, die Hannover 96 über Jahrzehnte geprägt hat.
Es wäre daher an der Zeit, nicht permanent dagegen zu argumentieren, nicht zu verbieten und vermeintliche „Privilegien“ abzuschaffen, sondern endlich zu verstehen, wie Fankultur funktioniert und dass man mit dem „Hammer“ sein Problem niemals lösen wird.
Eine lebendige Fankultur ist kein Problem, das es zu beseitigen gilt. Sie ist ein Teil dessen, was einen Fußballverein überhaupt zu einem klasse Verein macht.