28/10/2026
Wenn Kinder zur Ehe gedrängt werden: Gewalt darf sich nicht hinter einem Begriff verstecken
In Baden-Württemberg wurden seit 2012 insgesamt 358 Ehen mit minderjährigen Beteiligten behördlich erfasst. Acht davon wurden rechtskräftig aufgehoben. Die übrigen Fälle endeten auf andere Weise; die Zahl allein sagt daher nicht, welche Situation heute jeweils besteht. Sie macht aber deutlich, wie wichtig ein verlässlicher Schutz und eine genaue Prüfung jedes einzelnen Falls sind.
Der Ausdruck „Kinderehe“ klingt beinahe harmlos. Wo ein Kind gegen seinen Willen zur Ehe gedrängt wird, geht es jedoch um Zwang und schwere Verletzungen seiner Würde und Selbstbestimmung. Sabatina James brachte die Folgen einer Zwangsheirat im Interview mit dem PRO Medienmagazin auf eine drastische Formel: „Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebensdauer.“
Wie groß das Ausmaß ist, lässt sich nur schwer erfassen. Die Beratungsstelle YASEMIN verzeichnete 2025 insgesamt 271 Beratungsfälle. In 80 Fällen ging es um eine drohende Zwangsverheiratung; unter den Betroffenen waren 33 Minderjährige. Vier von ihnen waren jünger als zwölf Jahre. Diese Zahlen zeigen, wie früh Kinder in Gefahr geraten können – und zugleich, dass Beratungszahlen nur jene erreichen, die Unterstützung suchen oder vermittelt bekommen.
Auch Schulen können wichtige Hinweise wahrnehmen. Eine nicht repräsentative bundesweite Befragung von Lehrkräften und Schulsozialarbeitenden erfasste 2022 insgesamt 1.847 Fälle und Verdachtsfälle von angedrohter oder vollzogener Früh- und Zwangsverheiratung. In Berlin wurden bei einer eigenen Befragung 496 Fälle versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung für dasselbe Jahr bekannt. Diese Erhebungen sind keine vollständige Statistik – sie geben aber Anlass, aufmerksam hinzusehen und Fachstellen einzubeziehen.
Zwang kann verborgen bleiben: etwa wenn Betroffene im familiären Umfeld unter Druck gesetzt werden, eine Reise ins Ausland bevorsteht oder sie nach einer Reise nicht zurückkehren dürfen. Lehrkräfte, Freunde und Verwandte können zu den Ersten gehören, denen Veränderungen auffallen. Entscheidend ist, Hinweise ernst zu nehmen und Betroffene an erfahrene Beratungsstellen weiterzuvermitteln.
Für uns als Foundation ist klar: Die Würde eines Menschen ist unantastbar. Eine Ehe kann nur dann heilig sein, wenn sie auf Freiheit, Achtung und gegenseitigem Einverständnis beruht. Der christliche Glaube darf niemals als Rechtfertigung für Gewalt oder Zwang dienen. Christus stellte Kinder unter besonderen Schutz. Wer ein Kind zur Ehe drängt oder es sexueller Gewalt aussetzt, verletzt diesen Schutzauftrag schwer.
Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen glauben, sie schützen und ihnen Wege aus der Bedrohung eröffnen. Dafür braucht es Aufmerksamkeit im Umfeld, gute Beratung und konsequentes Handeln.
Redaktioneller Hinweis: Die 358 erfassten Fälle betreffen Ehen mit minderjährigen Beteiligten; daraus folgt nicht automatisch, dass alle Fälle Zwangsheiraten waren oder dass alle Betroffenen weiterhin minderjährig sind. Die Zahlen zu YASEMIN und den Befragungen sind gesonderte Erhebungen.