26/03/2026
26. März 2026 - Geislinger Zeitung - GEISLINGEN UND KREIS
Rundgang mit Hindernissen
Barrierefreiheit Holpriges Pflaster, Löcher im Boden, schwere Türen: Eine Stadttour im Rollstuhl mit dem Geislinger Stadtbehindertenring STeiGle.
Von Franziska Ruf
Bremsen los, die Fahrt beginnt. Klaus Kohle schiebt den Rollstuhl an, in dem seine Frau Gisela sitzt. Gisela Kohle befindet sich auf dieser Tour nur ausnahmsweise im Rollstuhl. Es ist ein Selbstversuch. Sie erklärt: „Wenn man laufen kann, merkt man die Probleme nicht.“ Reinhard Grams schnallt seinen Fahrradhelm fest und setzt seinen Rollstuhl mit elektrischem Zuggerät in Bewegung. Start ist am Geislinger Bahnhof, Ziel die Fußgängerzone. Während andere an diesem Tag unbesorgt einen Fuß vor den anderen setzen, die Sonne auf ihr Gesicht strahlen und den Blick schweifen lassen, gilt ihre Aufmerksamkeit primär einem: dem Boden.
Jedes Loch eine neue Gefahr
Man merkt jede Unebenheit bis hoch zum Kopf, wenn der Rollstuhl keine Federung hat.
Gisela Kohle
Vorsitzende des Stadtbehindertenrings
Gisela Kohle achtet auf jeden noch so kleinen Unterschied. Zum Beispiel auf die Pflastersteine am Zebrastreifen vom Bahnhof zur gegenüberliegenden Straßenseite. Beim Überqueren ruckelt der Rollstuhl. „Man merkt jede Unebenheit bis hoch zum Kopf, wenn der Rollstuhl keine Federung hat“, sagt Kohle. Weiter geht es an Lokalen und Imbissen vorbei. „Achtung!“, ruft Klaus Kohle plötzlich. Vor ihnen: Ein Loch im Boden, das beim Überfahren wehtun würde.
Das Ehepaar und Reinhard Grams sind die derzeit drei aktiven Mitglieder des Stadtbehindertenrings STeiGle. Der nicht eingetragene Verein setzt sich für eine barrierefreie Stadt ein. Ziel ist es, auf die Rechte von Menschen mit Behinderung gleich welcher Art aufmerksam zu machen und diese bei den Verantwortlichen einzufordern.
Typische Hindernisse kennen die drei. Bordsteinkanten etwa: Um sie zu überwinden, drückt Klaus Kohle den Rollstuhl nach hinten, hebt die Vorderräder an und schiebt vorsichtig vorwärts. Im Schritttempo steuern sie eine Bankfiliale an. Dort allein hineinzukommen, ist fast unmöglich. Gisela Kohle fährt vor die Tür, versucht, sie mit der Hand zu öffnen, doch dafür ist sie zu weit weg. Mit den Füßen stößt sie gegen die Glasscheibe. „Huch!“, ruft sie, als ihr Rollstuhl nach hinten kippt. Der Kippschutz hält ihn auf, sonst wäre sie gestürzt. „Die Tür ist sehr schwer“, sagt Kohle. Eine Kundin bemerkt die Situation und hält ihr die Tür auf.
Mehr Teerstreifen würden helfen
Geld abheben müssen die drei ja aber nicht. Also geht es weiter entlang der Karlstraße zum nächsten Zebrastreifen. „Das ist die Rüttelprobe für die Fußgängerzone“, sagt Klaus Kohle. Der Überweg ist gepflastert und zwischen den einzelnen Steinen fehlt teilweise die Füllung. „Auch für Rollatoren ist das schwierig: Die Belastung geht auf die Handgelenke“, sagt Gisela Kohle. „Und im Rollstuhl geht es auf den Rücken“, ergänzt Grams. Für die Fußgängerzone hat sich STeiGle schon vor Jahren für zwei geteerte Rollstuhlspuren eingesetzt. Zwar zieht sich inzwischen ein schmaler, nicht durchgängiger Teerstreifen durch die Hauptstraße, jedoch nicht wegen der Barrierefreiheit, sondern weil dort Bauarbeiten ausgeführt wurden.
Probleme gebe es nicht nur auf Gehwegen. Auch der Bahnhof und Bushaltestellen seien oft eine Hürde, berichten die drei. Zwar verfügt der Bahnhof über Aufzüge, barrierefrei sei er aber nicht: Die Bahnsteige seien zu niedrig für einen selbstständigen Einstieg. Grams muss stattdessen auf einen Zugbegleiter oder den Zugführer warten, der eine Faltrampe auslegt. „Manchmal kommt jemand – mir ist es aber auch schon passiert, dass keiner kommt“, berichtet er. Ähnlich bei Bushaltestellen: Fehlt ein Hochbord, muss der Busfahrer erst eine Rampe ausklappen. Laut Grams hätten die ersten zehn zentralen Bushaltestellen im Jahr 2022 umgebaut werden sollen – mitbekommen habe er davon nichts.
Zu wenige barrierefreie Toiletten
Und auch abseits des Verkehrs stößt Grams immer wieder auf Grenzen: auf der Suche nach barrierefreien Toiletten oder bei Festen in der Stadt. Dort würden Kabel oft durch Brücken abgedeckt, die für Rollstuhlfahrer zu hoch zum Überwinden sind.
Die Tour endet vor dem Rathaus. Das Gebäude sei immerhin barrierefrei, ebenso wie der Alte Zoll. Gegenüber steht eine Bank mit einem erhöhten Sitz und Haltegriffen, auch das erleichtert laut Klaus Kohle Menschen mit eingeschränkter Mobilität den Alltag. Bei dem gepflasterten Kirchplatz wurde zudem eine Rollstuhlspur eingezogen.
Dennoch bleibt aus Sicht der drei genug zu tun. „Es geht hier nicht um eine Komfortlösung, sondern um einen Anspruch“, sagt Grams. Denn die UN-Behindertenrechtskonvention, die heute, am 26. März, ihren Jahrestag hat, garantiert Menschen mit Behinderung die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.