25/03/2025
✍️Ein langer Text, aber wunderschön mit sovielen Eindrücken. Irene Burow ist Patin bei uns und war dieses Jahr auf der Reise dabei. Sie ist Journalistin und hat ihre Eindrücke für unseren kommenden Jahresbericht geschrieben.
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Pasang heißt unser Patenkind. Pasang, so heißen viele Kinder in Nepal, lassen wir uns erklären. Denn sie werden nach den Wochentagen benannt, an denen sie geboren werden. Pasang steht für Freitag. Unser Freitagskind ist zu uns gekommen, weil mein Mann Jörn Theissig und Miriam Bastug Kollegen sind. Schnell haben sich die beiden ausgetauscht über ihr ehrenamtliches Engagement und eben auch den Verein Schoolkids Kopan. Eine Patenschaft zu übernehmen, war für uns schnell klar. „Nicht lieber ein Mädchen?“, fragte ich zwar noch, wohlwissend, dass es vor allem Frauen sind, die die Welt zum Besseren wandeln. Doch der Zufall brachte im Herbst 2024 Pasang zu uns. „Wenn du den Frauen Bildung ermöglichen möchtest, müssen auch die Männer wissen, warum das so ist. Es geht nur beides zusammen“, erklärt uns Miriam. Das machte Sinn.
Pasang ist vier Jahre alt und bereits Halbwaise. Seinen Vater hat er vor zwei Jahren an Alkohol und Blutkrebs verloren und ihn nicht mehr bewusst kennengelernt. Auch der Mutter geht es nicht gut. Nur die Schule mit einem geregelten Alltag kann den Jungen vor allzu großem Elend bewahren. Er ist im April 2024 der jüngste Neuzugang an der Privatschule Manjughoksha Academy in Kathmandu.
Eine Patenschaft für ein fremdes Kind zu übernehmen ist ein komisches Gefühl. Man möchte Gutes tun, aber auch wissen, wohin das Geld fließt und ob es gut investiert ist. Deshalb habe ich gestaunt, dass viele Pateneltern des Vereins ihre Kinder noch nicht kennengelernt haben und es offenbar auch nie werden. Nur wenige kommen nach Kathmandu. Als mein Mann mich fragte, ob wir nach Nepal reisen wollen, musste ich aber nicht überlegen. Nepal zählte ohnehin zu den Top-Reiseländern auf meiner Wunschliste. Und so kam es, dass wir Wandern im Himalaya mit einer guten Sache verbinden konnten. Wir sind schon oft so gereist - nicht nur als Touristen, sondern im Zusammenhang mit Projekten. Ein Drittweltland war deshalb für uns nichts Neues, und dennoch war Nepal völlig anders.
Ich erwischte mich dabei, über den Müll, den Smog und die auf die Straße spuckenden Menschen so entsetzt zu sein, wie auf keiner Reise zuvor. „Doch wenn du Nepal lieben und bereisen willst, dann musst du es so nehmen, wie es ist“, sagte ich mir. Mit all den bettelnden Müttern und Kindern, mit den Gerüchen, den schrottreifen Autos, dem ständigen Lärm, dem tiefen Glauben, den schiefen Treppen und Bordsteinen, endlosen Baustellen und all dieser Unfertigkeit.
„Wer soll das alles hier mal aufräumen?“, ist eine zentrale Frage, die mich als deutsche Freundin der Ordnung sehr beschäftigt hat. Doch auch, wenn aus westlicher Sicht keine Ordnung erkennbar ist, heißt das nicht, dass es keine gibt. In Nepal machen die Menschen des Beste aus dem, was sie zur Verfügung haben. Und das ist nun mal nicht das gleiche wie in Europa. Das ringt uns großen Respekt ab. Wer soll das Land aufbauen, wenn nicht die Jugend mit einer bestmöglichen Bildung? Als Touristen Geld in das Land zu bringen und das Internat für ein Kind zu bezahlen ist das Beste, was wir in diesem Moment tun können. Das gibt uns die Ruhe und Gelassenheit, all das zu genießen, was die Nepalesen besser können als wir.
Die Reise mit dem Verein Schoolkids Kopan war denkbar einfach, schön und herzergreifend. Wir werden gebeten, so viele Schulsachen wie möglich in unsere Koffer zu nehmen. Und so bringen wir Federtaschen, Stifte, Malbücher und vieles mehr mit. Eine handvoll fremder Pateneltern hat sich auf diesem Weg am 5. März in Kathmandu zusammengefunden. In einem Restaurant im Stadtteil Boudha lernen wir uns kennen und erfahren von teils langjährigen Patenschaften.
Als wir zum ersten Mal an die Schule fahren steht eine kleine Abordnung bereit, um uns zu begrüßen. In Nepal legt man dafür feine Schleier auf die Schultern. Und wir alle ahnen da schon, dass es kein so leichter Besuch wird, wie wir dachten. Denn die Aufmerksamkeit, die uns geschenkt wird, die Dankbarkeit, ja fast schon Huldigung, ist uns unangenehm. „Wartet erst mal auf morgen“, sagt Miriam lachend, denn die ganze Schule ist in Bewegung, um auf ihre Art Danke zu sagen.
An diesem Tag ist an Unterricht nicht mehr zu denken. Wir verteilen unzähliges Schulmaterial, Basketbälle und Kuscheltiere in den Klassenzimmern und sehen in viele strahlende Kinderaugen. Alles quasselt durcheinander. Wir pusten Seifenblasen mit den Kindern in die Luft, halten viele Kinderhände. Pasang geht noch in den Kindergarten und wirkt sehr schüchtern. Er ist noch zu klein, um all das zu verstehen. Er spricht noch kein Englisch. Ich versuche es mit Geduld. Mein Mann ist da anders und nimmt sich den Vierjährigen einfach heraus und plappert mit ihm drauf los. Später sprechen wir mit seiner Mama Datti, die uns erzählt, wie Pasang aufgewachsen ist, dass er einen Bruder hat und gern Polizist werden möchte. Wir freuen uns, dass er gesund ist, Spaß in der Schule hat und Freunde findet. Sein größter Wunsch ist ein ferngesteuertes Auto.
Tags darauf finden wir uns mit viel Pomp auf dem Schulgelände wieder. Noch auf dem Schulparkplatz erklären uns Linda und Miriam vom Verein, dass wir die Situation einfach annehmen sollten, so skurril sie auch wirkt. „Für die Kinder ändert sich hier das ganze Leben. Sie wollen nicht immer nur nehmen, sondern auch etwas an die Sponsoren zurückgeben. Das ist nun mal der einzige Weg, wie sie das tun können. Lasst euch einfach darauf ein“, sagen die beiden fröhlich.
Und so sitzen wir wie Könige unter einem Sonnendach und sehen ein vielfältiges kulturelles Programm: tibetische und nepalesische Tänze, Reime und Kampfkunst, alles in bunten, wunderschön traditionellen Kostümen. Am Ende tanzen wir mit 500 Schülern in einer großen Traube über den Schulhof. „Wir sind tief beeindruckt von eurem Programm“, sagt mein Mann ins Mikrofon. „Normalerweise sind hier 500 Schüler und 32 Lehrer, doch heute sind hier 500 Lehrer für zehn deutsche Schüler“, bedankt er sich im Namen von uns allen.
Sein Aktionismus gegenüber Pasang zahlt sich schnell aus. Unsere Freude ist groß, als der Kleine an diesem zweiten Tag auf uns zugerannt kommt und sich mühelos umhertragen lässt. So schnell geht das also mit dem Elternwerden.
Am dritten Tag geht es mit hundert Kindern in einen Indoor-Trampolinpark. Möglich wurde dieser durch zwei Einzelspenden, erfahren wir. Tausend Euro, die so viel bewirken. Was für ein Spektakel für die Kids! Ich habe Mühe, mir die Tränen zu verkneifen bei dem Gedanken, dass das für viele Kinder ein einmaliges Erlebnis ist. Die Freude ist ihnen anzumerken. Unbeschwert klettern sie an den Wänden, um sich in ein Meer von Schaumgummi fallen zu lassen. Sie springen von Türmen, spielen Trampolin-Basketball und werfen mit Mini-Bällen um sich. Pasang flitzt munter durch die Halle und baut Türme mit Würfeln. Als es an der Zeit ist zu gehen, signalisiert er mir mit den Händen, dass er zum Essen geht. Ich freue mich sehr über diese kleine Geste.
Noch mehr Zeit haben wir am nächsten Tag, als alle Eltern mit ihren Patenkindern einen Ausflug zur Königsstadt Bhaktapur machen. Sie liegt östlich von Kathmandu und selbst die größeren Patenkinder sind hier zum ersten Mal. Wir alle fahren im Schulbus. Die Freude ist allen anzumerken. Wir sehen tolle Schnitzereien, Handwerk und großartige Tempelanlagen. Doch am Ende haben wir doch nur Augen für Pasang. Weil er zu klein ist, um die vielen Gassen abzulaufen, tragen wir ihn die meiste Zeit. Wir sitzen lange in einem Café und spielen mit ihm. Sein einziger Wunsch dort ist eine heiße Schokolade mit Sahne. Er trinkt sie löffelweise voller Genuss und wir sehen ihm fasziniert dabei zu. Auf der Rückfahrt schläft er in unseren Armen ein und Jörn fragt sich, ob er diese Art von Zuneigung überhaupt gewohnt ist. Wir hoffen es für ihn.
Wir verabschieden uns von ihm mit drei ausgedruckten Fotos, die wir von uns dreien und von ihm im Trampolinpark gemacht haben. Und ein ferngesteuertes Polizeiauto haben wir auch dabei, das er begeistert ausprobiert. Vielleicht wird er sich irgendwann daran erinnern.
Was bleibt, ist ein mulmiges Gefühl. Wir, die wir Geld geben, und die Familien mit ihren Kindern, die das Geld nehmen. Es ist ein so ungleiches Verhältnis. Doch müssen beide Seiten wirklich mit einem unangenehmen Gefühl aus der Sache gehen? Auf unserer Reise haben wir junge Erwachsene kennengelernt, die immer wieder von ihren Patenschaften geschwärmt haben. Ob sie die Personen kannten oder nicht. Sie sprachen von einer Dr. Helena aus Deutschland. Oder von Thomas, der in Deutschland in einer Bank arbeitet. „Ich werde ihm ewig dankbar sein“, erzählt uns ein junger Besitzer eines Gasthauses auf unserer Trekking-Route im Langtang Nationalpark. „Er hat mir so sehr geholfen im Leben, dass ich ihn meinen zweiten Vater nenne.“ Andere erzählen uns, dass aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich viel Hilfe kommt. Diese Erzählungen machen mich stolz. Da sind noch so viele Menschen mehr, die helfen. Die Nepalis merken sich das. Und wenn es das ist, was von diesem ungleichen Verhältnis bleibt, dann hat sich jeder Euro gelohnt.
Außerdem ist Nepal der westlichen Welt in anderen Dingen voraus. Diese lassen sich mit Geld gar nicht aufwiegen. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, aus solchen Ländern gesünder nach Hause zu kommen, als ich angereist bin. Das war auch diesmal so. Die Nepali sind freundlich, herzlich und zuvorkommend. Sie sind gastfreundlich, stehlen und lügen nicht. Der Buddhismus lehrt sie Gewaltlosigkeit. Sie meinen es nicht nur so, sondern sie leben das. Wir haben das überall gespürt und sind dankbar für diese Tugenden, die unvergleichlich sind mit unserer Welt. Als Frau in der Nacht unterwegs sein zu können in dem Wissen, dass mir nichts passieren wird, bewegt mich sehr. Das habe ich in keinem anderen Land der Welt erlebt.
Wir verlassen Nepal glücklich und erschöpft. Die vielen Eindrücke wirken noch lange nach. Wir sind tief beeindruckt vom Engagement der drei Powerfrauen, Linda und Miriam von Schoolkids Kopan in Deutschland sowie von der Schulleiterin Sonam in Kathmandu, mit der wir nach unserer Trekkingtour noch lange gesprochen haben. Sie alle geben 150 Prozent für die Kinder, und das schon über so viele Jahre. Die Finanzen werden zu 100 Prozent weitergereicht und versickern nicht in Bürokratie und Briefpapier. Wir konnten das live erleben. Die Frauen packen an, sind transparent, effektiv und menschlich so zugänglich und kompetent. Und das bei vielfältigen familiären, gesellschaftlichen und politischen Problemlagen in Nepal, die eher mehr denn weniger werden.
Unser Geld ist bei diesem Verein gut aufgehoben, sind wir uns sicher. Hier läuft alles so, wie man es erwarten kann und wir empfehlen das Projekt noch in Nepal weiter. Die Frauen sind täglich in Kontakt und vertrauen sich blind. Einmal im Jahr sehen sie sich in Nepal und erledigen in wenigen Tagen mit großem Aufwand, was möglich ist. Die Post der Pateneltern aus Deutschland wird persönlich vorbeigebracht, die Kinder schreiben klassenweise ihre Antworten. Dieses Mal waren wir dabei. Die Akribie ist bewundernswert. Keine Verbindung soll vergessen werden. Jedes Kind, jedes Elternteil soll etwas vom jeweils anderen haben. Wenigstens einmal im Jahr. Denn ein Austausch auf dem Postweg ist nicht sicher möglich.
Das effektive Arbeiten des Vereins wird für uns auch dadurch deutlich, dass er nicht wachsen will. Die Kapazitäten sind ausgeschöpft. Denn je mehr Patenschaften oder Ehrenamtler es gibt, desto mehr Arbeit entsteht. Einen größeren Kreis wollen die Frauen nicht ziehen. „Was wäre, wenn eine von euch beiden ausfallen würde?“, fragt eine Teilnehmerin während unserer Patenreise. „Wer, Linda oder ich? Das geht auf gar kein
en Fall“, ruft Miriam zu Linda herüber und lacht. „Das ist einfach ausgeschlossen.“