02/01/2026
Unser HAPPY NEW YEAR Brief zum Jahreswechsel
Liebe Mauerseglerfreunde und -freundinnen!
Wieder einmal ist unser Weihnachtsbrief eher ein Brief zum Jahresbeginn. Es fällt uns nicht leicht, an Weihnachten zu denken, wenn noch 145 Segler die Boxen füllen und nahezu rund um die Uhr versorgt werden wollen. Bei der Geräuschkulisse singender Jungsegler und zirpender Altvögel kommt einfach keine Weihnachtsstimmung auf, und das Weihnachtsbäumchen im Treppenhaus hat eher etwas Anachronistisches. Auch Henry of the Basement, selbstbewusster Vorjähriger und etablierter Platzhirsch, beäugt den blinkenden Weihnachtsstern zu seinen Häupten mit einem gewissen Missmut. Henry of the B. hat mir jetzt auch aufgetragen, mich kurz zu fassen, allen Leserinnen und Lesern zu wünschen, schöne Feiertage gehabt zu haben, und seine Zusammenfassung zur Saison 2025 anzufügen: Hitze, Hunger, Stress.
Sir Henry, sage ich, so geht das nicht, unsere Leserschaft möchte es ein bisschen genauer wissen. Henry of the B. schweigt, vertilgt genießerisch die Grillen, die ich ihm reiche, und freut sich, dass Paulus und Pigolino nebenan gegen die Wände rennen, weil sie auch Grillen wollen. Der kleine Melek in der Etage unter ihm reckt den Hals, leckeres Fingerfood liebt er ebenfalls. Sein hinreißender Augenaufschlag sorgt dafür, dass er es auch bekommt.
Wie haben wir diesen Horrorsommer überlebt, Sir Henry, frage ich. Er hebt resigniert die Schultern: Haben wir? - Dabei begann es wie immer. Überweisungen aus den Pflegestellen seit Jahresbeginn und erfolgreiche Flugverfrachtungen in den Süden. Ende April treffen die ersten Neuen ein: Altsegler, die, kaum zurück aus Afrika, Unfälle erlitten oder beim erbitterten Kampf um die immer rarer werdenden Nistplätze böse Blessuren davongetragen haben. Oder unerfreuliche Begegnungen mit Greifvögeln, Katzen und anderem Gelichter hatten. Das Notfalltelefon steht nicht still. Im Mai nehmen wir 97 verletzte adulte Mauersegler auf, 98 im Juni. Wundversorgung, Osteosynthesen und Stützverbände sind an der Tagesordnung. Leider auch Euthanasie: Viele Segler sind so schwer verletzt, dass wir sie nur noch sanft erlösen können.
Floryk, das erste Baby, trifft am 11. Juni ein. Zwei Tage später kommen Zoltani, Loki, Aemon, Jonquille, Amory, Brienne und Sarah. Floryk verschwindet in einem herzallerliebsten Gewusel roséfarbener Stachelwürmchen. Henry of the B. verdreht genervt die Augen. Er weiß, wie es weitergeht. Der Juni beschert uns 333 Patienten, zumeist Nestlinge, im Juli sind es 382. Steigen die Temperaturen, fallen die Mauerseglerbabys. Ihre Nisthöhlen werden zu Glutöfen. Lieber springen sie in die Tiefe, als den grausamen Hitzetod zu erleiden. Wer Glück hat, ist sofort tot. Die Überlebenden finden sich auf kochendem Asphalt wieder oder in den Fängen wartender Prädatoren. Aber einige werden auch gefunden, gerettet und zu uns gebracht. Doch bald sind wir gezwungen, aufgrund der unbewältigbaren Zahl von Neueinlieferungen einen Aufnahmestop zu verhängen. Statt 70 Neuen pro Tag kommen dann „nur noch“ 20...
Der Sommer wird zu einem einzigen, leider realen Alptraum. Im Juli erreichen wir einen Peak von über 500 stationären Seglern. Zu viele, und wir sind zu wenige, um alle versorgen und füttern zu können, und täglich werden es mehr. Überall ist es so, in ganz Europa. Pflegestellen und Privatpäppler gehen in die Knie. Wie viele Segler draußen sterben, möchten wir nicht wissen. Die internationale Presse spricht alarmiert von der „Swift Apocalypse“. Der Klimawandel wird mit extremen Temperaturen nun auch Seglern und anderen Gebäudebrütern zum Verhängnis.
In der Mauerseglerklinik können die ersten flüggen Jungsegler freigelassen werden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn weiterhin „regnet“ es neue Patienten. Die täglichen Massenstarts im Juli sind teuer bezahlt. Startvorbereitungen kosten Zeit, die dann beim Füttern der verbliebenen Segler fehlt. Auch tierärztliche Tätigkeiten nehmen wieder mehr Raum ein, denn viele Neuankömmlinge sind verletzt: Frisch ausgeflogene Jungsegler haben eine hohe Unfallrate.
Henry of the B. spuckt eine Grille aus und bemängelt, dass deprimierende News ihm den Appetit verderben. Wir haben 551 Segler freigelassen, darauf können wir stolz sein, Sir Henry, betone ich. Geht doch, brummt er. Und so denke ich an schöne Erlebnisse, wie z.B. an den triumphalen Start des Altseglers Garibaldi kürzlich unter südlicher Sonne. Als Garibaldi zu uns kam, war er von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze mit Bauschaum verklebt. Ihn retten zu können war ein Sieg über menschliche Brutalität und Verrohung und für Garibaldi ein zweiter Geburtstag. Horizon überlebte eine Elsterattacke und konnte nach Ausheilung seines schweren Schädel-Hirn-Traumas wieder freigelassen werden. Kiran traf mit einer großflächigen Rückenwunde ein, die chirurgisch versorgt wurde. Es dauerte Monate, bis das Rückengefieder nachgewachsen war. Ende August durfte er wieder starten. Mit ihm kehrte Cyrano in die Freiheit zurück, Altsegler aus Leipzig, überwiesen von der Uni-Vogelklinik. Ich freue mich noch heute, dass wir seine Augenverletzung erfolgreich therapieren konnten.
Die Jungsegler starten zumeist wie am Fließband auf der Straße vor der Klinik. Wir agieren lautlos und verständigen uns durch Handzeichen, des ortsansässigen Falken wegen. Henry of the B. schnupft, blöd ist der blöde Falke nicht! Stimmt. Irgendwann entdeckt er die Startbahn Buchenstraße, und nun müssen wir wieder rüber ins alte Griesheim pilgern, um unsere Vögel dort freizulassen. Was erheblichen Mehraufwand bedeutet. Doch es erfreut die Anwohner! Eine ältere Frau lehnt sich regelmäßig an der Straßenecke aus dem Fenster und wird zur Startexpertin. Ebenso drei Jungs, die mit großem Eifer und Elan beim Starten helfen. Unvergessen ist der Tag, als Floki in einen Garten plumpst und wir mehrere Zäune überwinden müssen, um ihn da rauszuholen. Das schaffen die drei Jungen mit links und lachen uns von der Zaunkrone aus an.
Im September gibt es merklich weniger Startaspiranten. Immer mehr Jungsegler bleiben wegen Gefiederschäden zurück. Viel zu früh bricht das Wetter ein. Am 19. September ist zum letzten Mal ein Start von Frankfurt aus möglich: Take-off für Jocelyn, Jesse, Amir und Brego! Es ist eine konzertierte Aktion, denn an diesem schönen Tag starten viele Pflegestellen in Deutschland ihre letzten flugbereiten Schützlinge.
Mit 173 zurückbleibenden Seglern beginnt unsere Nebensaison. Jetzt, Ende Dezember, haben wir schon zwei Flugverfrachtungen hinter uns, doch das horrende Arbeitspensum bleibt gleich. Diverse Pressetermine und die Verleihung des Deutschen Tierschutzpreises für die Mauerseglerklinik mildern hoffentlich den akuten finanziellen Notstand, den die Horrorsaison 2025 uns beschert hat. Und damit – ich bemerke, dass Henry of the B. mit dem Flügel winkt – möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, bitten, die Mauersegler nicht zu vergessen und uns zu helfen, eine Saison 2026 zu realisieren. Noch nie haben die Mauersegler so dringend Hilfe gebraucht. Das beweisen die 990 Patienten unserer Klinik im Jahr 2025. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben.
Ihnen alles erdenklich Gute zum Jahresbeginn! Herzlichen Dank all denen, die uns seit Jahren durch aktive Mithilfe, Spenden oder Zuwendungen unterstützen! Danke unserem stärksten und ältesten Partner, der Stiftung Pro Artenvielfalt! Auch allen anderen Organisationen, Institutionen, Lieferanten, Sponsoren und Privatpersonen, die uns helfen und finanziell zur Seite stehen, sagen wir vielmals danke. Ebenso unseren Angestellten, den Volunteers, den Mitgliedern und den angeschlossenen Pflegestellen. Insbesondere danken wir auch unserem Steuerbüro für die langjährige zuverlässige Betreuung. Und der Facebook-Gruppe "Mauersegler-Notfälle" sowie den Mauerseglerkurieren danke für die gute Zusammenarbeit und eine unvergessliche Care-Kiste!
Wir brauchen ganz dringend weitere Mitglieder, Spender (das geht ganz easy via PayPal!) und Helfer hier in der Klinik. Und natürlich, Sir Henry, einen Sponsor für Deine Extragrillen!
Es grüßt Sie herzlich zum neuen Jahr
Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler e.V. und – im Namen unserer Patienten - Henry of the Basement!