13/08/2026
13. August 1973, 6:00 Uhr morgens in Neuss: Die Fließbänder im Pierburg-Werk stehen still. Denn an diesem Morgen verweigern vor allem migrantische Arbeiterinnen die Arbeit.
Sie verlassen ihre Plätze am Fließband und gehen vor das Werkstor. Ihr Protest richtet sich gegen niedrige Löhne der sogenannten Leichtlohngruppe 2, gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen und fehlenden Respekt. Was als kleiner Protest beginnt, wächst innerhalb weniger Stunden zu einem Massenstreik. Trotz Polizeigewalt und Einschüchterung bleiben die Arbeiterinnen und Arbeiter vier Streiktage standhaft.
Der entscheidende Moment kommt, als sich deutsche Facharbeiter mit ihnen solidarisieren. Gemeinsam legen sie die Produktion lahm und zwingen die Unternehmensleitung zu Verhandlungen. Am Ende steht ein Erfolg: bessere Bezahlung, die Abschaffung der Leichtlohngruppe 2 und keine Entlassungen.
Der Streik bei Pierburg ist Teil des großen Streikjahres 1973. In der gesamten Bundesrepublik beginnen vor allem sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, sich gegen Ungleichbehandlung zu wehren. Viele von ihnen arbeiten unter härteren Bedingungen für weniger Lohn und erfahren zusätzlich Ausgrenzung und Rassismus.
Der Ort zeigt, was Streik in einer Demokratie bedeuten kann: Rechte entstehen nicht von selbst, sie werden eingefordert, verteidigt und gemeinsam durchgesetzt. Heute erinnert das ehemalige Pierburg-Werk daran, dass demokratische Teilhabe auch am Arbeitsplatz beginnt.
Bild: Aus Braeg, Dieter (2012). Wilder Streik - das ist Revolution. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973, Die Buchmacherei: Berlin, S. 149.