19/06/2026
Auf einer Raststätte zwischen Barcelona und Valencia an der Ostküste Spaniens treffen wir auf einen Transporter, der Hühner geladen hat. Zu Hunderten, nein Tausenden sind die Tiere in enge Metallkäfige mit verbogenen Stangen gezwängt. Der Anblick, der sich uns bietet, ist erbärmlich. Ihr abgerupftes Federkleid lässt Rückschlüsse auf die Zustände schließen, unter denen die Tiere ihr Leben bis zu diesem Zeitpunkt geführt haben müssen. ,Ausgediente Legehennen‘ werden sie in der Landwirtschaft genannt. Ausgedient deshalb, weil ihre Legeleistung nach ca. 1,5 – 2 Jahren abnimmt und sie dann nicht mehr rentabel für die Betriebe sind, die ihr Geld mit dem Verkauf ihrer Eier verdienen. Und nur wer Profit bringt, hat ein Recht auf Leben. Zumindest im Fall dieser Tiere.
Als wir unsere Runden um den Transporter drehen, die Tiere in Augenschein nehmen und den Zustand der Käfige untersuchen, fällt unser Blick auf eine Henne: ihre Augen sind geschlossen, ihr zerbrechlicher Körper ist seitlich gegen die Käfigwand gepresst, ihr Kopf hängt halb herab. Noch lebt sie, doch wir können sehen, wie ihre Kraft langsam schwindet. Wir geben ihr den Namen Clara. Ganz leise flüstern wir ihn ihr zu. Diese Geste hat für sie selbst weder eine Bedeutung, noch wird sie den Verlauf ihres unmittelbar bevorstehenden Schicksals ändern. Doch sie ist Sinnbild dafür, dass wir ihr Leiden sehen, ihren Kampf, bis hierher nicht aufgegeben zu haben, bewundern und sie als das Individuum anerkennen, das sich ebenso durch ihre Einzigartigkeit auszeichnet wie jeder Mensch.