12/09/2025
Infos zum Buch "Wir geben uns auf" vom Carl-Auer Verlag: https://qr.de/9783849706135
Wir geben uns auf
KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit: Ein Plädoyer für die Entfaltung menschlicher Kreativität und den Schutz der schöpferisch Tätigen.
Journalismus, Literatur, Bilder, Filme, Musik: Die Nahrung für unsere Hirne und Herzen kommt aus dem WLAN. Wer weiß schon, wie sie dort hinkommen, wie sie geschaffen werden und von wem?
Kulturelle Arbeit hat es schwer in der Digitalität, und die, die sie leisten, zumal. Generative KI ist dafür sicher nicht die alleinige Ursache, sondern eher Brandbeschleunigerin für Prozesse, die seit Jahrzehnten laufen: eine schleichende Entwertung der Wissensarbeit und von Kreativität zugunsten von digitalen Adhoc-Angeboten.
Matthias Hornschuh, Komponist und branchenpolitischer Akteur, unter anderem für die Initiative Urheberrecht sowie im GEMA-Aufsichtsrat, zeigt in seinem Essay „Wir geben uns auf. KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit“ die volkswirtschaftliche und existenzielle Bedeutung geistigen Schaffens auf, die in der schöpferischen Tätigkeit menschlicher Wissensarbeit gründet. Wollen wir digitaler Technologie den zentralen Platz in unserer Kommunikation einräumen, die ohne menschlichen Geist gar nicht zu funktionieren vermag? Der Einschüchterung, ja Angst, die eine auf schnell erfassbare Oberflächenreize optimierte, hochkomplexe Welt hervorruft, setzt Hornschuh eine grundlegende Orientierung entgegen: Ideelle Wertschöpfung ist kein Luxus. Wir können und dürfen es uns nicht leisten, sie wie nebenbei aufzugeben.
Als Aktivist in Sachen Urheberrechte liefert Hornschuh mit seinem Text eine Grundlage, auf der ernsthaft über die Grenzen von KI in der Wissensarbeit nachgedacht werden kann und liefert harte Argumente zum Schutz der schöpferisch Tätigen, weit über die Kultur hinaus. Am Beispiel der Musik beschreibt er, wie menschliche Kreativität „funktioniert“ und warum es so schwer ist, von ihr zu leben. Am konkreten Beispiel der Musikbranche wird sehr konkret nachvollziehbar, was wir alles zu verlieren drohen, wenn wir der KI und ihren machtpolitischen Treibern aus Politik und Wirtschaft das Feld überlassen.
Ein paar Fragen und wichtige Thesen aus dem Buch:
-> Was KI besonders gut kann, ist das schnelle, weil automatisierte Abarbeiten standardisierter Prozesse; Menschen können da quantitativ und vom Tempo her nicht mithalten. Für solch generische Prozesse werden Menschen in Zukunft
vermutlich weniger benötigt. Was KI nicht kann, ist Regelbruch. Schon deswegen ist es ihr unmöglich, originär Neues zu schaffen – zu innovieren also. Gerade künstlerisch ausgebildete Menschen aber verfügen über die Fähigkeit, Unvorhergesehenes, nicht Regelhaftes unwillkürlich als neuen Kontext zu behandeln statt als Fehler. Und genau in diesem Moment verändern sie alles, schaffen Neues und sind im engsten Sinne schöpferisch kreativ.
-> Wir sollen also den Maschinen das Denken überlassen: Cognitive Offloading nennt sich das Prinzip; die Rückwirkungen auf kritisches Denken sind Gegenstand umfassender Forschung. Bisherige Ergebnisse geben Anlass zu großer Sorge.
-> Benutzen wir die KI – oder sie uns?
-> Westliche Gesellschaften neigen immer mehr dazu, das Denken und Empfinden geringzuschätzen, damit schöpferische Tätigkeit zu entwerten und so denjenigen, die sie leisten, den materiellen Anreiz und die gesellschaftliche Anerkennung vorzuenthalten, die kulturelle Arbeit wirtschaftlich tragfähig machen und auf professionellem Niveau erst ermöglichen. Als Wissensgesellschaft können wir uns diesen Verlust nicht leisten;
-> Eine Wissensgesellschaft ohne Wissensarbeit ist zum Scheitern verdammt.
-> Wir bewegen uns auf eine Oberflächenwelt zu, in der die kulturellen, künstlerischen, medialen Gegenstände nur noch »gut genug« sein müssen, aber nicht mehr gut, in der es nicht mehr darum geht, sie zunächst herzustellen und anschließend zu besitzen, sondern darum, immer und von überall her über sie zu verfügen.
-> Letzten Endes geht es gar nicht um unsere Worte, unsere Bilder, unsere Musik, unsere Kunst. Es geht um unser aller Lebensgrundlagen. Es geht um unsere Identität und um unsere Existenz als Europäer in einer freiheitlichen Demokratie.