17/10/2026
Offener Brief von Peter Müller an DB-Chefin Evelyn Palla:
„Sehr geehrte Frau Palla,
am 12.10.2026 wurde der Anstich des umstrittenen Pfaffensteigtunnels mit großem Aufwand gefeiert. Angesichts klammer Kassen bei der Bahn und den Kommunen sei schon die Frage erlaubt, ob dieser Pomp zulasten des Steuerzahlers notwendig war.
Dass Sie dann auch noch nach der offiziellen Feier fluchtartig den Schauplatz des Geschehens verließen und sogar ein dem SWR bereits zugesagtes Interview verweigerten, wirft die Frage auf, wovor Sie Angst hatten.
Ist es der Nutzen-Kosten-Faktor von 0,27 für den Tunnel, der durch Steffen Bilgers Trick, den gesamten zweigleisigen Ausbau der Gäubahn (mit Güterverkehr) einzubeziehen, um auf einen NKF über 1 zu kommen kaschiert wurde? Dabei werden im Pfaffensteigtunnel selbst niemals Güterzüge fahren!
Sind es die Kosten, die laut Infraplan des Bundesministeriums für Verkehr bereits vor dem Tunnelanstich um 800 Millionen Euro auf knapp 3 Mrd. Euro explodiert sind?
Übrigens rechnet die Deutsche Bahn selbst für den etwas kürzeren Tunnel Offenburg bereits mit 3,8 Mrd. Euro. Also ist durchaus mit weiteren Kostensteigerungen zu rechnen, deren Finanzierung ungeklärt ist. Der Bund stellt bisher nur 1,69 Mrd. Euro zur Verfügung. Ähnlich wie bei Stuttgart 21 könnte dann die Bahn wieder auf den Mehrkosten sitzenbleiben.
Dabei haben sowohl Sie als auch Verkehrsminister Bilger gesagt, man habe aus Stuttgart 21 gelernt. Davon ist im Zusammenhang mit dem Pfaffensteigtunnel jedoch nichts zu spüren.
Bei Ihrem Amtsantritt im Dezember 2025 versprachen Sie absolute Transparenz im Zusammenhang mit Großprojekten der DB. Die Taktik, die Sie aber jetzt verfolgen ist das ganze Gegenteil von Transparenz und setzt die Verfahrensweise Ihrer Amtsvorgänger Dürr, Mehdorn, Grube und Lutz lückenlos fort. Ich verweise an dieser Stelle auf die Geheimhaltung des Berichts zu Stuttgart 21.
Mit dem Pfaffensteigtunnel werden nun weitere Milliarden Steuergeld ohne erkennbaren Nutzen vergraben. Zwar versprechen Sie und auch Steffen Bilger Fahrzeitverkürzungen von bis zu 15 Minuten zwischen Stuttgart Hauptbahnhof und Flughafen, vergleichen aber dabei Äpfel mit Birnen. Für die bisherige Fahrzeit zieht man die Fahrzeit der S-Bahn mit 10 Zwischenhalten heran und stellt dann die Fahrzeiten von ICE und IC gegenüber. Mit Ehrlichkeit hat das nichts zu tun.
Außerdem vergessen Sie zu erwähnen, dass sich auch die Züge der Gäubahn in den mit nur 8 Gleisen deutlich unterdimensionierten Tiefbahnhof einfädeln müssen. Dass der schräge Tiefbahnhof unterdimensioniert ist, gibt zumindest das Verkehrsministerium Baden-Württembergs indirekt zu, indem es den Ausbau des sogenannten Nahverkehrsdreiecks fordert. Das hat aber zur Folge, dass sich die Reisezeiten bei Umstiegen vom Regional- in den Fernverkehr und umgekehrt deutlich verlängern, weil die Reisenden dann erst von Bad Cannstatt, Stuttgart-Vaihingen oder Feuerbach mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof fahren müssen. Damit verlieren Sie den Zeitgewinn durch die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm wieder. Der Tiefbahnhof selbst bringt ja keinen oder nur sehr minimalen Zeitgewinn.
Allein deshalb müsste die Deutsche Bahn den Kopfbahnhof erhalten, um die bisherigen kurzen Umsteigezeiten zwischen Fern- und Regionalverkehr auch zukünftig zu sichern. Leider ignorieren Sie und auch die zuständigen Politiker diese Tatsache und beschränken Ihre Aussagen nur auf Züge des Fernverkehrs.
Kritiker von Stuttgart 21 haben Ihnen bereits mehrfach angeboten, an einem runden Tisch mit Vertretern aus Bahn und Politik die Probleme des Projekts Stuttgart 21 inklusive Pfaffensteigtunnel zu erörtern und an sinnvollen Lösungen mitzuarbeiten.
Sie aber zeigen sich beratungsresistent und ignorieren die Argumente von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Bahnsachverständigen genau wie Ihre Vorgänger.
Zu guter Letzt noch ein paar Worte zum "Digitalen Knoten Stuttgart" (DKS):
Hier versprechen Sie durch die Digitalisierung eine Kapazitätssteigerung um 30 bis 35 %. Von anderen Stellen ist aber zu erfahren, dass das European Train Control System (ETCS) einzig und allein der Erhöhung der Sicherheit dient und zu keiner Leistungssteigerung der Gleise führt. Ich zitiere an dieser Stelle aus einem Dossier der Schweizer Lokführergewerkschaft VLSF von 2024: "ETCS erhöht in keiner seiner aktuellen Betriebsarten die Kapazität der Gleise. Im Gegenteil werden aufgrund der restriktiven Normen und Toleranzen das defensive Fahrverhalten des Lokpersonals vorausgesetzt, was direkt zu Kapazitätseinbußen führt.
Der ehemalige Vorsitzende der Geschäftsleitung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), Benedikt Weibel bestätigt diese Aussage.
Auch die Firma ALSTOM, die zur Zeit das Hamburger S-Bahn-Netz mit ETCS ausrüstet, geht nach Aussage von leitenden Angestellten nicht von einer Kapazitätsteigerung aus.
Damit stehen Sie mit Ihrem Versprechen von erheblich mehr Leistung durch ETCS ziemlich allein auf weiter Flur.
Sie ignorieren also auch weiterhin alle Warnungen aus der Fachwelt und versprechen durch den Bau und die vielleicht irgendwann erfolgende Inbetriebnahme das Blaue vom Himmel. Seriös ist das mit Sicherheit nicht. Apropos Sicherheit - auch bei diesem Thema, speziell beim Brandschutz gehen Sie allen kritischen Fragen aus dem Weg. Wie beim Berliner Flughafen wird Ihnen aber auch dieses Thema irgendwann auf die Füße fallen und es wird zu weiteren Verschiebungen der Inbetriebnahme kommen. Ob dann 9 Jahre, wie beim BER ausreichen, wird sich zeigen.
Spekulieren Sie deshalb darauf, dass Sie sich dann bereits im hochdotierten Ruhestand befinden und mit dem Finger auf andere zeigen können?
Hochachtungsvoll
Peter Müller“
Bild veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Klaus Gietinger (Palla und CDU-Politiker beim Pfaffensteigtunnel-„Tunnelanstich“ am 12.10.26 am Flughafen Stuttgart)