02/05/2026
Bewegender Austausch mit NS-Nachfahren
Es war eine Geschichtsstunde der besonderer Art für die Schülerinnen und Schüler der Marienschule in Euskirchen. Aus Hamburg waren zwei Zeitzeugen des Naziregimes angereist, um an zwei Tagen jeweils rund 50 Schülerinnen und Schülern der Stufe 10 sowie den Gästen von Schulleiter Michael Mombauer von ihrer persönlichen Familiengeschichte zu erzählen. Es war mucksmäuschenstill in der großen Aula, als Bernhard Esser sichtlich bewegt von der Verhaftung und Folter seines Vaters und dem Tod seines Onkel Alwin erzählte, der 1933 im Alter von 21 Jahren von der Gestapo im Konzentrationslager Fuhlsbüttel in Hamburg erschlagen worden war. Der Vater hatte Glück gehabt und später das Konzentrationslager Neuengamme überlebt. Diese Geschichte seiner kommunistischen Familie hat den heute 82jährigen Nachfahren eines Naziopfers nicht losgelassen. Gerade heute, so bittet er die SchülerInnen, müsste ihre Generation wachsam bleiben, es dürfe in Deutschland nicht noch einmal soweit kommen wie 1933, als die N***s die Macht ergriffen. Denn die Jahre zwischen 1933 und 1945 seien kein „Vogelschiss der Geschichte“, wie der Ehrenvorsitzende der AFD, Alexander Gauland, einmal behauptet hatte. Man müsse unsere Demokratie um jeden Preis verteidigen.
Bernard Esser unternimmt solche Besuche an Schulen wider das Vergessen gemeinsam mit Barbara Brix. Der ehemaligen Lehrerin fällt die Erzählung ihrer Familiengeschichte weitaus schwerer. Mit manchmal stockender Stimme gesteht sie vor den gebannt lauschenden Schülerinnen und Schülern ihren Zwiespalt im Andenken an ihren Vater. Sie hatte ihn erst nach Flucht und Vertreibung aus dem ehemaligen Schlesien in einem Flüchtlingslager in Lünen kennen- und später auch lieben gelernt. Denn Dr. Peter Kroeger war ein aufmerksamer, zugewandter Vater, der mit seinen drei Kindern spielte, ihnen Geschichten vorlas und bei den Schulaufgaben half. Barbara Brix war schon 65 Jahre, als dieses Bild des liebevollen Vaters für sie zerbrach. Barbara Brix musste erfahren, dass Peter Kroeger als Arzt bei der sogenannten Einsatztruppe C war, einer Einheit aus Polizei und SS, die in den von den N***s eroberten Ostgebieten 1,3 Millionen Menschen ermordet hatten, Menschen, die in den Augen der N***s wie Juden, Sinti und Roma Untermenschen oder als Kommunisten Feinde des Regimes waren. Barbara Brix recherchierte danach weiter und weiß aufgrund der vorhandenen Dokumente, dass ihr Vater Massenerschießungen zumindest beiwohnte oder sogar selbst daran beteiligt war.
Barbara Brix und Bernhard Esser hatten nach Euskirchen auch alte Familienfotos mitgebracht, die sich viele Schülerinnen und Schüler zum Ende der Veranstaltung noch einmal aus der Nähe ansahen. Geduldig beantworteten Bernhard Esser und Barbara Brix alle Fragen zu ihrer Familiengeschichte und der NS Zeit, aber auch die Frage, warum sie sich in ihrem Alter die Strapazen der Reisen und Vorträge noch zumuten. Es sei ihnen wichtig, so Bernhard Esser, die Erinnerung wach zu halten, sie schöpften Kraft aus dem Austausch mit den jungen Leuten. Und deshalb, ergänzte Barbara Brix, wollten sie auch weitermachen, wenn es sein müsste, bis zu ihrem Lebensende.
Möglich gemacht haben die besonderen Geschichtsstunden die Marienschule Euskirchen und die beiden Rotary Clubs Euskirchen und Euskirchen-Burgfey. Mit den Rotariern gab es nach den Vorträgen ein gemeinsames Mittagessen mit einem regen Austausch über die Verantwortung jedes Einzelnen für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt.