04/11/2026
Heute jährt sich die Selbstenttarnung des NSU (‚Nationalsozialistischer Untergrund) zum 15. Mal.
Am 4.November 2011 wurde öffentlich, was Hinterbliebene, Überlebende und Betroffene längst und über Jahre vermutet hatten: Hinter der Mordserie stand der 'NSU' - und damit mörderischer, rassistischer Terror, der über Jahre ungestört wüten konnte. Nicht etwa konsequente, polizeiliche Ermittlungen haben diese Taten aufgedeckt, sondern der sogenannte NSU enttarnte sich selbst, weil sich zwei Neonazis nach einem gescheiterten Banküberfall das Leben nahmen.
Davor waren die Familien – nachdem ihnen ihre Ehemänner, Väter, Brüder und Freunde genommen wurden – Verdächtigungen der Ermittlungsbehörden ausgesetzt. Statt zu trauern und auf die Strafverfolgung des Staates vertrauen zu können, sahen sie sich rassistischen Vorurteilen und Ermittlungsmethoden ausgesetzt, die die Getöteten kriminalisierten und ihnen sowie ihren Familien eine Mitschuld daran gaben, dass ihnen das Leben genommen wurde. Auch die mediale Verhandlung der Taten war geprägt von rassistischen Stereotypen, diskriminierenden Bezeichnungen der Morde und der Verweigerung, die Perspektive der Betroffenen ernst- und auf zunehmen. Dabei erkannten diese selbst früh, dass die Anschläge und Morde aus einem rassistischen Motiv heraus erfolgt sind und miteinander zusammenhingen. So organisierten sie 2006 die Demonstration "Kein 10. Opfer" (s. Foto).
Der NSU ermordete Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Bei drei Sprengstoffanschlägen wurden zahlreiche Menschen verletzt und traumatisiert. Zu ihnen gehörte Atilla Özer, der den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße überlebte und 2017 an dessen Spätfolgen starb. Auch nach den brutalen Banküberfällen des NSU leiden Menschen bis heute an den Folgen.
Das sind die Opfer und Betroffenen, von denen wir wissen. Der , NSU-Komplex ist bis heute nicht vollumfänglich aufgeklärt. Es ist von einer Vielzahl an Unterstützer*innen auszugehen, die nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Vieles von dem, was wir wissen, ist der stetigen Aufklärungsarbeit der Familien und ihren Nebenklagevertreterinnen im NSU-Prozess zu verdanken sowie antifaschistischen Strukturen und Einzelpersonen wie NSU-Watch, die den Prozess akribisch begleitet, aufgearbeitet und eingeordnet haben.
Mit dem 4.11.2011 begann für die Familien und Freundinnen der von dem NSU getöteten Menschen sowie für die Überlebenden der rechtsterroristischen Sprengstoffanschläge in Nürnberg und Köln eine Zeit, in der endlich auch staatliche Stellen anfingen, die rassistische und neonazistische Ideologie hinter den Taten ernst zu nehmen und zu ermitteln. Abdul Kerim Şimşek, Sohn des 2000 ermordeten Enver Şimşek, sagt: „Von einem auf den anderen Tag konnten wir Opfer sein. […] Endlich konnte ich sagen: N***s haben ihn umgebracht.“�
Mit der Selbstenttarnung passen die Behörden - gezwungenermaßen - ihren Fokus an. Dies hat jedoch nicht zu einer vollständigen Aufklärung geführt. Noch heute fordern daher Betroffene und Familien, die vollständige Aufklärung und Auflösung des NSU-Komplexes! Dieser Forderung schließen wir uns an. ��
Und heute?��
Das Auffliegen des NSU-Komplexes wird häufig als Zäsur bezeichnet. Rechter Terror und ein derartiges Behördenversagen sollte sich nicht wiederholen. Dies ist nicht gelungen: Es folgten die rechtsterroristischen Anschläge in München (OEZ), Halle und Hanau sowie der Mord an Walter Lübcke. Rechte Gewalt erreicht seit Jahren deutschlandweit Höchststände. Forderungen, die sich aus NSU-Untersuchungsausschüssen ergaben, sind nicht vollständig umgesetzt. So sollte die Perspektive der Betroffenen eine stärkere Rolle in der Arbeit von Ermittlungsbehörden spielen. Aus unserer täglichen Arbeit als Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt wissen wir, dass dies auch heute stark von den zuständigen Beamt*innen abhängt. In Thüringen gibt es noch immer keine Schwerpunkstaatsanwaltschaft Hasskriminalität.
Eine Konsequenz der NSU-Aufarbeitung sollte auch die Überprüfung der „Todesfälle mutmaßlich rechter Gewalt in Thüringen seit 1990“ sein. Das entsprechende Gutachten wurde im Mai 2026 stark geschwärzt veröffentlicht. Die offizielle Anerkennung der 9 weiteren Todesopfer rechter Gewalt in Thüringen steht noch immer aus. Voraussichtlich soll diese im Dezember 2026 im Thüringer Landtag behandelt werden.
Eines der zur Anerkennung empfohlenen Todesopfer ist Rolf Baginski. Er wurde, gemeinsam mit seinem Sohn Mike, durch Neonazis brutal angegriffen. Einer der Täter, Michael See, soll zum NSU-Umfeld gehören und V-Mann für den Verfassungsschutz tätig gewesen sein. Rolf Baginski als Todesopfer rechter Gewalt anzuerkennen, wäre ein weiterer Beitrag, den NSU-Komplex aufzulösen.
Die Aufarbeitung ist noch lange nicht vorbei. Es darf auch weiterhin keinen Schlussstrich geben.