05/04/2026
Der Osterhase und Nupsi – Ein Gespräch über einen Menschen, den sie nicht vergessen können
Der Osterhase saß auf einem umgestürzten Baumstamm und sortierte seine bunten Eier.
Rot zu Rot. Blau zu Blau. Gelb zu Gelb.
Nupsi kam langsam den kleinen Weg entlang.
Der Rüssel hing ein wenig tiefer als sonst.
„Du bist spät dran“, sagte der Osterhase leise.
Nupsi setzte sich neben ihn.
Eine Weile schauten beide einfach nur auf den Korb.
„Ich war bei ihm“, sagte Nupsi schließlich.
Der Osterhase hielt inne.
„Wie geht es ihm?“
Nupsi zögerte kurz.
„Er sagt, es geht schon“, antwortete Nupsi.
„Aber so klingt das nicht.“
Der Osterhase legte ein Ei zurück in den Korb.
Ganz vorsichtig.
„Vor einem Jahr hat es bei ihm gebrannt“, sagte Nupsi.
„So richtig. Mit Rauch und Angst und diesem Gefühl, dass alles plötzlich anders werden kann.“
Der Osterhase nickte langsam.
„Die meisten haben damals gefragt“, fuhr Nupsi fort.
„Ein paar Tage. Vielleicht zwei Wochen.“
Nupsi stupste mit dem Rüssel ein Ei an, das ein wenig schief lag.
„Und dann war es vorbei“, sagte Nupsi leise.
„Zumindest für die anderen.“
Der Osterhase sah auf seine Pfoten.
„Aber da gab es jemanden, der nicht aufgehört hat zu fragen“, sagte Nupsi.
„Seine Mutter“, antwortete der Osterhase ruhig.
Nupsi nickte.
„Sie hat gespürt, wenn etwas nicht stimmte. Auch wenn er nichts gesagt hat.“
Der Wind rauschte leise durch die Bäume.
„Und dann ist sie gestorben“, sagte Nupsi.
Der Osterhase schloss kurz die Augen.
„Seitdem ist es stiller geworden“, fuhr Nupsi fort.
„Nicht, weil niemand da ist…
sondern weil manchmal keiner mehr fragt.“
Der Osterhase nahm ein Ei in die Hand, betrachtete es lange.
„Weißt du, worauf er jetzt wartet?“, fragte Nupsi.
Der Osterhase schüttelte leicht den Kopf.
„Auf ein Bett“, sagte Nupsi.
„Seit Wochen liegt er auf einer Luftmatratze. Nacht für Nacht auf kalter Luft.“
Der Osterhase runzelte die Stirn.
„So ein Übergang sollte nicht so lange dauern“, murmelte er.
Nupsi nickte.
„Sein Rücken tut weh. Nicht wie ein lauter Schmerz. Mehr wie etwas, das sich langsam festsetzt.“
Eine Pause entstand.
Dann sagte Nupsi leise:
„Viele wissen, wie es ihm geht.“
Der Osterhase sah auf.
„Seine Adresse ist kein Geheimnis“, sagte Nupsi ruhig.
„Aber manchmal bleibt es trotzdem still.“
Der Osterhase sagte nichts.
Er legte nur ein Ei zurück in den Korb.
Nach einer Weile fragte er:
„Verlangt er etwas?“
Nupsi schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte Nupsi.
„Er verlangt nichts.“
Eine längere Stille entstand.
Dann sagte Nupsi ganz leise:
„Aber manchmal hätte ein einfaches Klingeln an der Tür vielleicht schon gereicht.“
Der Osterhase nickte langsam.
Er nahm ein Ei aus dem Korb.
Es war nicht perfekt. Ein bisschen schief bemalt.
„Weißt du“, sagte er ruhig,
„manche Menschen tragen mehr Last, als man von außen sieht.“
Nupsi sah ihn an.
„Und manchmal“, fuhr der Osterhase fort,
„ist das größte Ostergeschenk kein Ei…
sondern ein Mensch, der einfach mal nachfragt.“
Nupsi nickte.
Und während die Sonne langsam unterging,
saßen sie einfach da.
Zwischen bunten Eiern.
Und Gedanken über einen Menschen,
der gerade sehr müde ist.