17/10/2026
Die Rede unseres Vorsitzenden, Dr. Johannes Platz, heute auf der Solidaritätskundgebung mit dem NS-DOK, unserem EL-DE-Haus, der zentralen städtischen NS-Gedenkstätte und unserem Haus der Demokratie, das die Demokratiefeinde in der vergangenen Nacht angegriffen haben.
Viele waren da: der EL-DE-Haus-Verein, MitarbeiterInnen des NS-DOK, Sozialdemokratinnen (dankenswerterweise hatte die Bürgermeisterin Maria Helmis-Arend aufgerufen), LINKE, der EL-DE-Verein, Vertreter von Grassroots-Sozialverbänden und mancherlei Opfergruppen des NS-DOK, auch "Behinderte2, Obdachlosenverbandsverteter, GewerkschafterInnen, das Bündnis gegen Antisemitismus - BgA Köln und die Gesellschaft für kritische Bildung als unsere natürlichen BündnispartnerInnen, der Ganey-Tikva-Verein und die Solidaritätspartnerschaft Bergisch Gladbach - Nir Oz, die VertreterInnen von Köln gegen Antisemitismus.
Wir waren viele, aber nicht genug. Es ist ein Angriff auf eine zentrale Institution unserer Stadt, auf eine unserer Behörden, mit engagierten Menschen, die bilden, aufklären, erinnern.
Hier jetzt die Rede:
Redebeitrag von Dr. Johannes Platz, Vorsitzender der DIG AG Köln
Die Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Köln veranstaltet in konstanter Regelmäßigkeit mit BündnispartnerInnen des Bündnis gegen Antisemitismus – BgA Köln und der Gesellschaft für kritische Bildung Veranstaltungen zur Geschichte und Gegenwart der Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus und dessen Opfer. Dabei setzen wir uns in kritischer Solidarität auch mit Phänomenen der „Erinnerung als höchste Form des Vergessens“ auseinander. Aus dieser kritischen Solidarität und Unterstützung des NS-DOK im EL-DE-Haus, auch als bewährter Kooperationspartner sagen wir:
Der Angriff auf das NS-DOK ist unerträglich! Es ist ein Angriff auf ein Haus der Erinnerung und Demokratie. Es ist ein zutiefst antidemokratischer Angriff – ganz gleich, von welchem Urheber oder welcher Urheberin er ausgeht.
Die Angriffe auf das Gedenken, auf unsere Erinnerungskultur nehmen zu. Sie kommen aus mehreren Richtungen. Das letzte Beispiel war Dr. Hans Thomas Tillschneider von der AfD in Sachsen-Anhalt, der Einlass in die Synagoge zum Gedenken an den rechtsextremen Anschlag vor sieben Jahren begehrte.
Einerseits, man möchte es schon fast traditionell nennen, kommen sie aus der politischen Rechten und dem L***r des Rechtspopulismus. Das begann nicht erst mit dem Historikerstreit 1986, sondern zieht sich als Phänomen der Schuldabwehr seit der unmittelbaren Nachkriegszeit durch die bundesdeutsche Geschichte. Diesen Rechten ist eine Auseinandersetzung der deutschen Vergangenheit ein Dorn im Auge. Mit Stichworten wie „Schuldkult“ und „Mahnmal der Schande“ ziehen sie gegen die etablierte, aber auch in den letzten vier Jahrzehnten, nicht zuletzt durch die Gedenkstättenbewegung erkämpfte Erinnerungskultur zu Felde. Diese fühlte sicheiner „Geschichte von unten“, nach dem Motto „Grabe, wo Du stehst“ verpflichet sieht, wie es der Schwedische Vordenker und Praktiker der Bewegung Anfang der 1980er-Jahre formulierte. Wahrscheinlich kommt der Anschlag der gestrigen Nacht aus diesem Feld. Die Rechten wollen einen positiven Bezug auf die deutsche Geschichte, auf Helden, Großtaten und Überhöhung. Dagegen ist unsere Erinnerungskultur das notwendige und richtige Korrektiv.
Eine andere Tendenz stellt die Erinnerungskultur seit gut zwei Jahrzehnten aus der linksliberalen und linken Mitte ausgerechnet des Historikerfeldes in Frage. Also aus der Richtung, die im Historikerstreit 1986 Geschichtsrelativierungen der Rechten erfolgreich zurückwies. Im Zentrum des Denkens dieser Historikergeneration und der sozialen Bewegungen, die sie begleiten, steht der Postkolonialismus. VertreterInnen der postkolonialen Geschichtsschreibung forderten im Historikerstreit 2.0 vor einigen Jahren die NS-Geschichtsforschung mit abwegigen Thesen heraus. Das eigentlich Erste/Ursprüngliche sei die koloniale Herrschaft Deutschlands gewesen, genau in deren Tradition stünde die Shoah und in der Erinnerungskultur überdecke sie dieses historische Prius. Ein Historiker beschwor einen „deutschen Katechismus“ der Erinnerungskultur, der die Shoah in den Mittelpunkt rücke und die anderen Geschichten verdränge. Diese Sicht sei einem deutschen geschichtspolitischen Provinzialismus geschuldet. Diese nachwachsende HistorikerInnen-Generation stellt die NS-Erinnerung in den Hintergrund, relativiert die Shoah mit ausgerechnet vermeintlichen Verbrechen Israels und dichtet Israels Kriegsführung in Gaza und darüberhinaus seit 1948 einen fortwährenden Genozid an.
Dies sind zwei gleichermaßen gefährliche Tendenzen der Infragestellung unserer Erinnerungskultur. Politisch gilt es drei Wochen vor dem Jahrestag des Novemberpogroms vom 9. November 1938 zu erinnern.
Konkret bedeutet Erinnern auch Solidarität den Nachfahren damaliger Opfer: nämlich mit den lebenden Jüdinnen und Juden hier und in Israel und weltweit, den Sinti und Romia, den LGBTIQ, denjenigen, die als „Asoziale“ markierte Menschen ausgegrenzten, den psychisch oder anderweitig Erkrankten, die die Opfer der Erprobung des Holocaust wurden, von Tätern, die zum Teil ihre Tätigkeit in Osteuropa fortsetzten.
Die NS-Vernichtungspolitik war im Einzelnen zwar unterschiedlich und von unterschiedlicher Intensität und die Mortalität war je nach Gruppe verschieden.
Aber im Kern ging es den Nationalsozialisten um den Ausschluss und die Vernichtung derjenigen, die sie der „Volksgemeinschaft“ der „VolksgenossInnen“ gegenüberstellten: all jenen, die sie als „Gemeinschaftsfremde“ markierten, natürlic h auch aber auch AntifaschistInnen, SozialdemokratInnen, GewerkschafterInnen und KommunistInnen, ChristInnen und einigen Militärs.
Dagegen müssen wir aufstehen, denn die Erinnerung an all die „Gemeinschaftsfremden“, die Nationalsozialisten, definierten, ausschlossen, konzentrierten und ermordeten und die Solidarität mit allen Opfern der Rechten stellen die Urheber dieses Angriffs in Frage – nicht zufälligerweise in der Nacht, an deren Vorabend im NS-DOK über die AfD aufgeklärt wurde.
Wir sollten aufstehen, weil wir uns der „Militant Democracy“ verplichtet sehen. Damit meine ich nicht die Schwundstufe unserer „wehrhaften Demokratie“. Ihre Erfinder – nicht zufällig emigrierte deutsche Sozial- und Politikwissenschaftler im amerikanischen Exil formulierten dieses Konzept. Im amerikanischen Original konsequenter in den 1940er-Jahren bezeichnet!
Denn es gilt nicht allein unsere Erinnerungskultur, bei aller notwendigen aufklärerischen Kritik an Floskeln, Ritualen und Formeln hinter denen sich PolitikerInnen in Festtagsreden verschanzen, zu verteidigen. Es geht um unsere Demokratie und das NS-DOK als unser Kölner Haus der Erinnerung, Aufklärung und Demokratie.
KEINE ANGST!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!