05/08/2026
Dieser GEW-Gewerkschaftler pflegt von sich ein Bild als Pragmatiker, der Probleme gerne "direkt" anspricht - wissenschaftsbasierte Ansätze braucht er dafür nicht, damit tritt es sich auch weniger bequem nach unten. In einem TAG24-Interview zeigt er das ausführlich und fordert ein autoritäres Durchgreifen des Staats.
Denn Tobias Andrä findet Chemnitz und den Sonnenberg einfach gefährlich und macht als Ursache dafür junge Migrant*innen aus. Der Autor des TAG24-Artikels übernimmt diese Erzählung weitgehend unkritisch und behauptet, die polizeiliche Kriminalstatistik würde ihm Recht geben. So verzichten auch Autor und Redaktion darauf, die angeführte Statistik abseits einer rassistischen Lesart im Sinne von Tobias einzuordnen, weitere Faktoren für Kriminalität und ihre Erfassung wie soziale Ungleichheit, Altersstruktur und psychische Belastungen sowie die generellen Grenzen der Repräsentativität einer Kriminalstatistik die von einer Strafverfolgungsbehörde erhoben wird zu berücksichtigen.
Dabei zeigt kriminologische Forschung in eine andere Richtung: Jugendkriminalität geht seit Jahren stetig zurück (Oberwittler & Svensson, 2025). Dieser Rückgang ist dabei nicht auf repressive Maßnahmen sondern ein breiteres Freizeitangebot, eine stärkere Einbindung in soziale Aktivitäten sowie dadurch, dass Jugendliche Aufmerksamkeit von Eltern und ihrem Umfeld erfahren. Auch Sozialarbeiter*innen und das Vorhandensein von Angeboten der Jugendarbeit tragen zum Rückgang der Jugendkriminalität bei (Oberwittler & Svensson, 2025). Gerade in der Kinder- und Jugendarbeit wird in Chemnitz gerade massiv gekürzt.
Anstatt sich an solchen Forschungsergebnissen zu orientieren, fordert Tobias lieber aus seinem qualifizierten Bauchgefühl heraus, dass das Alter für die Strafmündigkeit herabgesetzt werden müsste. Das klingt für seine Zielgruppe wahrscheinlich wie hartes und effizientes Durchgreifen - bringt aber erwiesenermaßen nichts und verhindert keine Straftaten. Strafmündigkeit ist kein rein juristisches Konzept, sondern eines, dass sich darauf bezieht, dass Straftäter*innen die Konsequenzen ihrer Tat einschätzen können. Dazu wären Kinder auch nach einer solchen Gesetzesänderung nicht plötzlich besser in der Lage, Strafen hätten weiterhin auf Kinder keine abschreckende Wirkung (Schröder, 2023, zitiert nach Horten et al., 2023). Vielmehr ist eine gegenteilige Wirkung zu erwarten, es lässt sich eine höhere Rückfälligkeitsquote bei gesenktem Strafmündigkeitsalter feststellen (Damm et al., 2017).
Aber Tobias sagt die Strafmündigkeit müsse heruntergesetzt werden. Er findet es nicht zeitgemäß, Kinder nicht strafrechtlich zu belangen. Er findet die heutigen Kinder, seien nicht mit den Kindern der 90er vergleichbar. Sicher ist: Zumindest ein ganz besonderes Kind gab es damals, oder Tobi? Und nur weil Kinder keine juristische Bestrafung bekommen, heißt das nicht, dass nichts passiert. Etwa greift das Jugendamt ein und es gibt viele mögliche Maßnahmen (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, 2020). Könnte er als Lehrer eigentlich wissen, aber kompliziertere Antworten möchte er wohl nicht. Lieber als allen anderen vertraut Tobias auch bei anderen Themen seinem Bauchgefühl. Er findet, dass Gespräche und Therapien bei immer mehr Jugendlichen nicht mehr "fruchten" würden, also auch diese zugunsten härterer Maßnahme aufzugeben wären. Und auch hier widersprechen Expert*innen (Ege et al., 2026, S. 39).
Weiter fordert Tobias Abschiebungen für Menschen die ein gesellschaftliches Zusammenleben nicht akzeptieren - was auch immer das heißen soll - und bei schweren Straftaten. Abschiebungen sind eine gewaltvolle Praxis, die jeden Tag stattfinden, um Menschen aus ihrem Umfeld zu entreißen und sie in Länder zu bringen aus denen sie geflohen sind oder sonstige Länder, in denen sie möglicherweise bisher nie waren - egal ob dort unmenschliche Bedingungen in Lagern, Folter, Unterdrückung und Verfolgung auf sie warten. Das ist keine Praxis, die in irgendeiner Weise erstrebenswert ist und erst recht keine Forderung, die man stellen sollte, egal um wen es geht.
Tobias wird im Artikel als "Ex-SPD-Politiker" vorgestellt. Eine Beschreibung, die seine Meinung wohl als die eines ehemaligen Linken, der jetzt eine vermeintliche Realität anerkennt qualifizieren soll - obwohl er seit mehr als zehn Jahren nicht mehr Mitglied der Partei ist. Schon 2015 trat er unter anderem wegen seiner rassistischen Kritik an der damaligen Politik gegenüber Geflüchteten aus, weil laut ihm "auf Landesebene die Ängste der Bevölkerung in der Flüchtlingspolitik nicht ernst" genommen werden würden. Auch die Thematisierung queerer Belange durch die SPD ging wohl über sein Verständnis der Achtung von Menschenrechten hinaus.
Mittlerweile ist Tobias "nur" noch Vorstand des Bezirksverbands Chemnitz der GEW. Wir fragen uns, was diese als Gewerkschaft für Lehrer*innen, Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen von solchen rassistischen Äußerungen, die nebenbei vor allem Strafen gegenüber Kindern und Jugendlichen fordern, anstatt ihre Anliegen und Probleme ernst zu nehmen, hält?
Während Tobias seiner Studienzeit hinterhertrauert, in der Chemnitz angeblich noch in Ordnung war, genießen wir unsere Limo auf dem Sonnenberg. Wir finden Chemnitz kann man nur gemeinsam zu einem besseren Ort machen und funktioniert nicht, wenn man einfach nach unten tritt.
TAG24 beziehungsweise der Autor schafft es an keiner Stelle Inhalte kritisch einzuordnen und gibt rassistischen Forderungen in diesem Artikel eine Bühne.
Deshalb: Lasst solche Hetze und ihre unkritische Verbreitung nicht unwidersprochen. Schreibt TAG24, kritisiert den Artikel in den Kommentaren oder per Mail. Wenn ihr Mitglied der GEW seid, fragt eure Gewerkschaft, wie sie zu den Positionen ihres Bezirksvorstands steht. Und zum Schluss: schreibt uns in die Kommentare: Was macht den Sonnenberg für euch lebenswert?
Literaturverzeichnis:
Ege, G., Baier, D., Schmidt, V., Vertone, L., & Zobrist, P. (2026). «Wer nur den Hammer kennt, macht aus Jugendlichen Nägel»: Eine interdisziplinäre Beurteilung der aktuellen Verschärfungsvorhaben im Jugendstrafrecht. sui generis, 2026, 39–52. ttps://doi.org/10.21257/sg.290
Damm, A. P., Østergaard Larsen, B., Skyt Nielsen, H. & Simonsen, M. (2017). Lowering the minimum age of criminal responsibility: Consequences for juvenile crime and education. Economics Working Papers, 10. https://doi.org/10.1007/s10940-025-09604-y
Horten, B., Steffan, C. & Weinand, M. (2023). Kriminologischer Beitrag. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 17(4), 460–462. https://doi.org/10.1007/s11757-023-00799-z
Oberwittler, D., & Svensson, R. (2025). The international youth crime drop – Evidence and explanations. In M. Tonry (Hrsg.), Crime and justice: A review of research (Bd. 54). University of Chicago Press. https://doi.org/10.1086/737409
Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages. (2020). Staatliche Maßnahmen bei strafbaren Handlungen durch Minderjährige und schuldunfähige Personen (Sachstand WD 7 - 3000 - 110/20).https://www.bundestag.de/resource/blob/810114/WD-7-110-20-pdf.pdf [1, 2]