Ordo Equestris Sancti Bernardi

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Die „Krone des Martyriums“ (corona martyrii) war für die Zeitgenossen des Kreuzfahrerzeitalters kein bloßes theologische...
02/06/2026

Die „Krone des Martyriums“ (corona martyrii) war für die Zeitgenossen des Kreuzfahrerzeitalters kein bloßes theologisches Sinnbild, sondern eine greifbare, brennende Realität. In den Augen der mittelalterlichen Chronisten, Kleriker und auch der muslimischen Gegner nahm der Opfertod der Templer eine völlig einzigartige Stellung ein.
Während normale Kreuzfahrer für den Sündenablass kämpften, war das Martyrium fest in der institutionellen DNA des Templerordens verankert.

1. Die theologische Grundlegung: Bernhard von Clairvaux
Die früheste und einflussreichste zeitgenössische Sicht stammt aus der Feder des heiligen Bernhard von Clairvaux. In seiner wegweisenden Schrift (De Laude Novae Militiae, um 1130) goss er das Fundament für das spirituelle Verständnis des Templertodes:

„Sicher ist der Tod für Christus nicht vergeblich, er bringt unermesslichen Ruhm. [...] Ein Templer tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selbst; wenn er tötet, nützt er Christus.“

Für Bernhard war der gefallene Templer kein tragisches Opfer, sondern ein Sieger. Der Tod im Kampf gegen die Ungläubigen galt als die ultimative Nachfolge Christi (Imitatio Christi). Die corona martyrii wurde als realer, himmlischer Lohn verstanden, der den Rittern im Moment des letzten Atemszugs aufs Haupt gesetzt wurde.

2. Die Chronisten der Levante: Absolute Kompromisslosigkeit
In den Augen der zeitgenössischen Chronisten im Heiligen Land (wie Wilhelm von Tyrus oder Jakob von Vitry) manifestierte sich diese „Krone“ vor allem in einer Eigenschaft: der strikten Weigerung der Templer, sich durch Apostasie (Abfall vom Glauben) das Leben zu retten.

Die Ordensregel verbot es den Brüdern explizit, Lösegeld für sich erpressen zu lassen. Kam ein Templer in Gefangenschaft, stand er vor der Wahl: Enthauptung oder Konversion zum Islam.

Das Paradebeispiel: Die Schlacht von Hattin (1187)
Nach der katastrophalen Niederlage bei den Hörnern von Hattin ließ Sultan Saladin alle gefangenen Templer und Johanniter zusammentreiben. Der Chronist Eroul und arabische Quellen wie Imad ad-Din al-Isfahani berichten übereinstimmend von der Szenerie:
Den Rittern wurde das Leben versprochen, wenn sie dem Kreuz abschwören würden.
Kein einziger Templer ging auf das Angebot ein.

Die Zeitgenossen beschreiben, wie die Brüder geradezu um den Vortritt bei der Enthauptung stritten, um als Erste die Märtyrerkrone zu empfangen.

3. Die Sicht der muslimischen Gegner
Es ist faszinierend zu sehen, dass die zeitgenössische islamische Welt das Konzept des Martyriums der Templer spiegelbildlich anerkannte. Für sie waren die Templer keine feigen Söldner, sondern fanatische, spirituell getriebene Elitekrieger.
Saladins Sekretär Imad ad-Din beschrieb die Exekutionen nach Hattin mit einer Mischung aus Abscheu und widerwilligem Respekt vor ihrer Standhaftigkeit:

„Er [Saladin] befahl, sie zu enthaupten, da er sie lieber tot als gefangen sehen wollte. [...] Ich sah, wie einige von ihnen lachten und mit Heiterkeit dem Tod ins Auge blickten; sie zeigten eine Standhaftigkeit, die ihrem falschen Glauben entsprang.“

Für die Muslime waren die Templer das exakte Äquivalent zu ihren eigenen Ghazis (Glaubenskämpfern), die nach dem Schahada (Märtyrertod) strebten.

4. Der tragische Wandel: Der Templerprozess (1307–1312)
Am Anfang des 14. Jahrhunderts erfuhr der Begriff der Märtyrerkrone in den Augen der europäischen Öffentlichkeit eine dramatische, bittere Wendung. Als König Philipp IV. von Frankreich den Orden wegen Ketzerei und Blasphemie anklagte, wurde die corona martyrii plötzlich nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Scheiterhaufen errungen.

Die Verteidigung des Ordens

Während der Prozesse sahen viele Zeitgenossen (darunter der Chronist Giovanni Villani aus Florenz) die plötzliche Standhaftigkeit der Templer, die ihre unter Folter erpressten Geständnisse widerriefen, als Beweis ihrer Unschuld.
Als der letzte Großmeister, Jacques de Molay, am 18. März 1314 in Paris lebendig verbrannt wurde, weil er alle Anklagen feierlich zurückgewiesen hatte, schlug die Stimmung in der Bevölkerung um. Zeitgenössische Berichte erwähnen, dass die Asche der Verbrannten von den Bürgern nachts wie Reliquien von Heiligen gesammelt wurde. In ihren Augen hatten die letzten Templer die Krone des Martyriums nicht gegen die Sarazenen, sondern gegen die Tyrannei der eigenen Kirche und Krone errungen.

Für den mittelalterlichen Menschen war der Tod eines Templers im Zustand der Treue zu seinem Gelübde der direkteste Weg ins Paradies. Er löschte alle Sünden im Moment des Blutzolls aus – ein Konzept, das Freund und Feind gleichermaßen faszinierte und erzittern ließ.

Ein weiterer Mythos muss widerlegt werden Um es ganz direkt zu sagen: Die Vorstellung, dass die Templer eine geheime, ti...
01/06/2026

Ein weiterer Mythos muss widerlegt werden

Um es ganz direkt zu sagen: Die Vorstellung, dass die Templer eine geheime, tiefere Verbindung zu Maria Magdalena hatten – sie vielleicht sogar als Ehefrau Jesu oder Hüterin einer göttlichen Blutlinie verehrten –, ist eine moderne Erfindung.
In den historischen Quellen der Tempelritter gibt es dafür keinerlei Beweise. Die enge Verknüpfung der Templer mit Maria Magdalena stammt fast vollständig aus der modernen Popkultur und pseudohistorischer Literatur des späten 20. Jahrhunderts.

Hier ist die historische Realität im Detail:

Was ist historisch belegt?

Die Templer waren ein katholischer Mönchsorden und folgten der offiziellen Kirchenlehre ihrer Zeit. Ihre Verehrung war klar strukturiert:

Die Jungfrau Maria als Schutzpatronin: Die Templer standen, stark beeinflusst von Bernhard von Clairvaux und den Zisterziensern, unter dem besonderen Schutz von Notre Dame (Unserer Lieben Frau). Fast alle ihre Kirchen waren der Jungfrau Maria geweiht.

Maria Magdalena in der Templerregel: Maria Magdalena taucht in den offiziellen lateinischen und französischen Ordensregeln nur am Rande auf. Sie wird dort als „glorreiche“ Heilige und als Beispiel für eine büßende Sünderin genannt, der vergeben wurde – ganz im Einklang mit dem damaligen mittelalterlichen Weltbild der katholischen Kirche. Zudem wurde ihr offizieller Gedenktag (22. Juli) im Orden als Festtag begangen, genau wie die Tage anderer wichtiger Heiliger.

Ganz normale Heiligenverehrung: Es gab vereinzelte Templerkirchen, die ihr geweiht waren (wie eine Kirche in Bologna). Das war im Mittelalter jedoch völlig normal, da Maria Magdalena eine der populärsten Heiligen der gesamten Christenheit war. Eine geheime Sonderrolle hatte sie bei den Templern nicht.

Woher kommt der Mythos der "geheimen Verbindung"?

Die Geschichten, die man heute aus Büchern wie „Der Heilige Gral und seine Erben“ (1982) oder Dan Browns Roman „The Da Vinci Code“ (Sakrileg) kennt, basieren auf modernen Fälschungen und extremen Spekulationen des 20. Jahrhunderts.

Der Mythos der Blutlinie und des Heiligen Grals

Die Idee, dass Maria Magdalena schwanger nach Frankreich floh und die Templer das Geheimnis ihrer Nachkommen mit Jesus bewachten, ist völlig frei erfunden. Dieser Mythos basiert im Kern auf den gefälschten Dokumenten von Pierre Plantard aus den 1960er Jahren (den sogenannten „Geheimakten von Henri Lobineau“), die später rechtlich und historisch als Schwindel entlarvt wurden.

Der Mythos der geheimen, gnostischen Rituale

Oft wird behauptet, die Templer hätten heimlich das weibliche Prinzip in Gestalt von Maria Magdalena angebetet. Das widerlegt jedoch die Geschichte: Während der Templerprozesse (ab 1307) erfand die Anklage unter dem französischen König Philipp IV. viele absurde Vorwürfe – wie das Anbeten eines Götzenbildes namens "Baphomet". Eine geheime Verehrung von Maria Magdalena wurde den Templern selbst von ihren erbittertsten Feinden damals nie vorgeworfen.

Die echten, historischen Tempelritter verehrten Maria Magdalena ganz traditionell als biblische Zeugin der Auferstehung und als heilige Büßerin – so wie es im 12. und 13. Jahrhundert überall im christlichen Europa üblich war. Alles, was darüber hinausgeht – Geheimbünde, Jesus-Ehe und verborgene Blutlinien –, ist ein reines Produkt der modernen Belletristik.

31/05/2026
Templer und de Molay fluch nur ein MythosDie Geschichte um den Fluch des letzten Großmeisters der Templer, Jacques de Mo...
31/05/2026

Templer und de Molay fluch nur ein Mythos

Die Geschichte um den Fluch des letzten Großmeisters der Templer, Jacques de Molay, gehört zu den faszinierendsten Legenden des Mittelalters. Um es kurz zu machen: Historisch gesehen handelt es sich dabei um einen Mythos.
Die Realität hinter der Legende und wie dieser Mythos entstand, lässt sich jedoch sehr präzise rekonstruieren.
Die Legende vs. Die Realität
Der Legende nach soll Jacques de Molay am 18. März 1314, während er auf dem Scheiterhaufen in Paris verbrannte, Papst Clemens V. und König Philipp IV. („den Schönen“) vor das göttliche Gericht geladen und verflucht haben. Beide sollten innerhalb eines Jahres sterben, und Philipps gesamte Linie sollte verdammt sein.
1. Das Timing der Todesfälle (Der Nährboden des Mythos)
Was den Mythos so langlebig machte, war das fatale Zusammentreffen der tatsächlichen Ereignisse im Jahr 1314:
Papst Clemens V. starb am 20. April 1314 (nur gut einen Monat nach de Molay), vermutlich an Krebs.
König Philipp IV. starb am 29. November 1314 nach einem Jagdunfall (Schlaganfall).
Innerhalb der nächsten 14 Jahre starben auch alle drei Söhne Philipps (Ludwig X., Philipp V., Karl IV.) ohne männliche Erben, was das Ende der direkten Linie der Kapetinger bedeutete.
Für die damalige Bevölkerung, die tief im spirituellen Denken verwurzelt war, war diese Kausalität absolut offensichtlich: Das war Gottes Strafe für den Justizmord an den Templern.
2. Die historischen Quellen schweigen
Zeitgenössische Chronisten, die bei der Hinrichtung auf der Île de la Cité anwesend waren oder kurz danach darüber berichteten (wie der Florentiner Giovanni Villani), erwähnen keinen Fluch. Sie berichten zwar, dass de Molay seine Unschuld und die des Ordens betonte und die Ungerechtigkeit der Anklage beklagte, aber ein formeller Fluch oder eine Vorladung vor das göttliche Gericht wird in den frühesten Dokumenten nicht erwähnt.
Wie entstand der Mythos?
Die Legende entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg und wurde vor allem durch die Literatur und spätere Geheimgesellschaften ausgeschmückt:
Ferrette und spätere Chronisten: Erste schriftliche Erwähnungen, die in Richtung eines „Racheappells“ gehen, tauchen erst Jahrzehnte nach den Ereignissen auf. Der italienische Historiker Ferretto de Ferretti dichtete de Molay Jahre nach dessen Tod eine dramatische Rede an, in der er Gott um Vergeltung anrief.
Die Freimaurer und die Aufklärung (18. Jahrhundert): Im Zuge der Entstehung von Hochgradsystemen in der Freimaurerei, die sich auf die Templer beriefen (wie die Strikte Observanz), wurde die Geschichte dramatisiert, um die Templer als unschuldige Märtyrer gegen die Tyrannei von Kirche und Krone darzustellen.
Maurice Druon und „Die verfluchten Könige“ (20. Jahrhundert): Den absoluten Höhepunkt der Popularität im modernen Gedächtnis verdankt der Fluch der historischen Romanserie „Les Rois Maudits“ von Maurice Druon aus den 1950er Jahren. Druon lässt de Molay auf dem Scheiterhaufen einen dramatischen, flammenden Fluch ausstoßen. Diese literarische Freiheit wurde von vielen Lesern fälschlicherweise für bare historische Münze genommen.
Fazit
Der „Fluch des Templers“ ist das Ergebnis einer nachträglichen Interpretation. Da die beiden Hauptverantwortlichen für die Zerschlagung des Ordens zufällig im selben Jahr wie der Großmeister starben und das Königshaus kurz darauf kollabierte, strickte das kollektive Gedächtnis eine moralische Erzählung daraus.
Jacques de Molay starb als gebrochener, aber am Ende standhafter Mann, der seine erpressten Geständnisse widerrief – den dramatischen Fluch haben ihm jedoch erst spätere Generationen in den Mund gelegt.

Ein weiterer Mythos, der widerlegt werden muss und in einigen neotemplerischen Orden sowie in KI-generierten Fotos zu se...
30/05/2026

Ein weiterer Mythos, der widerlegt werden muss und in einigen neotemplerischen Orden sowie in KI-generierten Fotos zu sehen ist, ist das Tragen der Kapuze des Mantels durch die Templer. Ihnen war das Tragen der Kapuze verboten, mit Ausnahme der Beerdigung eines Bruders.
Die Vorstellung des geheimnisvollen Templers, der mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze durch die Lande reitet, gehört ins Reich der modernen Popkultur und Romantik, hat aber mit der Realität des mittelalterlichen Ordenslebens nichts zu tun.

Tatsächlich war das Tragen der Kapuze im Alltag der Tempelritter streng reglementiert und im Grunde untersagt.

Die Regelung in den Ordensstatuten

Die Retraits (die hierarchischen Statuten und Ergis-Regeln des Ordens, die im 12. und 13. Jahrhundert hinzukamen) sind da sehr eindeutig. Das Verbot hatte vor allem zwei handfeste Gründe:

Militärische Wachsamkeit: Ein Ritter musste jederzeit seine Umgebung im Blick und das Gehör frei haben. Eine aufgesetzte Kapuze schränkt das periphere Sehen und das Hörvermögen massiv ein – im Grenzdienst oder im Feldlager ein tödliches Risiko.

Demut und Transparenz: Das Verbergen des Gesichts widersprach dem klösterlichen Gemeinschaftsgedanken. Man sollte seinen Brüdern offen und ohne falsche Geheimniskrämerei begegnen.

Die erwähnte Ausnahme ist die absolute Ausnahme, die die Regel bestätigt: Nur bei der Beerdigung eines Mitbruders oder in Momenten tiefster Trauer und Buße war das Aufsetzen der Kapuze als Zeichen der Abkehr von der Welt und der Demut vor dem Tod vorgesehen.

Warum sich der Mythos so hartnäckig hält

Dass Neotempler-Gruppierungen des 18. bis 21. Jahrhunderts und moderne KI-Bildgeneratoren die Kapuze so exzessiv nutzen, liegt an einer Vermischung der Orden:

1 Verwechslung mit den Mönchen: Die Templer folgten zwar der benediktinischen/cisterciensischen Grundregel (angestoßen durch Bernhard von Clairvaux), waren aber ein militärischer Orden. Während die Cistercienser-Mönche im Chordienst ihre charakteristische Kukulle mit großer Kapuze trugen, war der Mantel der Templer ein funktionales Kleidungsstück für den Kampf und den Dienst im Sattel.

2 Der „Assassinen-Effekt“: Die Popkultur (von Historienromanen des 19. Jahrhunderts bis hin zu Videospielen wie Assassin's Creed) hat das Bild des kapuzengetragenen Kreuzritters oder Mystikers tief im kollektiven Gedächtnis verankert. KI-Modelle füttern sich mit diesen modernen Bildern und reproduzieren den Fehler endlos weiter.
Es ist ein wichtiges Detail, das den fundamentalen Unterschied zwischen einem rein kontemplativen Mönchsorden und der straffen, militärischen Disziplin der Templer aufzeigt.

Der Templer Matthew Sauvage und Sultan Baibars: Blutsbrüderschaft jenseits der KluftMitte des 13. Jahrhunderts gerieten ...
28/05/2026

Der Templer Matthew Sauvage und Sultan Baibars: Blutsbrüderschaft jenseits der Kluft

Mitte des 13. Jahrhunderts gerieten die verbliebenen Kreuzfahrerstaaten unter massiven militärischen Druck der Mamluken. Zwischen 1265 und 1271 fielen mehrere bedeutende Festungen des Templerordens nacheinander an die Angreifer. Vor dem Hintergrund dieses kontinuierlichen territorialen Rückzug der Franken berichtet eine lateinische notarielle Quelle von einem außergewöhnlichen Bündnis: der geschworenen Blutsbrüderschaft zwischen einem Templer-Komtur und dem mamlukischen Sultan. Doch was verrät dieser Beleg über die Natur dieser Beziehung und ihre Funktion innerhalb der mamlukisch-fränkischen Diplomatie?

Die Akteure und das historische Umfeld

Sultan Baibars (al-Malik al-Ẓāhir Rukn al-Dīn Baibars al-Bunduqdārī, reg. 1260–1277) war der Begründer der Bahri-Mamluken-Dynastie. Ursprünglich aus dem Volk der Kiptschaken stammend, erlangte er während des Siebten Kreuzzugs in der Schlacht von al-Manṣūra (1250) erste militärische Berühmtheit. Nach der Ermordung seines Vorgängers Qutuz im Jahr 1260 übernahm er das Sultanat – eine Tat, an der Baibars laut mittelalterlichen Chronisten wie al-Maqrizi direkt beteiligt war.

Matthew Sauvage war der prägende Templer-Kommandant jener Zeit. Als Präzeptor von Sidon verwaltete er eine Stadt, die der Orden erst 1260 aufgrund von Schulden ihres vormaligen Herrn, Julian von Sidon, übernommen hatte. Die Stadtmauern waren durch die mongolischen Plünderungen desselben Jahres schwer beschädigt, und den Templern fehlten die Mittel für eine vollständige Reparatur. Erschwert wurde die Lage durch das kompromisslose Klima der Epoche: Die Mamluken weigerten sich strikt, offizielle diplomatische Beziehungen zu den Franken zu unterhalten.
Annäherung im Schatten des Krieges
In dieser verfahrenen Situation gewann die persönliche Verbindung zwischen Sauvage und Baibars historiografische Bedeutung. Sie bildete einen individuellen Kanal, der das offizielle diplomatische Patt überwand. Die beiden Männer lernten sich vermutlich 1261 kennen, als Sauvage in mamlukische Kriegsgefangenschaft geriet und auf sein Lösegeld wartete. Nach seiner Freilassung dokumentieren zeitgenössische Quellen zwischen 1261 und 1278 zahlreiche gegenseitige Besuche. Die Verbindung entwickelte sich schnell zu einem wertvollen Instrument, um lokale Abkommen und Waffenstillstände auszuhandeln.
Dennoch verfolgte Baibars weiterhin sein strategisches Ziel, die fränkische Präsenz in der Levante zu liquidieren. Während seiner Regierungszeit zerstörte er systematisch die Festungen der Kreuzfahrer:
1265: Caesarea
1266: Safed
1268: Beaufort und Sidon
1271: Crac des Chevaliers

Als Sidon 1268 belagert wurde, gestattete Baibars den Templern jedoch einen kampflosen, ausgehandelten Rückzug. In der Forschung wird dieser milde Ausgang direkt auf das vertrauensvolle Verhältnis zwischen dem Komtur und dem Sultan zurückgeführt. Nach dem Fall des Crac des Chevaliers wurde 1272 schließlich ein zehnjähriger Waffenstillstand geschlossen. Dieser stabilisierte die Küstenlinie von Akkon bis Sidon und schuf den friedlichen Rahmen, in dem die Annäherung der beiden Männer in einer Blutsbrüderschaft gipfelte.

Das Ritual und seine juristische Dimension

Dokumentiert ist diese außergewöhnliche Verbindung in einer Urkunde von Antonio Sici di Vercelli, einem italienischen Notar im juristischen Dienst der Templer. Er bezeugte offiziell, dass Kommandeur Sauvage:

„[...] der Bruder des damals regierenden Sultans von Babylon [Kairo] war, da jeder abwechselnd vom Blut des anderen getrunken hatte, weshalb sie Brüder genannt wurden.“

Das hier beschriebene Ritual – die gegenseitige Einnahme von Blut zur Besiegelung eines Eides – war eine tief in den eurasischen Steppenkulturen verwurzelte Tradition. Am mamlukischen Hof besaß diese Form der Verbrüderung konkrete soziale und rechtliche Gültigkeit. Dass dieser Akt Eingang in die formelle, lateinische Notarssprache fand, deutet darauf hin, dass man ihm auch auf fränkischer Seite einen verbindlichen, quasi-rechtlichen Status beimaß.

Funktion im Gefüge der Geopolitik

Diese persönliche Bindung war kein isoliertes Phänomen, sondern funktionierte als Rädchen einer größeren diplomatischen Maschinerie. Trotz seiner aggressiven Feldzüge betrieb Baibars eine hocheffektive Außenpolitik. Parallel zu den informellen Kontakten mit Sauvage handelte er formelle Verträge mit den Hospitalitern, dem Templerorden als Institution sowie den Herrschern von Tripolis, Kleinarmenien, Byzanz und Genua aus.
Der persönliche Kanal zu Sauvage stand somit nicht im Widerspruch zur offiziellen Politik, sondern ergänzte sie strategisch. Angesichts des permanenten Drucks durch das mongolische Ilchanat im Norden und Osten hatte Baibars ein massives geopolitisches Interesse daran, seine fränkische Flanke stabil zu halten. Die Blutsbrüderschaft diente dabei als verlässlicher Sicherheitsgurt.

Die Blutsbrüderschaft zwischen Matthew Sauvage und Sultan Baibars ist das seltene Zeugnis eines funktionierenden informellen Diplomatiekanals inmitten eines existenziellen Glaubenskrieges. Über fast zwei Jahrzehnte hinweg ermöglichte diese Verbindung pragmatische Lösungen und lokale Friedensschlüsse. Wie die Führung des Templerordens langfristig auf diese fast schon ketzerisch anmutende Verbrüderung reagierte, bleibt mangels überlieferter Quellen allerdings im Dunkeln der Geschichte verborgen.

Als König Philipp IV. von Frankreich (der Schöne) und Papst Clemens V. im Jahr 1307 den Templerprozess initiierten, suchten sie gezielt nach Vorwürfen, die den Orden in den Augen der christlichen Welt moralisch und religiös vernichten sollten.
Der Vorwurf des „Verrats“ und der „Ketzerei“: Den Templern wurde systematisch vorgeworfen, geheime Bündnisse mit den Muslimen („Sarazenen“) geschlossen, christliche Geheimnisse verraten und den Glauben verleugnet zu haben.
Aus Pragmatismus wurde Ketzerei: Was im Heiligen Land über Jahrzehnte hinweg pure, überlebensnotwendige Realpolitik und Diplomatie war – wie eben die geheimen Absprachen oder gar rituellen Bruderschaften von Matthew Sauvage –, wurde in den sterilen Gerichtssälen von Paris als Teufelswerk und Hochverrat ausgelegt.
Das Zerrbild im Prozess: In den Anklageakten wurde behauptet, die Templer würden bei ihren geheimen Aufnahmeriten das Kreuz bespucken und Götzen (wie den Baphomet) anbeten. Die tatsächliche kulturelle Annäherung im Osten und der pragmatische Austausch mit muslimischen Herrschern dienten den Inquisitoren als „Beweis“ dafür, dass der Orden innerlich längst zum Islam oder zum Heidentum übergelaufen sei.

Die Blutsbrüderschaft zwischen Sauvage und Baibars zeigt, wie flexibel die Templer vor Ort agieren mussten, um zu überleben. Doch genau diese diplomatische Offenheit lieferte ihren Feinden in Europa Jahrzehnte später die perfekte Munition, um den Orden als „ketzerisch“ und „korrupt“ zu brandmarken und ihn 1312 endgültig aufzulösen.

Quellen: Literaturhinweise und weiterführende Literatur: Thorau, P., The Lion of Egypt: Sultan Baybars I and the Near East in the Thirteenth Century, übersetzt von P. M. Holt (London: Longman, 1992). Runciman, S., A History of the Crusades, Band III (Cambridge: CUP, 1954), S. 574. Julian Grenier (Wikipedia), über die mongolische Plünderung von Sidon (1260) und den Verkauf an die Templer. Burgtorf, J., „Blutsbrüder im lateinischen Osten des 13. Jahrhunderts?“, in Burgtorf, Crawford und Nicholson (Hrsg.), The Debate on the Trial of the Templars (1307 to 1314) (Farnham: Ashgate, 2010), S. 3 ff. Thomas Bérard (Wikipedia, unter Berufung auf Addison 1842, The history of the Knights Templars : the temple church, and the temple. Holt, P. M., Early Mamluk Diplomacy, 1260 to 1290 (Leiden: Brill, 1995; Neuauflage 2021).

Liebe Brüder und Schwestern, geschätzte Freunde unseres Ordens, liebe Interessenten,mit Freude verkünden wir, dass die R...
27/05/2026

Liebe Brüder und Schwestern, geschätzte Freunde unseres Ordens, liebe Interessenten,

mit Freude verkünden wir, dass die Registrierung und Anmeldung für unseren kommenden Jahreskonvent ab sofort freigeschaltet ist.

Wir laden alle Confratres, Consorores sowie interessierte Gäste herzlich ein, sich bei Teilnahmewunsch per E-Mail oder privater Nachricht mit uns in Verbindung zu setzen. Da das Platzangebot vor Ort begrenzt ist, werden die Anmeldungen nach ihrem Eingang berücksichtigt.

In Vorfreude auf ein segensreiches und verbindendes Treffen verbleiben wir mit den besten Grüßen.

Bernard-Raymond Fabré-Palaprat ist eine faszinierende Schlüsselfigur des historischen „Neotemplertums“. Die von ihm verb...
26/05/2026

Bernard-Raymond Fabré-Palaprat ist eine faszinierende Schlüsselfigur des historischen „Neotemplertums“. Die von ihm verbreitete Geschichte einer lückenlosen Nachfolge von den originalen Tempelrittern bis ins 19. Jahrhundert hält einer kritischen historischen Prüfung jedoch nicht stand.

Hier ist die vereinfachte Strukturierung seines Lebenswerks und der direkte Abbau der Templer-Legende in Textform.

Strukturierte Biografie: Fabré-Palaprat

1. Herkunft und Ausbildung

Kirchliche Wurzeln: Geboren 1773 als Sohn eines Chirurgen; Ausbildung zum katholischen Priester im Seminar von Cahors.

Medizinische Laufbahn: Verlassen des Priesteramtes während der Wirren der Französischen Revolution. Medizinstudium in Montpellier, Caen und Paris mit Abschluss im Jahr 1803.

2. Die Gründung des „Ordre du Temple“ (1804)

Die Behauptung: Fabré-Palaprat präsentierte die sogenannte Larmenius-Charta (angeblich von 1324). Diese listete 22 Großmeister auf, die den Orden nach der Hinrichtung von Jacques de Molay im Untergrund weitergeführt hätten – mit Fabré-Palaprat als logischem Nachfolger.

Inszenierung: Die Mitglieder nannten sich „Sir Knights“, der Großmeister trug pompöse Titel. Um die Legitimität zu untermauern, wurden angebliche Reliquien wie das Schwert von Jacques de Molay und Knochenfragmente präsentiert.

3. Die Johannitische Kirche & das Lévitikon (ab 1812)

Religiöse Wende: Fabré-Palaprat (inzwischen Freimaurer) fügte dem Orden eine gnostische, antikirchliche Komponente hinzu und wandte sich gegen die römisch-katholische Kirche.

Das Evangelikon & Lévitikon (1831): Er veröffentlichte ein vermeintlich altes Manuskript.

Die Kernbotschaft: Jesus war kein Gott, sondern ein Eingeweihter in die Mysterien des Osiris. Diese „wahre“ Lehre (Gnosis) sei über den Apostel Johannes direkt an die Templer übergegangen.

Das Schisma (1836): Vielen Rittern ging diese religiöse Radikalisierung zu weit. Es kam zur Spaltung des Ordens kurz vor Fabré-Palaprats Tod im Jahr 1838.

Der Abbau der Legende (Historische Fakten)

In der Geschichtswissenschaft besteht heute Einigkeit darüber, dass die Kontinuität der Tempelritter durch Fabré-Palaprat eine reine Erfindung des frühen 19. Jahrhunderts (eine bewusste Legendenbildung) war.


Die Larmenius-Charta ist eine moderne Fälschung: Das Dokument wurde nicht 1324, sondern um 1804 in Paris produziert. Das darin genutzte Küchenlatein und die Handschrift entsprechen dem 19. und nicht dem 14. Jahrhundert. Zudem schloss sie die echten schottischen Templer-Traditionen gezielt aus.

Die Reliquien waren reine Requisiten: Das Schwert, der Helm und die Knochenfragmente besaßen keinen historischen Wert. Sie wurden beschafft, um der Pariser Öffentlichkeit bei feierlichen Messen ein visuelles und emotionales Spektakel zu bieten.

Das Lévitikon ist ein zeitgenössisches Werk: Das Manuskript stammte nicht aus dem 15. Jahrhundert. Es wurde von Fabré-Palaprat selbst oder engen Vertrauten verfasst, um seine eigene, kirchenkritische Philosophie historisch zu legitimieren und Jesus zu einem "Oseris-Eingeweihten" umzudeuten.

Warum erfand er das?

Das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert war geprägt von Romantik, Geheimbünden und einer Sehnsucht nach ritterlicher Mystik (oft befeuert durch die Hochgrade der Freimaurerei). Fabré-Palaprat nutzte diese Strömung geschickt, um gesellschaftlichen Einfluss in Paris zu gewinnen und eine alternative, von Rom unabhängige „Urreligion“ zu begründen.

Das Erbe heute: Obwohl die historische Verbindung zu den mittelalterlichen Templern widerlegt ist, basieren die modernen, international aktiven Neotempler-Orden OSMTH (Ordo Supremus Militaris Templi Hierosolymitani) und OSMTJ in ihrer Organisationsstruktur und Tradition direkt auf dieser Gründung von Fabré-Palaprat aus dem Jahr 1804.

Die Templer und die Freimaurer haben nichts gemeinsam außer einer verfälschten Geschichte Chronica de Distinctione Verit...
26/05/2026

Die Templer und die Freimaurer haben nichts gemeinsam außer einer verfälschten Geschichte

Chronica de Distinctione Veritatis

Von der fundamentalen Verschiedenheit zweier Epochen

Es ist in diesen Tagen ein weitverbreiteter Irrtum unter dem Volke, als ob jene Ehrwürdigen Brüder, die Ritterschaft vom Tempel Salomons zu Jerusalem, und die Bauhütten der freien Steinmetzen aus ein und demselben Quell entsprungen wären. Doch wer die Chroniken der Jahrhunderte mit klarem Verstande prüft, der erkennt, dass ein tiefer Abgrund der Zeit und des Geistes diese beiden Bruderschaften trennt.
Zuvorderst betrachte man die Zeit: Die Arme Ritterschaft Christi vom Tempel wurde im Jahre des Herrn 1118 aufgerichtet und bereits im Jahre 1312 durch einen apostolischen Machtspruch des Papstes gewaltsam aufgelöst. Die Bruderschaft der Freien und Angenommenen Maurer hingegen formierte sich erst Jahrhunderte später aus den operativen Bauhütten des Spätmittelalters und trat als spekulativer, philosophischer Bund im Jahre 1717 zu London an das Licht der Öffentlichkeit.
Auch das Gelübde zeugt von gänzlich anderer Natur: Die Templer bildeten einen geistlichen Orden der heiligen katholischen Kirche. Die Brüder taten feierliche Gelobung der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams und unterstanden direkt dem Stuhle zu Rom. Die Freimaurer hingegen errichteten einen ethischen Bund freier Männer im Zeitalter der Aufklärung; sie sind weder ein Orden der Kirche noch an ein klösterliches Leben gebunden.
Zuletzt scheidet sie der Dienst, zu dem sie berufen wurden: Die Templer führten das Schwert zum bewaffneten Schutze der Pilger im Heiligen Lande und zum kriegerischen Streite wider die Ungläubigen. Die Freimaurer hingegen führen symbolisch die Kelle, um am rauen Steine der eigenen menschlichen Seele zu arbeiten und die Übung der Brüderlichkeit, der Toleranz und der Humanität unter den Menschen zu verbreiten.

Vom Ursprung der fälschlichen Fabel

Dass man in späteren Jahrhunderten die kriegerischen Templer mit den friedvollen Maurern in eins setzte, ist allein das Werk eitler Fabulanten und Dichter des achtzehnten Jahrhunderts, welche der Maurerei einen adeligen und geheimnisvollen Glanz verleihen wollten.
Es begann mit dem Ritterschlag des Chevalier Ramsay im Jahre des Herrn 1736. Dieser Gelehrte trat vor die Brüder in Paris und verkündete mit hochtrabenden Worten, die Freimaurer stammten nicht von schlichten Handwerkern ab, sondern von edlen Kreuzrittern, die einst das Grab des Herrn verteidigten. Obgleich er die Templer noch verschwieg, war der Same des Mythos gesät.
Es folgte ihm bald darauf der Freiherr von Hund, welcher ein neues System errichtete, das er die Strikte Observanz nannte. Er machte den Brüdern weis, der Tempelorden sei nach seiner Zerschlagung im schottischen Untergrunde niemals untergegangen. Er behauptete gar, von „Geheimen Oberen“ selbst zum Ritter geschlagen worden zu sein, um das Erbe der Templer in den Logen fortzuführen.
Doch die Wahrheit bricht sich Bahn. Als sich im Jahre 1782 die weisen Männer und Meister der Logen auf dem großen Konvent zu Wilhelmsbad versammelten, prüften sie die alten Pergamente, Siegel und angeblichen Stammbäume mit strengem Auge. Sie erkannten die Täuschung und sprachen feierlich aus, dass es keine historische Sukzession, kein Band des Blutes und keine rechtmäßige Nachfolge zwischen den Rittern des Tempels und den Brüdern der Loge gebe. Jede gegenteilige Behauptung wurde als bloßes Erzeugnis der Phantasie verworfen.

Conclusio

So steht denn fest, wie es schon Eure Feststellung weise besagte: Nichts haben diese beiden Gemeinschaften miteinander gemein, als allein die verfälschte Historie und die Fabeln jener, die Legenden über die nackte Wahrheit stellen. Die Templer gehören dem Zeitalter des Kreuzes und des Schwertes an; die Freimaurer dem Zeitalter des Zirkels und des Lichtes.

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Burggen
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