26/07/2026
Modernisierung ohne Inklusion? Inklusion Nord e.V. kritisiert fehlende Barrierefreiheit im Freibad Blumenthal und fordert Kurswechsel der Bremer Bäderpolitik
Barrierefreiheit darf kein nachträglicher Wunsch sein. Sie muss Grundlage jeder öffentlichen Investition werden.
Mit großer Verwunderung hat Inklusion Nord e.V. die Berichterstattung über die geplante Aufwertung des Freibades Blumenthal verfolgt. Während neue Angebote und Verbesserungen für das Bad vorgestellt werden, bleiben grundlegende Maßnahmen zur Barrierefreiheit erneut unberücksichtigt.
Für den Verein ist dies ein falsches Signal.
Wer öffentliche Einrichtungen modernisiert, muss zuerst sicherstellen, dass diese von allen Menschen genutzt werden können. Barrierefreiheit darf nicht erst am Ende einer Planung stehen. Sie muss deren Ausgangspunkt sein.
Ohne Beckenlift bleibt Teilhabe ausgeschlossen
Bis heute verfügt das Freibad Blumenthal über keinen Beckenlift.
Für viele Menschen mit körperlichen Behinderungen bedeutet dies, dass sie das Schwimmbecken nicht oder nur mit fremder Hilfe erreichen können. Von einer gleichberechtigten Nutzung kann unter diesen Bedingungen keine Rede sein.
Ebenso fehlt ein durchgängiges taktiles Blindenleitsystem. Blinde und sehbehinderte Menschen können sich deshalb auf dem Gelände nicht selbstständig orientieren.
„Öffentliche Schwimmbäder sind Einrichtungen der Daseinsvorsorge. Wer sie modernisiert, muss allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang ermöglichen. Alles andere widerspricht dem Gedanken einer inklusiven Gesellschaft.“
Bremen-Nord droht vollständig ohne Beckenlift dazustehen
Die Situation verschärft sich beim Blick auf ganz Bremen-Nord.
Nach unserem Kenntnisstand verfügen von zwölf Bädern der Bremer Bäder GmbH lediglich fünf über einen Beckenlift. Im gesamten Bremer Norden besitzt derzeit ausschließlich das Freizeitbad Vegesack einen Beckenlift.
Mit der geplanten Schließung des Bades während des Neubaus würde zeitweise in ganz Bremen-Nord kein öffentliches Bad mehr existieren, das Menschen mit erheblichen Mobilitätseinschränkungen einen selbstständigen Zugang zum Wasser ermöglicht.
Für einen modernen Stadtstaat wäre dies ein inakzeptabler Zustand.
Kritik richtet sich an Politik und Bremer Bäder GmbH
Inklusion Nord e.V. sieht die Verantwortung nicht allein bei der Bremer Bäder GmbH. Auch der Beirat Blumenthal sowie Ortsamtsleiter Oliver Fröhlich tragen politische Verantwortung dafür, dass Barrierefreiheit bei öffentlichen Investitionen konsequent eingefordert wird.
Gerade Modernisierungen bieten die seltene Chance, bestehende Barrieren dauerhaft zu beseitigen. Wer diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen lässt, verschiebt notwendige Maßnahmen auf unbestimmte Zeit.
Barrierefreiheit ist geltendes Recht
Barrierefreiheit ist keine freiwillige Leistung. Sie ergibt sich aus internationalen Vereinbarungen, Bundesrecht und Landesrecht. Dazu gehören insbesondere:
• Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 des Grundgesetzes.
• Die UN-Behindertenrechtskonvention, insbesondere Artikel 9, 19, 20 und 30.
• Das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes.
• Das Bremische Behindertengleichstellungsgesetz.
• Die Bremische Landesbauordnung.
• Die DIN 18040 als anerkannte technische Regel für barrierefreies Bauen.
• Die gesetzlichen Vorgaben zur digitalen Barrierefreiheit öffentlicher Stellen nach dem Bremischen Behindertengleichstellungsgesetz sowie der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung.
Diese Regelungen verfolgen ein gemeinsames Ziel: Menschen mit Behinderungen müssen öffentliche Einrichtungen gleichberechtigt, selbstbestimmt und ohne fremde Hilfe nutzen können.
Auch Informationen zur Barrierefreiheit müssen barrierefrei sein
Positiv ist, dass die Bremer Bäder GmbH auf den Internetseiten ihrer Bäder Hinweise zur vorhandenen Barrierefreiheit veröffentlicht. Diese Informationen werden jedoch überwiegend grafisch dargestellt.
Aus Sicht von Inklusion Nord e.V. reicht dies nicht aus.
Gerade Menschen, die Screenreader oder andere assistive Technologien nutzen, benötigen vollständig barrierefrei aufbereitete Informationen. Angaben zur Barrierefreiheit dürfen nicht selbst Barrieren schaffen.
Barrierefreiheit ist auch wirtschaftlich sinnvoll
Neben den rechtlichen Verpflichtungen sprechen auch wirtschaftliche Gründe für eine frühzeitige Umsetzung. Wird eine öffentliche Einrichtung ohnehin modernisiert, lassen sich Maßnahmen zur Barrierefreiheit deutlich kostengünstiger integrieren als bei späteren Nachrüstungen.
Wer bekannte Barrieren trotz laufender Investitionen bestehen lässt, verschiebt die Kosten lediglich in die Zukunft. Das ist weder nachhaltig noch wirtschaftlich.
Unsere Forderungen
Inklusion Nord e.V. fordert:
• einen fest installierten Beckenlift im Freibad Blumenthal,
• ein taktiles Blindenleitsystem auf dem gesamten Gelände,
• verbindliche Mindeststandards zur Barrierefreiheit für sämtliche Bremer Bäder,
• mindestens einen öffentlich zugänglichen Beckenlift in jeder Bremer Region,
• vollständig barrierefreie Informationen auf den Internetseiten der Bremer Bäder GmbH,
• die verbindliche Beteiligung von Behindertenverbänden bei allen Bau- und Modernisierungsvorhaben.
„Inklusion scheitert nicht an fehlendem Wissen. Sie scheitert an Prioritäten“, sagt der Geschäftsführer von Inklusion Nord e.V., Frank Schurgast. Und weiter führt Schurgast aus: „Wer Millionen in öffentliche Einrichtungen investiert und dabei Menschen mit Behinderungen erneut nicht mitdenkt, sendet eine klare Botschaft: Eure Teilhabe kann warten. Genau dieses Denken muss in Bremen endlich überwunden werden.“
Inklusion Nord e.V. fordert die Bremer Bäder GmbH, den Beirat Blumenthal, das Ortsamt Blumenthal sowie die zuständigen politischen Entscheidungsträger auf, Barrierefreiheit künftig nicht mehr als freiwillige Ergänzung zu betrachten. Sie ist ein Menschenrecht. Und sie ist Voraussetzung für eine gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen
Daumen untenFoto: Irina TischerBremen (kobinet) Der Verein Inklusion Nord kritisiert die geplante Aufwertung des Freibades Blumenthal in Bremen, da grundlegende Maßnahmen zur Barrierefreiheit nicht berücksichtigt werden. Der Verein zeigt sich verwundert über die Planung, die neue Angebote und Ver...