12/09/2026
Geschichte verstehen, Inklusion weiterdenken
Inklusion Nord und Autor Frank Schurgast veröffentlichen mit „Menschen mit Behinderungen in der DDR“ den ersten Band der neuen Reihe „Inklusion Nord INFORMATIV“.
Wie lebten Menschen mit Behinderungen in der DDR? Welche Unterstützung erhielten sie, wo stießen sie auf Grenzen und wie viel Selbstbestimmung war innerhalb der staatlichen Strukturen tatsächlich möglich?
Diesen Fragen widmet sich das neue Buch „Menschen mit Behinderungen in der DDR“ von Frank Schurgast, Inklusionsberater, Speaker und Geschäftsführer von Inklusion Nord e.V. Das Buch bildet zugleich den Auftakt der neuen Reihe „Inklusion Nord INFORMATIV“.
„Wer Inklusion heute verstehen will, muss auch ihre Geschichte verstehen“, sagt Frank Schurgast. „Vorstellungen von Behinderung, Normalität, Fürsorge, Teilhabe und Selbstbestimmung sind nicht vom Himmel gefallen. Sie haben sich historisch entwickelt. Deshalb müssen wir auch wissen, welche Erfahrungen und Strukturen ihnen vorausgingen.“
Zwischen Unterstützung und Bevormundung
Die Geschichte von Menschen mit Behinderungen in der DDR lässt sich nicht auf ein einfaches Urteil reduzieren. Das Buch zeigt die Widersprüche eines Systems, das soziale Sicherheit, medizinische Versorgung, Rehabilitation, Bildung und berufliche Eingliederung als gesellschaftliche Aufgaben verstand, gleichzeitig aber erhebliche Einschränkungen von Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe kannte.
Unterstützung konnte mit Kontrolle verbunden sein. Institutionelle Versorgung konnte Schutz und Förderung bedeuten, zugleich aber persönliche Handlungsspielräume begrenzen.
Das Buch betrachtet deshalb nicht nur staatliche Vorgaben und politische Strukturen. Im Mittelpunkt stehen die Menschen selbst: ihre Familien, ihre Erfahrungen, ihre Entscheidungen und ihre Handlungsspielräume.
Beleuchtet werden unter anderem medizinische Versorgung und Rehabilitation, Früherziehung, Kindergarten und Schule, Ausbildung und Arbeit, Wohnen, Hilfsmittel und Mobilität, Kirche, Freizeit, Sport und Kultur, Partnerschaft und Familie, Medien und Öffentlichkeit sowie Selbstvertretung und politische Teilhabe. Auch die Umbruchzeit 1989/90 und die Entwicklung nach der deutschen Einheit werden kritisch eingeordnet.
Zeitzeugenberichte ergänzen wissenschaftliche Forschung und historische Originalquellen. Dadurch entsteht ein differenziertes Bild, das staatliche Strukturen ebenso berücksichtigt wie individuelle Lebenswege.
Keine Geschichte von „gut“ und „schlecht“
Das Buch versteht sich ausdrücklich nicht als Gegenüberstellung einer „schlechten DDR“ und einer „guten Bundesrepublik“.
Auch die Entwicklung nach 1990 wird nicht aus einer vermeintlichen westdeutschen Überlegenheitsperspektive erzählt. Die deutsche Einheit brachte neue Rechte und Möglichkeiten, bedeutete aber nicht automatisch, dass alles Vorherige wertlos oder jede neue Struktur automatisch besser war.
„Geschichte sollte nicht dazu dienen, uns im Nachhinein selbst zu bestätigen“, so Schurgast. „Sie sollte uns zur kritischen Selbstprüfung bringen. Das gilt auch für die heutige Inklusions¬arbeit.“
Gerade dieser Blick macht die Disability History für die Gegenwart relevant.
Warum die Geschichte für Inklusion heute wichtig ist
Inklusion Nord versteht die Beschäftigung mit Geschichte nicht als Selbstzweck. Die historische Perspektive soll helfen, heutige Entwicklungen besser einzuordnen.
Denn Inklusion hat eine Geschichte.
Wer heute über Barrierefreiheit, Selbstbestimmung, Teilhabe und inklusive Bildung spricht, sollte auch wissen, wie Menschen mit Behinderungen früher betrachtet wurden, welche Ent-scheidungen über sie getroffen wurden und welche Strukturen ihre Lebenswege geprägt haben.
Für Inklusion Nord bedeutet das auch, die eigene Arbeit kritisch zu betrachten. Sichtbarkeit allein reicht nicht aus. Menschen mit Behinderungen müssen dort mitentscheiden können, wo Entscheidungen ihr eigenes Leben betreffen.
„Nichts über uns ohne uns“ gilt deshalb nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für den Umgang mit unserer Geschichte.
Auftakt einer neuen Reihe
Mit „Inklusion Nord INFORMATIV“ möchte Inklusion Nord künftig gesellschaftlich relevante Themen fundiert aufbereiten, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und den Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart fördern.
Dass die Reihe mit der Disability History der Menschen mit Behinderungen in der DDR beginnt, ist bewusst gewählt.
Der Blick zurück ist der Ausgangspunkt für den Blick nach vorn.
Das Buch „Menschen mit Behinderungen in der DDR“ ist ab sofort erhältlich.
Buchinformationen
• Einband: Taschenbuch
• Aus der Reihe Inklusion Nord INFORMATIV, Band 1
• Erscheinungsdatum: 31.08.2026
• Verlag: BoD – Books on Demand
• Seitenzahl: 690
• Maße (L/B/H): 22/17/4,8 cm
• Gewicht: 1185 g
• Auflage: 1. Auflage
• Sprache: Deutsch
• ISBN: 978-3-696-71114-6
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